Kinderseele.
Roman von Reinhold Ortmanrr.
(Ncubdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Eine Beleidigung? Sie müssen mich völlig mißverstanden haben, wenn Sic es dafür nehmen können. Daß. das Kind vier nicht bleiben kann, muß Ahnen doch einleuchten, denn dies Schloß wird Istnfort eine Stätte des Grauens und des ?chscheus sein für alle, die ihm nahe kommen. Bon all dem Schrecklichen nicht zu reden, das der Fortgang der Untersuchung mit sich bringen muß. Mler Voraussicht nach tvird man ja nicht einmal die Grabesruhe meinen Schwester respektieren können. Soll Dietlinde vielleicht mit eigenen Augen sehen, daß man die irdische Hülle ihrer! Mutter voin Kirchhof wegfährt, um sie auf den Scziertisch zu legen?"
„Sie wird davon so wenig sehen wie von irgend etwas anderem Schrecklichen — verlassen Sie sich darauf! Darüber aber, ob sie hier bleibt oder nicht, hat der Baron Bardelcbcn zu bestumnen, sonst niemand auf der Welt, und wenn der Wahnwitz verblendeter oder rachgieriger Menschen in Wahrheit herausbeschwörcn sollte, was Sie prophezeien, so werde ich ganz gewiß alle meine schwachen Kräfte dafür einsetzen, daß sie niemals in die Gewalt eines Manneß, kommt, der mit vollem Bewußtsein ihr junges Leben zerstört und vergiftet hat. Solange man mir das Kind nicht gewaltsam entreißt, so lange werde ich es auch kehren, seinen Bater zu lieben und die zu verabscheuen, die in blindem Haß nach eines edlen und ritterlichen Mannes Verderben trachten."
Margarete hatte das Zimmer längst verlassen, als auch Herbert Rasmussen, schwerer als sonst aus seinen Stock gestützt, die Jäir hinter sich zuzog, um langsam über den Korridor und durch die dunkle Parkallee der abseits gelegenen Stelle zuzuschreiten, wo ihn sein Wagen erwartete.
21. Kapitel
Die neunte Abendstunde war schon vorüber, als der Klang des schlitte ngelauts vor dem Herrenhaus? die .Heimkehr des Schloßherrn ankiindigte. Bardeleben sah nicht wesentlich anders aus, als seine Umgebung ihn seit Wochen kannte, und er erteilte, bevor er die Halle betrat, dem Kutscher in gewohnter Weise die auf den nächsten Tag bezüglichen Befehle.
Als ihm der Diener den Pelz abnahm, fragte er: „Wissen See, ob Fräulein v. Ostrowski sich bereits zurückgezogen hat?"
Er erhielt den Bescheid, daß das gnädige Fräulein "sich noch tat Wohnzimmer befinde. Da fuhr er noch einmal mit beiden Händen durch seinen Bart iund reckte sich auf, wie wenn er energisch «ine schwere Müdigkeit abschütteln wollte, bevor er Jadwiga gegenübertrat.
sie beinühte sich nicht, freundlich und heiter zu scheinen, als sie ihren Vetter die Schwelle überschreiten sah. Sie hatte seine .Heimkehr nur abgewartet, weil sie in den endlos langen Stunden dieses peinvollen Tages zu dem festen Entschluß gelangt ivar, noch heute eine Aussprache Herbeizufuhren, die ihr Gewißheit verschaffte über das, was sie von der nächsten Zukunft zu erwarten hatte.
„Ich habe dir eine Mitteilung zu machen, liebe Jadwiga, und ich hoffe, du wirst mir verzeihen, wenn sie auf nichts anderes hinausgeht als auf eine Aufkündigung der Klein-Ellbacher Gastfreundschaft."
Sie richtete sich auf und sah ihm gespannt ins Gesicht. „Es müssen sich ja.außerordentliche Dinge zugetragen haben, wenn du dich veranlaßt siehst, mir die Tür zu weisen.
„Run ja, man dars sie wohl außerordentlich nennen. Es ist die Vermutung anfgetancht, daß Irma nicht an ihrer Krankheit, sondern durch — durch eine Vergiftung gestorben sei."
Jadwiga schlug mit einem Aufschrei des Entsetzens die Hände zusammen. „Durch eine Vergiftung — sagst du? Aber du selbst, Harro — du selbst glaubst doch nicht daran?"
„Nachdem die Wissenschaft gesprochen hat, bleibt mir Ivohl kaum etwas ard.'res übrig, als daran zu glauben."
„Aber wie soll denn das geschehen sein? Es könnte sich doch nur um einen unglücklichen Zufall handeln, um eine verdorbene Speise vielleicht oder —"
„Rein. Nach der Auffassung der Behörden handelt es sich entweder um Selbftniord oder um ein Verbrechen. Es sieht fast so aus, als ob man das letztere für das Wahrscheinlichere hielte."
„Und von wem? Man müßte doch gegen irgend jemand Verdacht haben, um an eine so furchtbare Möglichkeit zu glauben!"
„Vielleicht hegt inan solchen Verdacht in der Tat. Ich kann dir darüber keine Auskunft geben, denn nian Hai sich gegen mich nicht.ganz rückhaltlos ausgesprochen. Jedenfalls aber werden die Tage, die den Bewohnern meines Hauses bevorstehcn, nicht von der angenehmsten Art sein, und ich loürde drr einen schlechten Beweis meiner Dankbarkeit geben, wenn ich nicht den Wunsch hätte, dir dies zu ersparen."
„Ich verstehe nicht, Harro, was du damit meinst. WaS sollte mir denn geschehen?"
„Dir persönlich natürlich nichts. ?lber die Angelegenheit wird inorgen im Munde der ganzen Umgebung sein, wenn sie es nicht schon heute ist. Jeder, der mit dem Schloß irgendwie im Zulaminenhang steht, wird fortan zu einer Sehenswürdigkeit für die gairzc Bevölkerung werden. Du würdest bei der Gelegenheit vielleicht erfahren müssen, daß es ein gar böses Ding ist, der Gegenstand einer sensations- hungrigcn Reugier zu sein."
„Dergleichen kann man übersehen, und wo es sich nicht übersehen läßt, kann man es ignorieren."
„Aber es könnten auch Dinge geschehen, die sich beim besten Willen nicht überleben oder ignorieren lassen. Der


