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daß Sie meine Bitte abschlagen könnten. Sie erraten, weshalb ich hier bin?"
„Nein, Herr Rasmussen, ich ahne es nicht, und ich gestehe offen, daß ich Ihrem Wunsche nur sehr ungern nach? gegeben habe. Wie soll ich derartige Heimlichkeiten vor Herrn von Bardeleben verantworten?"
„Machen Sie sich darüber keine Sorge. Er wird voraussichtlich nie mehr in die Lage kommen, Rechenschaft von Ihnen zu verlangen."
„Was heißt das? Um Gottes willen, was wollen Sie damit sagen?"
Wie ein Ausschrei tödlicher Angst waren die Worte von ihren Lippen gekommen, und in einer Gebärde des Entsetzens hatte sie die Hände erhoben.
Der Oberleutnant neigte sich näher zn ihr und sagte mit gedämpfter Stimme: „Es heißt, daß Bardeleben nach meiner Ueberzeugung nicht hierher zurückkehren wird. Wenn es noch Gerechtigkeit gibt und Gleichheit vor dem Gesetz, muß man ihn auf der Stelle verhaften."
„Verhaften? Sprechen Sie im Ernst? Ja, weshalb — weshalb denn?"
„Weil er ein Mörder ist — der Mörder meiner unglücklichen Schwester."
Margarete konnte den Ausdruck seines Gesichts nicht mehr erkennen; aber der veränderte Klang seiner Stimme gab ihr die Gewißheit, daß er in diesem Augenblick fürchterlich aussehen müsse, und plötzlich erfaßte sie die Angst, mit einem Wahnwitzigen zu reden.
„Lassen Sie mich gehen!" forderte sie, sich gegen die Tür wendend. „Ich will nichts mehr hören."
Aber Rasmussen stellte sich ihr in den Weg. „Sie müssen mich hören, Fräulein Othmar! Warum sträuben Sie sich, heute von mir zu erfahren, was morgen die ganze Welt wissen wird? Ich begreife ja, daß es Sie erschreckt, daß es Sie mit Entsetzen erfüllt, aber Sie dürfen es nicht mich entgelten lassen, daß ich gezwungen bin, den Ueberbringer der Schreckenskunde zu machen."
„Ich will nichts hören," beharrte sie. „Es ist ja Wahnsinn. Ich würde es Ihnen doch nicht glauben. Ich bitte, lassen Sie mich hinaus!"
„So unerschütterlich also ist Ihr Glaube an diesen Menschen, daß es Ihnen leichter fällt, mich für einen Verleumder oder einen Verrückten zu halten, als an seine Schuld zu glauben? Genügt es Ihnen auch nicht, wenn ich mein Ehrenwort als Pfand einsetze?"
„Als Pfand, wofür? Dafür, daß Herr v. Bardeleben ein Mörder ist?"
„Ja. Und ich beschwöre Sie, mich nicht durch ein weiteres Wort des Zweifels zu kränken, ehe Sie gehört haben, was ich Ihnen mitteilen kann. Sie wissen, daß ein entlassenes Dienstmädchen der Polizei angezeigt hatte, meine Schwester sei nach ihrer festen Ueberzeugung keines natürlichen Todes gestorben, und daß daraufhin vor mehreren Tagen ein Polizeibeamter auf Klein-Ellbach gewesen ist, um weitere Erhebungen zu bewirken?"
„Ich habe gehört, daß jemand von der Polizei da war, aber niemand hat mir gesagt, was er wollte."
„So lassen Sie es sich von mir sagen. Ich habe den Eindruck, daß man die Sache um der Persönlichkeit meines Schwagers willen viel lieber vertuscht hätte. Aber man durfte die Aussage des Mädchens nicht einfach ignorieren, denn sie war bei dem Tode meiner Schwester zugegen gewesen und ihre Angaben waren von unzweideutiger Bestimmtheit. So schickte man einen Beamten, der wahrscheinlich von dem besten Willen beseelt war, nichts zu finden. Aber zum Glück wandte sich der Mann an mich, bevor er hierher kam, und als ich von ihm erfahren hatte, was jenes Mädchen ausgesagt, lieg ich ihn nicht darüber im ungewissen, daß ich kein Vertuschen und keine falsche Schonung zulassen würde. Wenn hier ein Verbrechen verübt worden war, mußte es auch seine Sühne finden —i ohne Erbarmen und ohne Ansehen dev Person."
„Ah, wie abscheulich das ist!" brach Margarete aus. „Und der Beamte merkte nicht, oaß es nur der unsinnigste Haß gegen Herrn v. Bardeleben war, der aus Ihnen sprach?"
In leidenschaftlicher Erregung hatte sie es ihm entgegengeschleudert. und das sekundenlange Verstummen der Ober^ leutnants lieh erkennen, wie unerwartet und überraschend ihn der heftige Zwischenruf getroffen hatte.
„Ich sehe zu meinem Schmerz, daß Sie mich sehr gerecht beurteilen," sagte Rasmussen dann. „Es ist wahr, daß ich
Bardeleben nicht geliebt habe, seitdem er der Gatte meiner Schwester geworden ist. Ich hatte dazu meine triftigen Gründe. Aber ich bin doch kein Schurke, Fräulein Othmar, der imstande wäre, aus fanatischem Haß gegen Ehre und Gewissen zu handeln. Nicht um das Verderben meines ehemaligen Schwagers war mir's zu tun, sondern um Gerechtrg- keit gegen einen Verbrecher. Der weitere Verlaus der Dinge, auf den ich ja nicht den geringsten Einfluß hatte, hat deutlich gewug bewiesen, daß ich ihm weder in meinem Herze»! noch in meinen Worten ein Unrecht getan."
„Es gäbe also wirklich Menschen, die —"
„Schenken Sie mir, bitte, nur noch für wenige Augenblicke Gehör. Dem Beamten ist durch Josepha alles bestätigt worden, was das Zimmermädchen ausgesagt hatte. Er hat daraufhin eine Durchsuchung der Zimmer vorgenommen, in denen sich meine Schwester unmittelbar vor ihrem Tode aufgehalten, und er hat dabei ein Likörglas beschlagnahmt, aus dem sie ossenbar getrunken hatte, bevor sie bewußtlos zusammenbrach. Der Rest des Getränkes, den sie darin zurückgelassen, war natürlich längst verdunstet, aber auf dem Boden des Gefäßes war ein Niederschlag verblieben, der eine chemische Untersuchung ermöglichte. Diese ist während der beiden letzten Tage von dem Gerichtschemiker in Breslau vorgenommen worden und hat als unanfechtbare Tatsache ergeben, daß dem Kognak, der sich zuletzt in dem Glase bt? sunden, erhebliche Mengen eines rasch und unfehlbar tödlich wirkenden Giftes beigemengt waren. An diesem Gift, nicht an einem Anfall ihres Leidens ist meine arme Schwester gestorben."
Mit hochklopfendem Herzen und stockendem Atem hatte Margarete seinen Worten gelauscht. Nun aber hob sich ihre Brust wie in einem Gefühl namenloser Erleichterung, und ihre Stimme klang wieder ruhig, als sie sagte: „Ich kann ja nicht wissen, ob das alles richtig ist, was Sie mir da erzählen; aber wenn es sich so verhält — glauben Sie wirklich, Herr Rasmussen, daß sich dann außer Ihnen noch irgend ein Mensch aus der Welt sinden könnte, der Herrn von Bardeleben für den Mörder seiner Gattin hält? Es ist ja möglich, daß er in ehrlichem Kampfe einen Menschen töten würde, der seinen Zorn gereizt hat. Aber durch Gift — nein, ich
8 äme mich vor mir selbst, daß ich darüber auch nur ein ort verliere."
„Sie urteilen, wie Ihr Empfinden es Ihne» eingibt, Fräulein, und was auch für mich Hartes und Kränkendes in Ihren Worten fein mag, ich denke doch nicht darauf Ihnen deshalb zu zürnen. Ja, noch mehr! Ich schwöre, daß ich der erste sei» würde, meinen Schwager vor aller Welp demütig um Verzeihung zu bitten, wenn sich Ihr felsena festes Vertrauen als berechtigt erwiese. Aber es sieht nicht >o aus, als ob ich jemals gezwungen sein könnte, ihm diese Genugtuung zu gewähren. Bardeleben ist heute durch einen Eilboten zu dem Waldenburger Untersuchungsrichter geholt worden, und nach allem, was id) in Erfahrung gebracht, ist es beinahe gewiß, daß das Verhör mit seiner! Verhaftung enden wird. Der Verdachtsmomente, die gegen ihn sprechen, sind eben zu viele, und es-ist eines darunter, das schwerer ins Gewicht fällt als alle anderen. Bardeleben war beinahe vermögenslos, als er meine Schwester heiratete. All den Wohlstand, den Sie hier sehen, hat ihr« Mitgift auf dem überschuldeten Klein-Ellbach erblühen lassen. Wenn sie sich von ihm scheiden ließ, wie er es bei! dem Unglück ihrer Ehe vielleicht ständig fürchtete, war er ruiniert. Wenn sie aber starb, ehe eine Scheidung erfolgt! war, behielt er die Verwaltung und Nutznießung ihres auf Dietlinde übergegangenen Vermögens. Und
„Genug!" Ein Befehl, so hart und herrisch, wie er ihn wohl noch nie vernommen, hatte Herbert Rasmussens Rede unterbrochen. „Wenn ich ein Manu wäre, Herr Oberleutnant Rasmussen, würde ich Ihnen auf diese schwach^ volle Verdächtigung die Antwort {je&en, ^ j-j e ber b{ en j. So aber kann ich Ihnen nur verkneten, noch weiter übeq diese Dinge zu mir zu sprechen. —! Etwas anderes haben Sie mir nicht mitzuteilen ?"
Da verließ auch ihn die Beherrschtheit, die er bisher bewahrt hatte, und in erregtem Tone erividerte er: „Ja, Fchulein Othmar! Ich habe Die selbstverständlich nicht um diese Unterredung gebeten, weil es mir darum zu tun war, meinen Schtvaaer vor Ihnen anzuklagen, sondern ich bin hier, um von Ihnen etwa» zu fordern, >vas Die mir nicht weigern werden, wenn Die in Wahrheit diejenige sind, für die ich Die seit dem ersten Augenblick unserer Bekannt^


