Ausgabe 
1.10.1914
 
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jjeu vor dem Arsenal ausgestellt, das eine Munitionsfabrik ist, ein Wafsendepot und eine Art WienerZeughaus" zugleich. Da stehen sie nun, die guten russischen Kanonen. Ein fremder Anblick: denn sic sind anders als unsere Geschütze: aus Stahl, nicht aus iBionce. An Anblick voll gemischter Gefühl«: denn diese schwarzen Schlünde lwaren vor nenigeü Tagen noch aus das Leben der linieren gerichtet. Es sind ausgezeichnete Kanonen, sie waren vortrefflich bespannt, aber - wahrhaftig! nicht so vortrefslich bedient. In manchem Rohr stak noch eine Kugel. Beim Ansturm unserer In­fanterie hatten die Russen Nicht einmal Zeit, die geladenen Kugeln abzuprotzen. Und diese feige, pslichtvergessene Flucht ist uns ein gutes Vorzeichen für den schließlichen Sieg. Der russische Soldat tut, was man ihn heisst. Aber darüber tut er weiter nichts. Er tut es lohne Aufopferung, ohne begeisterte Hingabe, er tut es ohne Liebe. Aber jedem von unseren -Soldaten blüht eine kleine blutrote Blume der Selbstvergessenheit rm Herzen, wie die rote frische Pelargonie, die die flichende Frau aus Galizien gebracht hat. Ihr Anblick war wie ein Symbol. Blühendes aus dem Land, das der Feind besetzt hat Einstweilen, bis auf Weiteres! Und Wien ist ruhig Es darf ruhig sein. _

Der $oI)tt.

Ostpreußischen Flüchtlingen nacherzählt.

Von L. Malten.

Pack ihm ein, pack ihm ein, Mütterchen," sagte der alte Guts­besitzer zu seiner Frau uich reichte ihr noch einen beträchtlichen Schinkenvorrat zu den Würsten hinüber hinter den Tisch, wo die Mutter den Rucksack des Sohnes vollstopfte,was er nicht braucht, braucht ein anderer," setzte der Mann die Rede fort.

Krieg ... ich bab's kennen gelernt. . . Jo, blutjung, wre ich war, da haben wir manchmal eine lange Jung' gemacht nach einem Bissen oder einem Trunk wenn's nur Wasser gewesen wär' aber auch das war knapp."

Er stellte zwei Fläschchen alten Rotwein auf den Tisch. Die

t rau blickte hoch von ihrer Arbeit. Ihre Blicke sanken ineinander.

rieg ... ES war ja kaum zu fassen, daß die ganze Welt binnen »wei Tagen ein anderes Gesicht hatte. Krieg . . . Und der forderte Oimt letzten, einzigen Jungen. Drei hatten sie schon verloren. Blieb nur noch das Enkelkind, die Roselies . . .

's treffen nicht alle Kugeln, Mütterchen," meinte der alte Gutsbesitzer mit halbem Lächeln. Das siebst' ja an mir."

Durch's offene Fenster streckte sich ein dunkler Männerkopf herein.

'Tag, Herr Nachbar . . ."

Erbarmen, Herr Pfarrer, na nur herein."

Sind Sie denn noch hier . . . und die Roselies am End' auch?" fragte der Geistliche entsetzt.Räumen, Menschen ... er­barmt Euch ! Der Kommandant bat's besohlen. Eben habe ich meine Frau und die Töchter nach der Stadt gebracht."

Tie RoselieS kaum fünfzehnjährig kam an den Fenstern vorbei. Sie steckte den Kopf zur Tür herein und rief:Tag, Herr Pfarrer," lte : noch einmal zurück und brachte einen schweren Obst­korb voUer Aepfel herein. Sie gab dem Pfarrer die Hand und knipte. Ihr dunkelumrahmtes Gesichtchen war selbst so zart und rot wie die echten Grafensteiner, die sie brachte.

Menschen, erbarmt Euch! Eure Sorglosigkeit ist schrecken­erregend."

Der geistliche Herr wurde braunrot vor Zorn und stampfte den Boden mit seinem Landstock.

Am Nachmittag reiste der Sohn. Gertenschlank ragte seine krästtge Gestalt neben der des Vaters, der ihn »ur Bahn gefahren hatte. Das blonde Gesicht strahlte vor Kampfeslust. Er hatte nicht weit zu fahren. Der Vater würde ihm noch Proviant bringen, be­vor sie ihr Land verließen.

Grüß die Muttchen . . . und die Roseltes . . . und macht Euch fort, wenn'» auch nicht so schlimm sein wird, wie der Pfarrer meint . . . leb' wohl, Väterchen, Hab' Dank, mein goldneS Väterchen. . ."

Der Zug fuhr hinaus. Dent alten Mann wurde dos Herz mit einemmal so schwer . . . Der Sohn ... Der letzte . . -

Die Schlacht tobte schon um Gumbinnen, und noch immer zögerten die Gutsleute. Kam da ein langer Zug Flüchtlinge vor­über. Männer und Frauen und Kinder.

Sie morden und brennen die Kosakenhund«!" schrie eine Frau voni Wagen herunter, als'sie die Leute vor der Tür stehen sah.Was sitzt ihr hier . . . erbarmt euch, Menschen!"

Und eine andere ergänzte die Rede:Die sinken euch doch in eurem versteckten Winkel. Die finden alles . . ." Sie drohte mft den Fäusten nach rückwärts . . .

*

r. , Krauen standen gerüstet. Das Dienstvolk war berefts ge- flohen. Sie bestiegen den Sandschneider. Die Tiere kamen aus rhren offenen Ställen heran und beschnubberten das Gefährt . . .

schweigend. Der Mond hing zinnern zwischen den Wolken. Plötzlich schrie Roselies auf.

Dort, seht doch ... am Baum . . ." Der alte Mann spvana herunter die Frau haschte nach den hingeworscnen Zügeln. Sw sah den. Manne nach ... wie er rannte. Sie wollte hinüber- fahren und konnte nicht. Die Roselies sah sie rennen . . . und dann raffte sie sich zusammen und band das Pferd fest und ging den an­dern nach.

Ja ... ja ... Da hing einer . . . Sie holten ihn herab und betteten ihn auf dem Boden . ihren Jungen . .. ihren letzten ..,

Sie sind wie erfroren . . . alle drei . . . ganz erstarrt vom Schrecken.

Mit deir vollgepackten Taschen haben sie ihn . . ."

Der alte Vater senft die Rechte in den halboffenen Rucksack und zieht sie entsetzt zurück.Finger . . . abgeschnittene Finger," schreit er entsetzt,Großer allmächtiger Vater!"

Und er schüttet diese Taschen aus, die von den Greueltaten er­zählen, die die bestialischen Feinde verübten . . . und trägt dem geliebten Sohn zum Wagen . . .

Stumm sitzen sie mit ihrem Jammer im Herzen . . . Im Osten färben sich die Wolken rosig, als sie durch das Stadttoo fahren. _

vermischte».

* W affen g attung » nd Verwundung. Die bisher erschienenen Verlustlisten lassen, abgesehen von der Feststellung, daß Offiziere in relativ viel größerer Menge fallen als Mannschaften, statistische Schlüsse nicht zu, weil man nicht weiß, wie groß die inS Feuer gekommenen Truppenmassen waren. Wahrscheinlich werden aber die im Kriege 1870/71 gewonnenen Resultate auch diesmal im ganzen und großen zutrefsen, vielleicht mftt einer kleinen Ver­schiebung zuungunsten der Arttlleric und der Prouierc. Danials stell­ten sich die Verluste von den Chargen sei hier abgesehen- beim Großen Hauptguartier und den Armeekommandos auf 0,41, bei der Infanterie auf 3,95, bei der KavaUerie auf 4,46, bei de, Artillerie auf 1,33, bei den Pionieren auf 0,54, beim Train au 0,13, im Durchschnitt auf 3,22 Prozent. Danach war also, um auch im später folgenden Russisch-Türkischen Kriege und wie vorher, stets die Infanterie die gefäbrdetste Waffe. Jetzt dürfte ihr dt» Fliegertruppe aber wohl den Rang darin streifig machen. Bei de< Artillerie, die doch damals eine sehr große Rolle spielte, ist nicht nur der geringe Prozentsatz von Verwundungen merkwürdig, son­dern auch der Umstand, daß die Verwundungen verhältnismäßig leicht waren. Die Verwundungen bet der Kavallerie waren viel schwerer und gefährlicher. Es erlagen von den Verwundeten sofort oder innerhalb 24 Stunden:

Offiziere Mannschaften zusammen

8.8 II«, S 166,7

18,5 182,2 195,7

8.8 106,0 113,3

32,4 181,8 164,2

9,0 146,3 154,8

Ebenso schnitt die Kavallerie am schlechtesten ab, ioenn man all» die Verwundeten in Betracht zog, dre bis zum 31. Mai 1871 starben oder wiederum die, die geheilt ivurden. Deren waren bet ver Infanterie 88,8 Prozeitt, bei der Artillerie 90,2 Prozent, bet den Pionieren 89,7 Prozent, bei der Kavallerie aber nur 87,8 Pro­zent, das ist also weniger als der Durchschnitt von 88,9 Prozent. Im übrigen ergibt sich aus den vorhandenen Zahlen, daß bei allen Waffengattungen von de» verwundeten Offizieren weniger als von den Mannschaften geheilt werden.

* Amerikanische Kriegs-Aphorismen. Auch ein Schrecken des Krieges": Die Möglichkeit, die sich Chikago eröffnt, die Führerschaft in Modesachen von Paris an sch zu reißen (Boston Trauscript). Wenn keine Nachrichten grtte sind, wie das Sprich­wort sagt, dann sind die Zensoren der europäischen Presse dt« größten Prediger des OpttmismuS (New Bork American)., Wenn die amerikanischen Kriegsürrrespondenten, die nach EuropA

( weilt sind, die neuesten Neuigkeiten erfahren wollen, dann soften ie sich auf 'ihre Zeitungen zu Dause abonnieren (Boston Tran- cript). Wie völlig Belgien auf die Garantie seiner Neutralität vertrante, gebt am besten aus der Tatsache hervor, daß eS danebm noch eine tüchtige Menge von starken Festungen an seiner Grenz« ausbaute (New Bork Evening Sun).

bei der Infanterie , , Kavallerie

, Artillerie

, den Pioniere» im Durchschnitt

Geographischer verschiebrätsrl.

Hannover, Abruzzen, Garonne, Kairo, Florenz, Agratch Lausitz, Mailand, Ltstabon, Ungarn, Loioten. Vorstehende Namen sollen derart untereinander gcschobei, werden, daß eine Buchslabenreihe, von oben nach unt«n geleseitz den Namen eines Badeortes ergibt.

Auflösung in nächster Nummer,

Auflösung der Schach-Ausgabe in voriger Nummcil Weiß. Schwarz.

1) L d 4 e 3 K d 6 8 5.

8) D d3 d7 X»5 !6.

3) h 7 h 8 Läufer \ und Matt.

Redaktion: Aug. Do»tz Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen U»Iv«rsttätS-Buch- und St»indrucker«t, 8. iange, Dleßeii.