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gehalten. DaS Kind meiner gemordeten Lchnxster parf nicht länger unter dem Dache dieses verfluchten HauseS bleiben, und eS darf unter keinen anderen Schutz gestellt Werden als unter den meintacn. Sind Sie bereit, mit Dietlinde zu mir zu kmnmen, sobald Sie die Bestätigung er» halten, daß Bardeleben verhaftet worden ist?"
„Ihr Ansinnen ist eine Beleidigung, deren Sie sich in tiefster Seele schämen müßten."
(Fortsetzung folgt.)
Das deutsche Wien.
Von Dr. Hans Wantoch.
Wien, im September 1914.
Wunderbar n>ar es, wie die Wiener die Räumung von emberg hingenommen haben. Ohne auch nur einen Augenblick c stolze Zuversicht in den Endersolg zu verlieren. Ganz im Sinne ocs offiziellen Eommunigues, daß dies nur eine vorläufige Maßnahme sei, ohne jede strategische Bedeutung, aber aus taktischen Gründen für den Augenblick unbedingt geboten. Und viele, die in den lauen Jahren des Friedens diese Stadt gescholten hatten, baten ihr nun im stillen ab. Vor wenigen Wochen erst, ehe noch die glänzenden Siege von Krasnik und Zamosc erfochten waren, sagte mir einer von denen: „Es wäre verhängnisvoll für die Stimmung, wenn loir den Krieg nicht mit einem großen Siege crössneten." „Abwarten!" erwiderte ich. Er aber fuhr fort: „Ja, wenn wir Deutsche wären! Die Deutschen sind zäh in ihrem Zutrauen zur eigenen Kraft. Gelingt es nicht heute, denken sie, so wird es ein andermal sein. Sehen Sie dagegen die Franzosen — die verlieren gleich den Kopf, und sie iverden sehen .." „Sie werden sehen," siel ich ihm ins Wort, „wir sind wie die Deutschen Wir werden es, wenn uns nicht gleich ein voller Erfolg beschicken ist, mit Würde ertragen. Das Vertraue» in unsere Armee ist nicht zu erschüttern." Und so kam dann der Tag, an dem sich das österreichische Heer vor einem dreifach überlegenen Feinde in geschütztere Positionen zurückzog. Wer die Uebcrmacht schreckt uns nicht. Denn am Ende bleibt der Stärkere doch Sieger. Aber die Stärke ist kein »loßes Rechenexcmpel. Sie besteht nicht nur aus Truppenmassen, andern auch aus dem Elan dieser Truppen, der Begeisterung ihrer ! Hingabe, der Disziplin ihrer Reihen. Und Wien ist ruhig. Wien st deutsch.
Das Leben geht seinen täglichen Gang. Geordneter, unbekümmerter, friedlicher, möchte man sagen, als am Beginne des Krieges. Vor einigen Wochen — wie lange scheint das schon her! — da war der geschäftliche Verkehr, da war gerade das Kleine und Alltägliche der Wirtschaft durch einen plötzlichen Mangel an kleiner Münze ins Stocken geraten. Bor einigen Wochen, da suchten ein paar geioissenlose Krämer aus der Erregung der Vielen ihr privates Prositchen zu schlagen, indem sie die Dinge des täglichen Bedarfs Nur zu kostbaren Preisen verkauften. Und die allgemeine Erwartung machte sich in den wildesten Gerüchten Luft, Siegcsorgien wurden gefeiert und Hiobsposten betrauert. Ganze Armeen der Feinde waren gefangen, ganze Provinzen unseres Reiches vom Gegner Überschwemmt. Mit einemmal aber ist das anders geworden. Die Nerven der Leute haben sich an den Krieg geivöhnt. Wir haben Kleingeld, soviel wir wollen, wir haben Dank den, behördlichen Eingreifen Lebensmittel »u wohlseilen Preisen, und Gerüchte gibt es nicht mehr. Ruhig lassen die Leute ihr Geld in Banken und Sparkassen liegen, und die Abschlüsse in gewissen Effekten, die inoffiziell, im Privatverkehr während der letzten Wochen vorgenommen worden, erzielten Kurse, die nicht viel unter den Notierungen vor Kriegsausbruch blieben und sie zuweilen sogar übertrafcn. Wien ist ruhig, Wien ist deutsch.
Fricklich ist das Bild um die Mittaasstuirde auf dem Ring: Leute, di« aus der Stadt zu ihrem Mittagstisch strömen, Beamte aus den Banken, Kommis und die Verkäuferinnen aus der, Geschäften. Und wiederum Leute, die aus den Vorstädten in die innere Stadt eilen. Heitere Gesichter, ein sanfter Tumult, klar und rein der Himmel darüber. Da kommt plötzlich eine Bewegung in die Massen. Alle strömen zum Fabrdamm der Ringstraße hin. Sie stellen sich auf zum Spalier: die Wagen der Elektrischen mit dem Roten Kreuz an der Brüstung fahren vorüber. Lastauto-, die man zu bequemen Krankenwagen umgebaut hat, sausen an ihnen vorbei. Die dunkelgrauen Wagen der Rettungsgesellschaft. Ein Verwun- betentransport. Stumm stehen die Leute. Sie lüsten die Hüte. Sie grüßen die Helden, die für sie ihr Leben und iyre Gesundheit gewagt haben, für Alle, die hier in Schutz und Sicherheit stehen. Sie grüßen sie ohne Zuruf nur durch das Lüften des Hutes. Es
I st eine überwälttgende Ehrenbezeugung. Es hat etwa« tief Erarei- endes: die stumme Menge und der stille Zug. Aber man ist es n Wien, in den: sonst so lustigen und leichtlebigen Wien, gewöhnt: o stehen die Leute, so grüßen die Leute wenn sonst ,hr alter kaiser vorbeifährt. Ohne Doch und Hurrah, ohne jubelnde Beteuerung. Dieses Gefühl braucht keine Worte. Sie wissen, daß sie stnS find: der Kaiser und sein Volk, die Taheimgebliebenen und die rn Kaisers Rock.
Ueber den Ring fahren die VerlvundeteutranSporte. Man hat Straßenbahnschienen bis in den großen Hof des Allgemeinen Krankenhauses gelegt, und mit einer Präzision ohnegleichen gehl die Einguartierung der Verwundeten vor sich Vieles hat sich in diesen Tagen glänzend bewährt. Mer nichts steht so groß und leuchtend da wie der alte Ruhm der Wiener medizinischen Schule, die einst ein Billroth begründet hat und die heute noch erlauchte Vertreter wie Hochcnegg und Eiselsberg und Julius Schnitzler, den Bruder des Dichters, zu ihren Repräsentanten zählt. Viele von den leichter Verwundeten, die man von den fernen Schlachtfeldern nach Wien gebracht hat, kommen hier schon als Rekonvaleszenten an. Und sie wollen gleich wiederum iu de» Krieg, denn nichts, keine Arbeit, keine Beschäftigung dünkt uns in diesen Tagen von Wichtigkeit und von Wert als diejenige, die dem Krieg gilt. Mes andere dünkt die Leute wie für eine andere Weltordnung, wie für ein anderes Gesetz des Lebens geschaffen, cs scheint ihnen ins Ungewisse und ins Ueberslüssige getan. Den Verwundeten, wie den Daheimgcblie- benen. Und es bedurfte vieler Worte sanfter Ueberredung, damit sie es begriffen, das Heldentum der Taheimgebliebenen liege in dem Ausharren aus ihrem Posten der Arbeit, liege in der Niederdrückung all der Gedanken, Sorgen und Hoffnungen, die den, Schlachtfeld zugewandt sind, liege in der Erfüllung ihrer bürgerlichen Pflicht, die im Kriege den künftigen Frieden bereitet.
Auch die Leute daheim sind mit dem Krieg vollauf beschäftigt. Der Krieg braucht viele Hände auch hinter der Front. Und zn aller übrigen Arbeit ist nun eine neue gekommen. Väterchen Zar hat einen rührenden Ausruf „An seine lieben Juden" gerichtet. Wer in Erinnerung an die Pogroms haben ihm seine lieben Inden mißtraut. In ungeheueren Scharen mit rasch zusammengerafftsr Habe, in einem bunten, komischen und rührenden Wfzug sind sie aus Galizien nach Wien geflüchtet, jüdische Händler, polnische Bauern. Der eine hielt eine hellgelbe, ganz moderne Reisetasche in der Hand und hatte einen ganz groben Kohlensack auf dem Da war eine Frau, die hatte gllen mögliche» Hausrat in der Eile zusammengerasft, drei Kinder führte sie mit sich, aber den Kanarienvogel hatte sie nicht vergessen. Da war eine andere, ganz bepackt mit Koffern und Schachteln, abgemattet von der Flucht, müde und erschöpft, aber der Pelargonienstock, den sie in der Hand hielt, war frisch, seine Blüten leuchteten blutrot. Sie mußte ihm während der Fahrt oftmals frisches Wasser gegeben haben.
Nun versammeln sich all diese Leute jeden Tag aus einem Platz im zweiten Bezirk, dem Judenviertel. Und ein hübscher Zufall will es, daß dort gerade eine Kirche steht. Eine katholische Kirche, find auf ihren Steinstufen sitzen die Juden aus Lemberg. Aeltere im langen Kaftan mit langen schwarzen und roten Bärten, kleine Löckchen über den Ohren. Jüngere, die schon ganz westeuropäisch gekleidet sind, eine Schar von Frauen und Kindern und die pol- nischen Gymnasiasten in ihren dunkelblauen ülniformcn, eine dunkelblaue Kapitänsmütze auf'dem Kopf. Sie reden eine fremde, unverständliche Sprache, polnisch oder jenes jüdisch-deutsch, das in gewissem Sinn international ist und in Rußland wie jn Galizien, tu den Judenvierteln von London wie im Ghetto von Newyork gleicherweise gesprochen wird. Nur Brocken fängt man auf, abgerissene Worte, wie mit Ekrasit geladen, von Haß und Verachtung gegen die Russen. Und einer — er ist besser gekleidet wie die anderen, er spricht besser deutsch, er ist der Kulttisvorsteher einer; kleinen Stadt östlich von Lemberg, wo bunt durcheinander Polen- Ruthenen und Juden wohnen — der erzählt mir, daß es im Frieden zwischen den dreien selbstverständlich allerlei Reibereien gäbe, und darum würde jedesmal bei den Wahlen in die Gemeindevertretung eine Menge Stimmzettel abgegeben, die auf Kaiser Franz Josef lauten, denn nur wenn Kaiser Franz Josef in der Gemeindevertretung säße, würde nach der Meinung der Leute Ruhe sein.
Alle tragen sie das Bildnis Kaiser Franz Josefs am Kaftan, das Bildnis Kaiser Wilhelms daneben, und wenn ein Trupp Soldaten vorüberzieht, dann kommt eine seltsame Bewegung in diese Leute. Wie zum Segen heben sie ihre Hände empor, neigen sich fies vor ihnen zur Erde. Das österreichische Heer ist lhiö Retter, ihr Helfer und ihre Zuversicht auf die Wiedererlangung ihrer Habe, denn kaum mit dem Nötigsten find die meisten Leute geslohen. Sie wohnen tn Massenquartieren, 20, 30 in einem Zimmer. Wer schon ist, das Ministerium an der Spitze, ein Hilfskomitee nwbilisiert, das für sie sorgt. Die reicheren Flüchtlinge haben unsere Hotels überfüllt. Und so bringt der Krieg, der so viele Industrien und Unternehmungen brach gelegt hat, manchem anderen wieder einen kleinen Aufschwung. Es ist überhaupt ein hesonderes Kapitel in der Volkswirtschaft: die Krwgs- industrie. Und da gibt es wiederum einen ganz besonderen Artikel, der die hübschesten Preise erzielte und den die Behörde schließlich verbieten mußte: es waren die Uniformknöpfe, die Rockspangen- die Mützen der Russen, die man gefangen nach Oesterreich gebracht hatte, irnd von denen jeder für teueres Geld sein kleines Andenken
«ch.^ist ja so leicht begreiflich, daß man in seiner Sicherheit- fern vom Schuß, ivenigstens -in Stückchen Rußland bei sich zu haben wünschte. Jetzt aber brauchen wir es nicht mehr, denn wir haben schon ganz gehörig« Stücke bei uns. Rußlands Armee deS Angriffs, Rußlands verdcrbenspeiende Schlünde: die Kanonen, dl« unsereTruppen erbeutet haben. Nun hat Man diese Trophäen brau»


