Ausgabe 
28.9.1914
 
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Geheimnis geblieben, und ein Franenjäger, der gewissen» los genug gewesen war, eine durch Wort und Ring gebun­dene Braut ihrem Verlobten abwendig »u machen, wurde wohl auch nicht davor znrückgeschreckt sein, den Frieden einer Ehe zu zerstören.

So oder ähnlich klang es laut und leise rings um das Klein-Ellbacher Herrenhaus. Fm Schlosse selbst mochte der Inhalt des verstohlenen Geflüsters kaum ivesentlich anders sein. Aber hier, wo man in jedem Augenblick von der Herrschaft überrascht werden konnte, muhte man sich natür­lich mehr Zurückhaltung auferlegen. Bor den Augen des Barons oder des Fräuleins v. Ostrowski gab man sich mit mehr oder weniger Geschick den Anschein der Unbefangen­heit und Ahnungslosigkeit: auch wenn mm Josepha oder die Erzieherin in der Nähe wußte, war man auf seiner Hut. Aber die Frauen hätten trotzdem sehr schlechte Men- schcnkennerinnen sein müssen, wenn sie nicht aus hundert kleinen Anzeichen erraten hätten, daß ihre ganze Umgebung unter dem Druck hochgradiger Spannung und der sicheren .Erwartung von etwas Außerordentlichem stand.

(Fortsetzung folgt.)

Der Soldat und sein Tabak.

Der Aufruf des Kronprinzen, seine wackern Krieger und die Soldaten der deutschen Heere überhaupt mit dem so heiß begehrten Tabak zu versorgen, hat in ganz Deutschland lebendigen Wider­hall gesunden: große Mengen des ,,edlen Krauts" gehen ins Feld hinaus, um unfern Helden Freude und Genuß zu spenden. Soldat und Tabak gehören ja seit langem auf das engste zusammen, und wie leidenschaftlich gern der Krieger raucht, wie hoch er den Tabak schätzt, das geht aus den verächtlichen Namen hervor, die er schlech­ten Zigarren gibt: er nennt sieStinkbolzen" oder garKotz- balkcn'. Mit Reä>t hat man deshalb davor gelvarut, unfern Heeren Ivicker wie 1870Liebeszigarren" von so minderwertiger Sorte »u senden, daß sie sich nur zum Anzünden der Lagerfeuer eigneten. Der Soldat von 1870 nannte diese RauchspendenVorposten- ttgarren" oderVorpostcnknäller" uird führte zur Erklärung dieses Wortes an, daß die Zigarrennur innerlich brannten, also auf Vorposten vom Fei,che nicht gesehen werden könnten". AuchTurko- töter" hat man diese fragwürdigen Geschenke 1870 genannt, die hoffentlich jetzt keine Nachfolger gesunden haben werden. Die kurze Pfeife, die neben der Zigarre unter den Rauchwerkzeugen des Sol­daten die Hauptrolle spielt, wird von ihmNasenwärmer" oder Sauzahn" genannt. In Kadettenhäusern hat sich zur Bezeichnung der Kantine noch das WortTabagie" erhalten, obwohl es dort nicht nur Tabak, sondern in erster Linie zu essen und zu trinken gibt. Früher bedeutete eben für das Soldatenwirtsbaus der Tabak die Hauptsache. Soldaten haben zur Verbreitung desteuflischen Krautes" im 17. Jahrhundert mit das meiste beigetragen. Durch den hohen Gewinn verführt, den ihm das Tabaksmonopol brachte, führte König Ludnng XIII. von Frankreich den Tabak geradezu zwangsweise in seinen, Heer ein, obwohl ihn sein vorsichtiger Leib­arzt davor warnte und erklärte,die Gehirne der Krieger würden allesamt schwarz wie die Nacht werden". Bon dieser Berschwärzung des Sibädelinnern durch den Tabak ist aber nichts bekannt geworden, vielmehr schrieb man dem Heilmittel des Arztes Nicot eine günstige Einwirkung auf die Tapferkeit des Heeres zu: die Soldaten sollten dadurch mit einerganz stupenden Raserei und Kraft" erfüllt wer­den. Ludwig XIV. stattete jeden seiner Krieger mit Rauchgerät- schaften aus, und ebenso erschienen in Holland, in dem die Rauch- lerdenschaft zuerst in Europa festen Fuß faßte, die Krieger bald nur noch mit dein gelickten Pfeifchen.

Durch holländische und französische Soldaten soll bereits wäh­rend des Dreißigjährigen Krieges die Sitte des Rauchens in Deutschland und vor allem im deutschen Heer weit verbreitet wor­den sein.Von dem Augenblick, wo sie den Tabak kennen lernten," erzählt der Chronist Reiner von den Nachkommen der alten Ger­manen,da breitete sich die Gewohnheit des Rauchens dermaßen aus, daß man bald kerne Bauernwohnung mehr traf, wo nicht die Pfeife zu finden war. Teils rauchchr, teils essen, teils schnup­fen sie den Tabak, und man muß sich wundern, daß noch niemand von ihnen auf den Gckanken gekommen ist, ihn sich in die Ohren »u stopfen." Der sinnfälligste geschichtliche Ausdruck für die Tat­sache, daß zum guten Soldaten damals die Pfeife mitRauch­tabak' gehörte, ist der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. mit seinem berühmten Tabakskollegium. Sein Sohn Friedrich der Große rst der Vertreter einer neuen Rauchmode im Heere, des Tabak­schnupfens, das in der Rokokozeit von den eleganten Leuten be­vorzugt wurde. Behaupteten doch die Aerzte allen Ernstes, daß der Schnupftabakaufkläreich" wirke und auf seinem Wege durch die Nasedas Gehirn reinige." Zudem konnte man in der Tabaks­dose ein elegantes Schmuck,tück zierlich handhaben und mit spitzen Fingern denköstlichen Staub" in die Nasenlöcher schieben Wer Mer an rauhen Kriegersitten festhielt, blieb beimPfeise- schmauchen", und bie Soldaten des alten Fritz griffen schon des­halb zu ihremKnaster", weil sie für ein Pfund desUckermärki-

schen Blättertabaks" nur 5 Groschen zahlten. Der kühne Reiter­general S e y d l i tz ritt niit der Pfeife im Munde in die Schlacht, und nach ihm, der so glorreich bei Zorndors das Vorbild geliefert, galt es als das beste Zeichen zur Attacke, wenn der.General seine Pfeife hoch in die Lust warf. Ebenso ist der alte Blücher ohne sein Pfeifchen nicht denkbar. Er schmauchte es in mancher Schlacht im dichtesten Kugelregen und hat sich mehr als einmal die aus- gegangenc Pfeife gemütlich an der Lunte des nächsten Kanoniers angezündet. Sagenhafte(Geschichten. gehen noch heute um von seinem tapferen Burschen, der ihm die Pfeifen ins heißeste Kampfgewühl nachtrug und ihm bei Ligny die letzte gestopft triuniphierend e»t- gcgengehalten haben soll, nachdem alle airderei, durch feindliche Kugeln zerschmettert worden waren. Die Zigarre spielt in den deut­schen Einigungskriegcn ihre historische Roll«.

Prinz Friedrich Karl war einKettenraucher", der den Glimmstengel auch in der Schlacht nicht ausgchen ließ: auch Bis­marck und M o l t k e waren Freunde eines guten Krautes. Der Reichskanzler hat gern von jenem denkwürdigen Augenblick in der Schlacht bei Königgrätz erzählt, da man sehnsüchtig das Heran­nahen der Armee des Kronprinzen erwartete und manche der aus­spähenden Generale bereits bedenklich unruhig wurden. Nur Moltke bewahrte die eherne Glcichmütigkeft seiner Züge, und um aus ihm die Wahrheit herauszubekommen, griff Bismarck zu einem psycho­logisch seinen Mittel. Er bot ihm seine Zigarrentasche an, in der sich noch zwei Zigarren befanden, eine gute und eine schlechte, und als Moltke nach sorgfältiger Prüfung kaltlächelnd die gute nahm, hielt er dies für ein günstiges Zeichen. Moltke hatte von dieser symbolischen Aussragung" keine Ahnung: König Wilhelm aber sagte:Es muß doch gut stehen, Moltke raucht ja." Ein typisches Bildchen von der Sehnsucht unserer Soldaten nach ihrer Zigarre im deutsch-französischen Kriege gibt die Erzählung des Prinzen Kraft zu Hohenlohe, der in Garonne wehmütig denLetzten der Mohikaner" rauchte.Wann werde ich wohl wieder eine eigene Zigarre haben?" dachte er seufzend. Da brachte ihm die Feldpost 300 Stück aus Berlin.So zur Zeit kommt selten Hilfe," schließt der General seine Erzählung. Der Zigarrenmangcl hatte ihm mehr Sorge gemacht als aller Schlachtcndonner. -

Der Gefangenschaft entflohen.

Nach der Erzählung eines deutschen Ofstziers.

Von L. Malten.

Ein preußischer Offizier, der in französische Gefangenschaft ge­raten war und sich wicker hatte befteicn können, erzählte:Die Lage war so kritisch wie möglich, und doch verließ mich keine Minute der Gckanke an meine Flucht. Man hatte mir einen Raum in einem Bauernhause angewiesen, dessen Fenster nach der Straße gingen. So orienttette ich mich sofort, als ich die Sttege hinaup- steigend genau studierte, wohin man mich brachte richtig, vom Fenster der übrigens gut eingerichteten Stube aus sah ich die im Mondschein weißglänzende Straße.

Unten stand ein Posten, gegenüber vom Dause, und beobachtete das Fenster wie es mir wenigstens schien. Der andere tappste vor meiner Tür auf und ab, die natürlich auch noch verschlossen war von außen; an ein Entrinnen war anscheinend nicht zu denken, soviel meine Gckanken auch auf dieser Bahn auf und ab wandetten. Trotz des einladenden Bettes, das an der Wand stand --- ein Anblick, den ich seit Wochen nicht mehr genossen, und auch die Wohltat des Darinliegeirs hatte ich nicht mehr empfunden> konnte ich keine Ruhe finden. Die Stunden schlichen. Unten schienen französische Offiziere zu ivohneu, ich hörte ihre kurzen Befehle mch Türen schlagen. Schließlich wurde es still. Der Posten drüben war verschwunden. Wahrscheinlich interessierte es ihn nicht, meine dunklen Fenster noch weiter zu beobachten, denn obgleich ich eine Taschenlampe bei mir trug, vermick ich es, mich irgendwie auf­fällig bemerkbar zu machen. Vielmehr warf ich mich angekleidet, wie ich war, geräuschvoll aufs Bett und schlief wenigstens erweckte ich diesen Eindruck hei dem Posten, der die Tür geöffnet hatte und wie eine lckende Lanze auf der Schwelle stehen blreh. Durch meine festgeschlossenen Augen fühlte ich Helles Licht über mich hinfluten ich atmete tief auf und gleichmäßig Minuten vergingen. Die Tür fiel ins Schloß, das Tappsen draußen schwieg.

Sturcken vergingen ich rührte mich nicht. Da plötzlich ein fernes Rattern es kommt näher hält vor dem Hause. Ich vergesse alle Vorsicht und schnelle empor. Ein Auto > ein fran­zösisches Auto. Ich mache das Fenster so geräuschlos auf als ich vermag und blicke hinaus. Der Fahrer muß schon im Hause sein: jetzt erklärt sich mir auch der Posten von vorhin Sem Haus« gegenüber. Das Auto wurde erwartet. Ich rührte mich nicht mehr, lehnte das Fenster an und verhartte klopfenden Herzens. Unten blieb's still. Merkivürdig. Schlief man? Mein Entschluß war ge­faßt. Besser tot wie gefangen was konnte denn geschehen, wenn sie mich überraschten eine Kugel und Schluß. In rasender Ge­schwindigkeit hatte ich von den Bettüchern ein Seil gewunden, ums Fensterkreuz geschlungen, einen Augenblick darauf hatte ick mich hercchgelassen und saß unten im Auto. Fort ging's mit der höchsten Geschwindigkeit. Immer geradeaus dorthin, von wo wir gekom­men waren. Der Mond leuchtete. Von links her kam etwas Franzosen - ich raste vorbei Schüsse hinter mir ich raste weiter. Meine Rechte sank da war etwas nicht in Ordnung