Knderseele.
Bfoman twn Reinhold Drtmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Die am meisten darunter litt, war Jadwiga. Nie in ihrem Leben hatte sie sich so einsam und so unglücklich ge- fthlt als während dieser angstvollen Dage. Daß man den Baron irgend einer schweren Schuld verdächtigte, war ja außer allem Zweifel', und sein Benehmen hätte in der Tat ein ganz anderes sein müssen, wenn sie sich davon nicht hätte beunruhigt fühlen sollen. Sie irrte sich tvohl auch nicht, wenn sie wayrzunehmen glaubte, daß er ihrer Geselb- Echcckt auswich, wo er irur konnte. Aus den Besuch des Kommissars war er in den wenigen Gesprächen, die sie seither acführt hatten, mit keinem Wort zurückgekommen, und sie selber hatte mcht den Mut gehabt, das peinliche Thema zu berühren, wie sehr es sie auch danach verlangte, durch irgend eine beruhigende Erklärung ans seinem Munde von dreser stündlich gesteigerten Qual erliösd zu wevden. Zudem empfand ste ihr Verhältnis zu Margarete Othmar wie eine ständige Demütigung und Kränkung, die zu ertragen sie nur so lange gewillt war, bis sie wirklich die gebietende Herrin auf Klein- Ellbach sein würde. Daß ein Zufall, wie es Dietlindes Aben- teuer auf dem Zackelsee gewesen war, ihre auf die Entfernung der unbequemen Gouvernante gerichteten Absichten durchkreuzt hatte, war eine Enttäuschung, die ihre Abneigung gegen Margarete fast bis zu wirklichem Haß gesteigert batte, und sie mußte alle Berstellungskunst der im gesellschaftlichen Komödienspiel geübten Weltdame zu Hilfe rufen, um diesen Haß hinter der Maske einer herablassenden Freundlichkeit zu verbergen.
Auf Margarete freilich schien diese Freundlichkeit ebensowenig Eindruck zu machen, als das frühere hochmütige Betragen der Baronesse sie jemals um ihre sichere Haltung gebracht hatte. Sie war in diesen bangen Tagen auf Klem- Ellbach vielleicht die einzige, die ohne jedes sichtbare Zeichen einer inneren Beunruhigung ihren Pflichten nachlebte. Ihre
& ute Natur und vielleicht noch mehr die Kraft ihres starken Sillens hatten sie das Unwohlsein, von dem sie nach dem Abenteuer am See befallen worden war, rasch überwinden lassen, und nun gehörten augenscheinlich alle ihre Gedanken und Interessen wieder dem ihrer Obhut anvertrauten Kinde.
Dietlinde, die von dem aufregenden Ereignis gesundheitlich nicht den geringsten Schaden davongetragen hatte, wich ja auch vom Morgen bis zum Abend kaum von ihrer Heile. Es war, als sei im Herzen der Kleinen plötzlich eine Hülle von Liebe aufgegangen, wie junge Frühlingspflanzen aufgehen in der ersten warmen Regennacht.
Um die Mitte des dritten Tages nach dem Erscheinen des Kommissars war Bardeleben nach Waldenburg gefahren, ohne eine Mitteilung über den Zweck dieser Fahrt zu machen.
Gegen seine Gewohnheit hatte er sich nicht einmal von Jad- wiga verabschiedet und ihr nur durch den Diener sagen lassen, daß sie ihn nicht zum Mittagessen erwarten möge. Da es ein sonniger und verhältnismäßig milder Tag war, hatte Margarete mit Dietlinde am Nachmittag einen längeren Spaziergang durch den Park gemacht, und es fing schon an zu dunkeln, als sie in das Schloß zurückkchrte. Wie gewöhnlich wurde sie oben im Kinderzimmer von Josepha erwartet, und sie war eben im unbefangensten Geplauder mit ihrem Zögling begriffen, als das Zimmermädchen eintrat, um ihr einen Brief zu überreichen.
„Der Herr wartet unten auf Antwort," sagte sie. „Ich glaube, es ist der Herr Oberleutnant Rasmussen."
Bestürzt öffnete Margarete den Umschlag und las: „Sehr verehrtes Fräulein!
Ich bitte wegen meiner Zudringlichkeit nicht um Entschuldigung, denn sie ist leider durch die Umstände nicht nur gerechtfertigt, sondern auf das dringendste geboten. Wenn Sie es gut mit Dietlinde meinen, wenn Ihnen daran gelegen ist, das unglückliche Kind vor den schrecklichsten Eindrücken zu behüten, so gewähren Sie mir auf der Stelle die Unterredung, die ich hiermit inständig und herzlich von Ihnen erbitte. Ich setze alle meine Hoffnung auf Ihren Opfermut und auf Ihre Lieb« zu meiner Nichte.
Herbert Rasmussen."
„Wo ist der Herr?" fragte Margarete, die ihr Herz ungestüm klopfen fühlte, und als ihr das Mädchen berichtet hatte, daß sie ihn in eines der selten benützten Zimmer deis Seitenflügels habe führen müssen, erklärte sie ohne Zögern: „Melden Sie ihm, daß ich sogleich kommen werde."
Sie trat in ihr Zimmer, um ihr vom Winde ein wenig zerzaustes Haar zu ordnen: aber sie hatte damit wohl nur einen Vorwand vor sich selber gewinnen wollen, sich noch ein paar Minuten des Zauderns und der Sammlung zu vergönnen. Sie zitterte ja vor dieser Begegnung, deren Zweck sie nicht einmal dunkel ahnte, und die ihr nach dem Wortlaut der seltsamen Aufforderung doch irgend etwas Fürchterliches verhieß.
Einen Augenblick dachte sie sogar daran, ihre Zustim^- mung ivieder zurückzunehmen und den Oberleutnant mit einigen rasch hingeworfenen Zeilen an den Baron oder an Jadwiga zu verweisen; aber dann wollte ihr dieser Ausweg doch wieder als Feigheit erscheinen.
Durch den Verbindungsgang, der zu dem später angebauten Seitenflügel führte, begab sie sich nach dem von dem Mädchen bezeichneten Zimmer. Es war zur gelegentlichen Aufnahme von Besuchern bestimmt und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Auch eine Beleuchtungseinrichtung war nicht darin vorhanden, so daß sich die Gestalt des chrev Wartenden nur in dunklen Umrissen aus der Dämmerung abhob, die das Gemach bereits erfüllte.
Er hatte sich nicht gesetzt, und er schritt ihr bis zuh Tür entgegen. „Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind," sagte ec hastig. „Aber ich hatte auch nicht im Ernst gefürchtet,


