Kinderseele.
Roman Von Reinhold Ortmanrk.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Davon kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil bis jetzt keinerlei Beiveis dafür vorliegt, daß Ihre Gemahlin Überhaupt das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Ver-
f hiedene Anzeichen aber scheinen allerdings die Vermutung er Dasselbauer zu bestätigen, daß Frau von Bardeleben nicht, wie Doktor Mittmann annahm, einem Anfall ihres schon früher zuweilen aufgetretenen Leidens erlegen ist. Die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes scheint vielmehr nicht ausgeschlossen. Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß diese Möglichkeit genügt, um die Behörden zu weiteren Nachforschungen zu zwingen. Daß das nicht unter vollständigem Ausschluß der Oeffentlichkeit geschehen könnte, liegt auf der Hand. Die Staatsanwaltschaft würde sich vielleicht sogar veranlaßt sehen, eine Exhumierung der Leiche anzuordnen, und man weiß ja, welch ivilde und abenteuerliche Gerüchte durch derartige Maßnahmen stets hervorgerufen werden. Dem allem ließe sich möglicherweise durch die von Ihnen erwarteten Aufklärungen Vorbeugen, und ich würde es durchaus nicht verstehen, wenn Sie — "
„Geben Sie sich, bitte, weiter keine Blühe. Ich iveiß, was ich spreche, und ich habe meiner bereits abgegebenen Erklärung nichts mehr hinzuzufügen. Die Behörden mögen tun, was sie vor dem Gesetz und vor dem gesunden Menschenverstände verantworten können. Ich aber wünsche, mit Zu- mutuirgen von der Art der heute an mich gestellten verschont zu bleiben."
„Ich darf also überhaupt keine auf diese Vorgänge bezügliche Frage an Sie richten?"
„Soweit es sich dabei um Vorkommnisse zwischen meiner Frau und mir handeln soll — nein!"
„Auch darauf wollen Sie mir nicht antworten, ob der Tod der Frau Baronin nicht vielleicht ein freiwilliger gewesen ist?"
Bardeleben warf den Kopf zurück. „Was soll das heißen? Sie denken an einen Selbstmord? Das ist ja Heller Unsinn. Abgesehen davon, daß jedes Motiv dazu gefehlt hätte, wäre ja auch gar keine Möglichkeit der Ausführung dagewesen."
„Eine solche Möglichkeit ließe sich wohl konstruieren. Als Sie Ihre Gattin nach Eintritt des Anfalls — wir müssen wohl sagen: des ersten Anfalls — verließen, befand sie sich auf dem Ruhebett in Ihrem Arbeitszimmer — nicht wahr?"
„Allerdings!"
„Und als Sie mit den zum Beistand herbeigeholten Dienstboten zurückkehrten, lag sie mit einer Verletzung an der Stirn aus der Schwelle des Ankleidezimmers, wimmernd und sich in Schmerzen windend. Sie muß also inzwischen
zu sich gekommen sein und Kraft genug gehabt haben, sich aus dem Arbeitszimmer in das zweite der daneben liegenden Gemächer zu begeben. Wenn es so war, würde es ihr natürlich auch nicht an der nötigen Kraft gefehlt haben, einen Selbstmordversuch zu unternehmen. Ist Ihnen bekannt, ob die Frau Baronin über irgend ein rasch wirkendes Gift verfügte?"
„Nein, davon weiß ich nichts. Aber ich halte es auch für ganz überflüssig, diesen Faden weiterzuspinnen. Meine Frau würde niemals Hand an sich selbst gelegt haben — niemals!"
„Das ist doch nur Ihre persönliche Ueberzeugung, Herr v. Bardeleben! Sie können sich täuschen. Kennen Sie dies
Glas?"
Er hatte das mitgebrachte Likörgläschen vorhin bei seinem Eintritt unbemerkt auf den großen Tisch inmitten des Raumes gestellt und hielt es nun dem überraschten Baron entgegen.§
„Gewiß! Es ist eines von den beiden, die neben der Kognakkarasfe oben auf meinem Schreibtisch standen. Wie kamen Sie dazu, es von dort fortzunehmen r
„Ich habe es nicht von Ihrem Schreibtisch genommen, Herr Baron. Es stand aus einem Tischchen rm Ankleidezimmer Ihrer Gemahlin, unmittelbar neben der Stelle, an der sie allem Anschein nach plötzlich zusammengebrochen ist. Wissen Sie, wie es dahin gekommen ist?"
„Nein."
„Sie haben also auch keine Vermutung über die Beschaffenheit des Getränks, das sich zuletzt darin befunden hat?"
„Nein. Ms ich an dem fraglichen Abend mein Arbeitszimmer betrat, habe ich nach meiner Gewohnheit eines der beiden Gläser aus der Karaffe mit Kognak gestillt: aber ich kam nicht dazu, es auszutrinken, weil ich durch den Eintritt meiner Frau abgelenkt wurde. Was aus dem Inhalt geworden ist und wie das Glas, vorausgesetzt, däß es sich um das nämliche handelt, in das Ankleidezimmer gekommen ist, kann ich nicht sagen."
„Sie haben, wie ich voraussetze, nichts dagegen einzuwenden, daß ich das Glas zum Zwecke einer chemischen Untersuchung mit mir nehme?"
„Mcht das ininoeste. Aber es ist ja leer."
„Me moderne Wissenschast macht zuweilen auch in leeren Gesäßen interessante Entdeckungen. Und für mich handelt sich's ja auch nur darum, nichts Unbeachtet zu lassen, was möglicherweise zur Aufklärung der Sache beitragen kann."
„Tun Sie, was Ihnen geboten scheint. Aber ich kann Sie nur noch einmal nachdrücklich auffordern, diese Selbstmordhypothese als ganz unsinnig fallen zu lassen. — Und nun darf ich unsere Unterhaltung wohl als beendet an- sehen?" •
„Wie Sie wünschen, Herr v. Bardeleben. Nur eine Sitte noch! Ich möchte dies Gläschen unter Ihren Augen einpacken, und ich würde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie


