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SUtDdlfi.
Von Joses Kuhnigk.
Mit der Besetzung des russischen Gouvernements Suwalki und der Einrichtung einer Zivilverwaltuug haben wir uns angeschickt, deutsche Kultur in das Land des heiligen Andreas zu tragen, das während seiner kurzen Herrschaft in Ostpreußen die Provinz russischer Zivilisation für bedürftig hielt. Nun, wir haben es ja zur Genüge und mit tiefster Empörung empfunden, worin der Russe seinen Kulturbegriss zusammensaßt. Was hier in so grauenhaft wüsten Formen unter dem Teckmantel des rauhen Krieges heraustrat an sittlicher Verrohung und Verderbtheit, das fürchteten wir wohl alle vorhanden in dem weiten verlotterten Reich, und unsagbar lächerlich und verlogen mußte umsomehr die Phrase wirken von dein knechtischen Militarismus der Deutschen, von dem die Welt zu befreien mit unseren Feinden sich auch das Zarenreich anschicken müssen, sür jeden, der einmal russischen Boden betreten hat.
An der Chaussee, die über Mierunsken, das letzte Tors rm Ostpreußischen, nach Suwalki, der Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements, Mit, steht in Friedenszeiten ein starker Militärposten des russischen Grenzschutzes, und beim Uebcrsahren der Grenze greist sofort ein Kosak mit geladenem Gewehr, das Seitengewehr aufgepslanzt, in die Zügel der Pferde. So ist der erste Schritt in das Land, das nun deutschen und österreichischen Landesteilen die „Freiheit" bringen loill. Man ist heilsroh, wenn der Ossizier an den, Paß nichts auszusetzen fiirdet und der Kosak die Zügel wieder sreiläßt. Und nun das landschaftliche Bild des Gegensatzes. Die schöne ostpreußische Chaussee mit ihren schattigen Bäumen schneidet mit dem Schlagbaum ab. Baum- und schattenlos schlängelt sich von da ab durch das sich verflachende Hügelgelände des baltischen Höhenzuges die Kunststraße iveiter, nur die eisernen Werstpsähle recken sich in regelmäßigen Abständen. Und wirst man den Blick aus preußischen Boden zurück, so schaut man das lückenlose, bunt- gewürfelte Tuch bestellter Aecker, Wicsengrün und dunkle Wälder. Hier dagegen lange Striche öden Landes mit Steinen besäte der erste Blick sagt auch dem Laien, daß von einer intensiven Bewirtschaftung nicht die Rede ist. Wir sind an einem wunderschönen Frühlingstage durch dieses Laird gesahren und waren uns klar darüber, daß eine liebevolle Regierung aus diesem Landstrich eine starke Lebeusenergie zu entwickeln wüßte.
Und dann das erste und einzige Dorf auf dieser über drei Mellen langen Chaussee: Filipow. Ein schmutziges Nest mit unansehnlichen altersschwachen Häusern. Erwägt man, daß das Gouvernement zu Vs aus Littauern, Vs aus Polen besteht und der Rest aus Juden, Russen und Deutschen, so stechen unsere Dörfer in vorwiegend litauischen oder polnischen Gegenden sehr vorteilhaft gegen dieses ab. Selbst ivenn Filipow, wie es für den Durchfahrenden den Anschein hat, viel jüdische Bewohner aufweist, kann man für den Charakter des Dorsbildes nicht diese letzten Endes verantwortlich machen, man loird auf die Regierung des Landes den Rückschluß ziehen müssen.
Sieht man dann aber ani Ziel von der letzten Höhe aus Suwalki in der Ebene liegen, so hat man den Eiridruck eines überaus schmucken, freundlichen Städtchens. Der Eindruck bleibt auch, sowie man die Stadt betritt. Die Bürgersteige sind zum größten Teil aus Holzdielen belegt und sauber wie dre meisten schönen, breiten Straßen. Die Stadt hat etwa 26 000 Einwohner und ist gleichzeitig Garnison. Die russische Kirche, ein wuchtiger, eindrucksvoller Bau, liegt an dem Volkspark, einer schmucken Baumanlage mit brcllen, gepflegten Wegen uich einem Musiktempel, in dem Festtags mn Nachmittag eine Militärkapelle spielt. Bei unserem Ausflug« an den Pflngsttagen nach Suwalki spielte dort die Kapelle der Alerander Tragoner. Das Konzert war nicht eben ein Kunstgenuß. Auf leine Handvoll falscher Töne kam es den Musikern und scheinbar auch dem Kapellmeister wenig an. ikluf fiel uns der fleine Trommelschläger, ein Kerlchen von etwa l4 Jahren. 4lufsallend war es sür uns Deutsche auch, zumal für die beiden Ossizicre unter uns, daß die Dragoncrossiziere ihre Kameraden von der Jnsantcric und die Kosakenoffiziere nicht grüßten. Die Ossizicrsdamen, so viele bezw. o wenige wir sahen, waren überaus auffallend gekleidet, sie unter- chieden sich wenig in ihrem Aeußcrn von den Damen, wie man hnen in den weltstädtischen Nachtlokalen begegnet.
Im übrigen waren aber die Offiziere wie Mannschaften durchweg gutgeivachsene, kräftige Menschen, sauber und ordentlich ge- klerdet. Die meisten der Dragonerossiziere sprachen übrigens, was wir festzustcllen Gelegenheit hatten, derrtsch. Sie hatten nämlich durch unseren Hotelwrrt erfahren, daß preußische Ossiziere unter uns seien und uns in liebenswürdigster Weise in ihr Kasino für den Abend geladen. Die Kapelle beschloß das Konzert vorzeitig mit der deutschen Nationalhvmne. Uns zu Ehren. Damals spann Js- toolSki noch nicht mit seinen Spießgesellen in England und Frankreich das Netz um uns für „seinen" Krieg.
Und etwas iwch, das auf das Leben in Rußlands hohen Gesellschaftskreisen ein bezeichnendes Licht wirst. Suwalki hatte den osfi- iiellen Besuch des Gouverneurs von Warschau bekommen. Die Stadt prangte im Flaggeuschmuck. Der Gouverneur war in unserem Hotel abgesticgen. Von der Straße aus sahen wir auf einem der Balkons ein hübsches Mädel, dunkeläugig, pikant in ihrer Haltung, in ihrer Kleidung. Sic kokettierte zu uns hinunter. Wir erkundigten uns des näheren beim Wirt.
„O, wer das ist?" sagte er. „Ist von Warschau-Gouverneurs Kusine."
„Kusine
„Nun ja, Gouverneur ist wohl verheiratet, fährt aber immer mit Kusine."
So reisen also ossiziefle Persönlichkeiten in Rußland dienstlich. Und dieser Gouverneur hieß von Mirbach. So wie der Schloßhcrr unseres ostpreußischen Sorguitten. Und diesem Namensvetter haben nun die Kosaken den herrlichen Landsitz schändlich verwüstet.
Deutsche waren für Deutsche!
Zu den erfreulichen Wirkungen, die der große Krieg hervorbringt, wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, auch die gehören, daß in Zukunft, so weit dies irgend angängig ist, dem deutschen Käufer durchweg deutsche Waren geboten werden. Dabei stellt sich in immer weiterem Umfange heraus, wie viele deutsche Erzeugnisse bisher mit fremden Marken versehen wurden, um sich bei jenem Teile des deutschen Publikums einzusühren, das leider allem Ausländischen den Vorzug zu geben geneigt ist. Da ist z. B. das berühmte französische und belgische Korsett! Wie viele Frauen gab und gibt es nicht bei uns, die da meinten, ein Korsett, das wirklich gute Figur mache, müsse durchaus aus Paris oder aus Brüssel stammen — und natürlich haben die schlauen französischen und belgischen Fabrikanten es nicht daran fehlen lassen, durch eifrige Reklame diesen geschäftigen Aberglauben zu stärken. Selbst die deutschen Fabrikanten mußten wohl oder übel ihre deutschen Erzeugnisse oft mit einem französischen Nimbus umkleiden, um sie marktgängig zu machen. Ist nun das deutsche Korsett wirklich geringer als das ausländische Erzeugnis? Als Gegenbeweis weist ein
g achmann im „Konfektionär" aus die Tatsache hin, daß ein erliner Fabrikant schon seit Jahren in Paris — natürlich unter französischer Flagge, da die Franzosen bei einem Deutschen nicht gekauft hätten — ein Spezialkorsettgeschäft unterhielt, in dems er in der Hauptsache seine Berliner Fabrikate vertrieb. Diese Korsette wurden als französische Korsette verkauft und die Kundschaft war zufrieden. Es kam dann vor, daß etwa eine ganz elegante Dame in dem Berliner Geschäfte derselben Firma fragte, ob sie denn auch hier so ein gutes französisches Korsett bekommen könnte. Natürlich wurde das Gesicht dann sehr lang, wenn man sie darüber aufklärte, das französische Korsett sei in Berlin angefertigt. Nicht anders steht es um die sogenannten „englischen Handschuh e". Hierüber berichtet gleichfalls ein Fachmann in dem gedachten Blatte, daß große englische Häuser in den kleinen Fabrikstädten des Erzgebirges und Böhmens diese „English gloves" aus den deutschen Stoffen und nach deutschen Arbeitsmethoden Herstellen und waggonweise nach England schaffen ließen. Dort wurden die fertigen Handschuhe lediglich mit dem englischen Fabrikstempel versehe» und dann nach Deutschland zurückgeschickt, um hier mit entsprechendem Preisgewinn sür den englischen Kaufmann als „echt englische Ware" verkauft zu werden. Zuweilen wurde auch der Kürze und der Ersparnis halber die englische Fabrikmarke den Handschuhen gleich in in ihrer deutschen Heimat aufgedrückt. Nicht anders steht es um zahlreiche andere Erzeugnisse. Die deutsche K n o p s m o de z. B. steht durchaus aus einer solchen Höhe, daß sie sich von der französischen Erzeugung ohne weiteres vollständig unabhängig machen kann. Die bisher vielfach aus Manchester bezogenen weißen B a t l i st e und ebenso durchbrochene weiße W a s ch st o f s e können durch die Baumwollweberei im Elsaß in der gleichen Güte und zu den gleichen Preisen geliefert werden, und es liegt nicht der geringste Grund vor, englische Taschentücher zu bevorzugen, da das deutsche Erzeugnis ihnen vollständig ebenbürtig ist. Aus allen diesen und vielen anderen Gebieten wird, so steht zu erwarten, der Krieg der schmählichen Ausländerei endlich den Garaus machen.
„Mutter Simon".
Eine zeitgemäße Erinnerung.
Mehr als zwanzig Jahre lang hatte Marie Simon, die Gattin eines Dresdner Weißwarenhändlers, stlll hinter dem Ladentisch ihres Mannes getvirkt, als im Jahre 1866 die Kunde, von dem Elend auf den böhmischen Schlachtfeldern sie trieb, ihre Häuslichkeit zu verlassen und gemeinsam mit einer Gleichgesinnten an dre Stätten des Jammers zu eilen. Die loackere Frau, die sich sofort daran begab, im Freien sür die Verwundeten abzukochen, begegnete wohl anfänglich dem Mißtrauen der leitenden Persönlichkeiten, aber bald erregte ihr großartiges organisatorisches Talent solche Bewunderung, daß der „Internationale Verein" si: zu seiner


