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das Päckchen selbst versiegeln und mit dem Abdruck Ihres Petschafts versehen wollten/'
Bardeleben machte eine ungeduldige Bewegung. „Das sind der Umständlichkeiten fast zu viele für eine so zwecklose Sache. Aber wenn es Ihnen notwendig scheint — meinetwegen."
Zehn Minuten später verliest der Kommissar das Klein- Ellbacher Herrenhaus und schlug zu Fuß den Weg nach Reinswaldau ein.
Vor dem Wirtshaus«, in dem ihn nach der erhaltenen Anweisung der Harmsdorfer Mietskutscher erwartete, hielt ein elegantes Automobil, und als der Beamte das neben dem Gastzimmer gelegene Herrenstübchen betrat, kam ihm Herbert Rasmussen entgegen.
Der Oberleutnant war sehr bleich, und sein schmales Gesicht schien seltsam, gealtert und verfallen. „Seit beinahe einer Stunde schon warte ich hier auf Ihre Rückkehr," sagte er halblaut. „Haben Sie meinen — haben Sie Herrn von Bardeleben gesprochen?"
„Allerdings, Herr Oberleutnant. Aber ich bitte, keine Auskünfte über das Ergebnis meiner Vernehmungen von mir zu verlangen."
Rasmussen fuhr sich nervös mit der Hand über die Stirn. „Ja, ja, ich weiß — das ist Dienstgeheimnis. Aber das eine dürfen Sie mir doch sagen, ob der Verdacht sich als hinfällig erwiesen hat, und ob Sie die Gewißheit gewonnen haben, daß meine Schwester eines natürlichen Todes gestorben ist?"
„Nein, diese Gewißheit habe ich nickt gewonnen. Alle Angaben der Fanni Hasselbauer haben sich als zutreffend erwiesen."
„Ah, dann — dann--"
Der Oberleutnant beendete die angefangene Rede nickt: er preßte die geballten Fäuste gegen die Schläfen und lief wohl ein halbes Dutzend mal im Zimmer aus und nieder
wie ein vo Dann — mühsam missar, der si
en körperlichen Schmerzen Gepeinigter, eherrscht — trat er wieder zu dem Kym- an einen Tisch gesetzt hatte, um einige Auszeichnungen in seinem Notizbuch zu machen.
„WaS wird nun weiter geschehen? Kehren Sie von hier aus direkt nach BreSlau zurück?"
„Nein. Zch muß zunächst nach Waldenburg, um dort an der zuständigen Stelle memen Bericht zu erstatten. Sache deö Waldenburger Polizeidirektors ist es, weiter in der Sache »« verfügen."
So stelle ich Ihnen mein Automobil zur Verfügung, vorausgesetzt, daß Sie nichts gegen meine Gesellschaft eiw zuwenden haben. Denn auch ich habe in Waldenburg zu tun."
Der Beamte verbeugte sich dankend. „Ich nehme Ihr Anerbieten gerne an, Herr Oberleutnant. — Aber darf ich mrr, nicht als Polizeibeamter, sondern als Kamerad, eine freimütige Bemerkung gestatten?"
„Ich bitte darum."
„Als ich in Breslau meine Reise antrat, hielt ick den Auftrag, mit dem man mich da zu meinem lebhaften Mißvergnügen bedacht hatte, für einen recht unnützen und überflüssigen. Dieser Ansicht würde ich vielleicht noch jetzt sein ohne die Mitteilungen, die ich von Ihnen Über das eheliche Unglück Ihrer Frau Schwester und über den jähzornigen, gewalttätigen Charakter des Herrn von Bardeleben erhalten. Es ist ja ganz selbstverständlich, daß dieselben Dinge Yerdächtig oder unverdächtig erscheinen können, je nach der Beleuchtung, in der man sie sieht. In bezug auf die Bewev- tung meiner Feststellungen will das nicht viel sagen, denn die Verantwortung für das, was daraufhin zu geschehen oder nicht zu geschehen hat, liegt nicht bei mir, sondern bei den anderen Instanzen. Aber auch diese Instanzen sind natürlich einer Beeinflussung durch vorgefaßte Meinungen zugänglich, und darum wäre es vielleicht besser, wenn Sie mit Ihren Aussagen zurückhielten, bis man sich auf anderem Wege einige Klarheit über die Sachlage verschafft hat."
Herbert Rasmussen hatte während der ersichtlich wohlbedachten Rede des anderen seine straffe soldatische Haltung angenommen. „Soll ich das dahin verstehen, Herr Kamerad, daß Sie an der Glaubwürdigkeit meiner Angaben zweifeln?"
„Gewiß nicht, über während meiner zehnjährigen Be- amtentatigkeit habe ich gelernt, vorsichtig zu sein in der Beurteilung menschlicher Dinge. Auch der Klügste von uns itzt imuier gut, mißtrauisch zu sein gegen seine eigene Ksslenkennturs, doppelt mißtrauisch, wenn es sich darum handelt, hüben und drüben daS Wust der Schuld abzu
wägen in einer unglücklichen Ehe. Denn niemals sind wir in größerer Gefahr, uns der ärgsten Ungerechtigkeit schuldig zu machen, als gerade da. Sie haben mir gesagt, daß Sie Ihre Frau Schwester über alles geliebt haben, und Sie haben mir nicht verhehlt, daß Sie Ihren Schwager hassen. Liebe und Haß aber sind die denkbar schlechtesten Berater unseres Verstandes. Und wenn es sich — was mir hier keineswegs ausgeschlossen scheint —> um die Ehre und die Existenz eines Mannes handelt, so —"
Wetter ließ Herbert Rasmussen ihn nicht kommen. Ohne Heftigkeit, aber in Ton und Haltung einer vornehmen Un- nahbarkeit sagte er: „Ich nehme als selbstverständlich an, Herr Kommissar, daß Ihre Mahnung wohlgemeint ist, und daß sie nichts Beleidigendes für mich enthalten sollte. Darum quittiere ich sie mit Dank für die gute Absicht. Im übrigen werden Sie mir wohl glauben, daß ich vor meinem Gewissen verantworten kann, was ich tue. Und nun bitte ich Sie, zu bestimmen, wann der Chauffeur zur Abfahrt bereit sein soll."
20. Kapitel.
Nicht einmal in den ersten Tagen nach dem Tode der Baronin hatte eine so unheimlich dumpfe und bedrückende Stimmung im Klein-Ellbachcr Herrenhause geherrscht, wie seit dem Besuch des Polizetbeamten, über dessen Absichten und Handlungen die Dienstboten in verschwiegenen Winkelin die seltsamsten und aufregendsten Dinge zu erzählen wußten. Woher die Gerüchte stamniten, blieb allerdings ein unaufgeklärtes Geheimnis, denn Josepha hatte neugierige Frager auf eine Weise abgefertigt, die ihnen die Lust benehmen mußte, ihren Wissensdurst aus dieser Quelle zu stillen, und daß Jadwiga sich zu keinem Untergebenen über den Inhalt ihrer mit dem Kommissar geftihrten Gespräche geäußert hatte, war selbstverständlich. i
In Reinswaldau war im Verlauf der nächsten Tag? das Getuschel und Getuisper schon zum offenen Gerede ge- worden, und in hen Werkstätten der Weberei wie abend« an den Wirtshaustischen sprach man von der Ermordung! der Frau von Bardeleben und von der gegen den Baroß eingeleiteten Untersuchung bereits wie von feststehenden Tatsachen.
Aber es war merkwürdig, daß fast mit demselben Sluaeru, blick, da die schon seit dem Be ise Punas tage umherschleiche w, den Gerüchte fo überraschend plötzlich eine feste Gestalt angenommen hatten, auch ein völliger Umschwung der öffentlichen Meinung eingctreten war. Mancher, der offen oder versteckt die Faust hinter ihm geballt hatte, tvenn der Baron von Bardeleben an ihm vorübergeritten oder gefahren war, sprach jetzt mit Ausdrücken ehrlichen Mitleids von setneiN Geschick. Man hatte sich in vermeintlichem Gerechtigkeit^ sinn dagegen empört, daß der Arm der strafenden Justiz, der jeden armen Teufel bei der geringfügigsten Ueber» tretung zu erhaschen wußte, sich nach dem reichen und vornehmen Manne nicht anszustrecken wagte; jetzt aber, da. man ihn von diesem Arm bereits gepackt glaubte, fühlte man mit einem Male die herzlichste Teilnahme für oen
S Hünen, ritterlichen Mann, von Hessen Handlungen uknd essen Charakter eigentlich niemand etwas Uebles zu sagen wußte.
Ueber das Bild der fast schon zu einer hehren Lichtgestalt verklärten Baronin aber fielen jetzt von allen Seiten her dunkle Schatten. .Alle die scheinbar vergessenen kleinen Züge von Hochmut, Härte und Herzlosigkeit, die inan an der Lebenden mit so bitterem Groll enrpfnnden, tauchten wieder auf, und man erinnerte sich mit voller Deutlichkeit auch der Gerüchte, die von der Dienerschaft des Schlosses über die Vertrautheit ihres Verkehrs mit dem Volontär verbreitet worden waren.
Wer konnte wissen, wie furchtbar der Baron, üben dessen Gutmütigkeit es jetzt nur noch eine einzige Stinmie gab, durch diese Frau gereizt worden war, ehe er seine Hand gegen sie erhob! Denn daß er sie im Zorn erschlagen habe, war ja die einzige allgemein verbreitete mcd überall geglaubte Lesart. Daß die Person des langen Reibnitz in irgend einem Zusammenhang mit der Katastrophe stehen müsse, galt den meisten als sicher. Wie wäre es denn auch sonst zu erklären gewesen, daß er noch vor der Beisetzungj Knall und Fall vvn Klein-Gllbach abgereist war! Diesem hochmütigen und anncahenden Menschen, der sich fast bei jedem unbeliebt gemacht hatte, init dem er in Berührung gekonimen lvar, traute die öffentliche Meinung in Reins!» waldan ja von vornherein daS Allerfchlimmste zu. Sein? Liebschaft mit der Regine Kreidel war natürlich auch kein


