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Ihre Stimme hatte gezittert, während sie seine Frage beantwortete, und sie wurde sicherlich den ersten besten Borwand ergriffen haben, um seiner für sie jetzt so beängstigenden Nähe zu entfliehen, wenn sie nicht durch das Erscheinen der Zofe, die F-annis Nachfolgerin geworden war, erlöst worden Ware.
„Gnädiges Fräulein, der Herr Baron ist soeben zurück» gekommen," meldete das Mädchen.
Ohne Besinnen wandte sich Jadwtga zum Gehen. „Ich werde meinen Vetter von Ihrem Hiersein unterrichten," sagte sie hastig. „Man wird Ihnen sogleich mitteilen, ob er bereit ist, Cie zu empfangen."
Bardeleben hatte nach einem kurzen Gespräch mit dem Diener bereits die Bibliothek betreten, und das Gesicht, das er Jadwtga zukehrte, offenbarte keinerlei Anzeichen einer ungewöhnlichen Erregung.
Sie aber umfaßte mit beiden Händen seinen Arm und flüsterte: „Harro —^ um des Himmels willen, was soll das bedeuten? Es ist jemand von der Polizei da, der Erhebungen anstellen soll über Irmas Tod. Er hat Joseph« fast eine Stunde lang verhört, und dann mußte ich ihn tn das Sterbezimmer hinausführen. Nun verlangt er dich zu sprechen. Hast du eine Erklärung für all dies Gräßliche?"
„Nein," erwiderte er ruhig. „Aber ich werde sic ja wahrscheinlich von dem Beamten erhalten. Man soll ihn hierher schicke». — Aber vor allem: wie befindet sich Fräulein Othmar?"
„Soviel ich weiß, geht es ihr ganz gut. Den Arzt aus Reinswaldau hat sie gleich wieder fortgeschickt, ohne sich von ihm untersuchen zu lassen, und Joseph« sagt, daß sie sie nur mit Mühe habe verhindern können, aufzustehen. Es kann also mit ihrer Krankheit unmöglich viel auf sich haben."
„Um so besser. — Und jetzt ist es wohl am nötigsten, daß ich den Herrn von der Polizei abfertige."
Jadwtga ging, ohne sich beruhigter zu fühlen, als bei ihrem Eintritt. Sie schickte das Mädchen hinauf, um den Kommissar zu benachrichtigen, und begab sich in das Wohnzimmer. Der Beamte aber betrat gleich darauf die Bibliothek, wo ihn Bardeleben vor seinem Schreibtisch erwartete.
„Sie sind Herr Bergmann, Kriminalkommissar aus Breslau?" fragte der Baron mit einem Blick auf die vor ihni liegende Karte. „Ich bitte um Ihre Legitimation."
Er prüfte das Papier, das der andere ihm bereitwillig überreicht hatte, und gab es zurück.
„Ich danke. — Wollen Sie gefälligst Platz »ehinen! In welcher Angelegenheit sind Sie hier?"
„Es ist ein Ermittlungsverfahren angeordnet worden, Herr Baron, zur Feststellung der Umstände, unter denen der Tod Ihrer Frau Gemahlin erfolgt ist."
Bardelebens Gesicht blieb unbeweglich. „Von wem ist das angeordnet worden? Die Breslauer Behörden wären dazu ja gar nicht befugt. Zuständig ist hier nur die Walden- burger Polizei bezw. das dortige Gericht."
„Meine Entsendung geschah auch lediglich auf Regnisi- tion der Waldenburger Polizeidirektion. Die Erklärung ist ziemlich einfach. Die Denunziation, die den Anlaß zu dem Verfahren gegeben hat, erfolgte in Breslau, und die Denunziantin wurde von mir vernommen. Wir haben das Protokoll dann zur weiteren Veranlassung an die Waldenburger Polizeibehörde geschickt, und diese hat um meine Entsendung gebeten, weil sie eben annahm', daß ich mit dem Gegenstand besser vertraut sei als einer ihrer nur aus das Protokoll angewiesenen Beamten."
Er hätte einem Vorgesetzten nicht höflicher und sachlicher Bericht erstatten können, als er die Frage Bardelebens beantwortet hatte. Nichts von der auf suggestive Wirkung berechneten Ueberlegenheit des inquirierenden Kriminalisten war in seinem Benehmen.
Bardeleben lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah ibm mit klarem, festem Blick ins Gesicht. „Eine Denunziation — sagen Sie. Eine bestimmt formulierte Beschuldigung also? Gegen wen?"
„Nicht eigentlich gegen eine genau bezeichnete Persönlichkeit. Im Grunde handelt es sich vielmehr nur darum, daß die Person, von der die Anzeige ausging, auf Grund ihrer! wirklichen oder vermeintlichen Wahrnehmungen nicht an einen natürlichen Tod der Frau Baronin glaubt, und daß sie zur Beruhigung ihres Gewissens der Behörde davon Miti- teilung machen zu müssen meinte."
„Sind Sie ermächtigt, mir den Namen der Denunziantin zu nennen?"
„Es ist Ihr ehemaliges Zimmermädchen Fanni Hasselbauer."
„Ein ebenso gemeiner wie alberner Racheakt also! Und auf solche Angaben hin setzt man den ganzen polizeiliches Apparat in Bewegung?"
„Wir sind gesetzlich verpflichtet, jeder Anzeige nachzu- ,ehen, von wem immer sie berrsthren mag und wie durch- ichtig auch ihre Beweggründe fern mö^en. Vielleicht hätte ich ja alles weitere erübrigt, wenn »mr den Sanitätsrat Doktor Mittmann hätten befragen können, der die Verstorbene untersucht und die Todesursache doch jedenfalls mit aller durch die Umstände gebotene» ärztlichen Gewissenhaftigkeit sestgestellt hat. Aber der Herr ist leider schwer krank und ivird, wie ich höre, aller Voraussicht nach übcr- haicpt nicht wieder vernehmungsfähig werden."
„Aber er hat die Todesursache seinerzeit in dem von ihm vorschriftsmäßig ausgestellten Attest bestätigt. Ist das denn nicht genug?"
„Nicht ganz! Auch der tüchtigste und ersahrenste Arzt ist det Möglichkeit eines Irrtums ausgesetzt, zumal, wenn er sich sein Urteil erst nach bereits eingetretenem Tode bilden muß. Er tvird hinsichtlich der Krankheitserscheinungen dann ja immer mehr oder weniger auf die Angaben anderer angewiesen sein, die die eigene Beobachtung nicht vollständig ersetzen können. Auch ist es denkbar, daß ihm dabei absichtlich oder unabsichtlich etwas Wichtiges verschwiegen wird. Um die Bescheinigung des Doktors Mittmann als unbedingt zuverlässig anerkennen zu können, hätte man also tviohl von ihmi selbst erfahren müssen, auf Grund welcher einwandfreien wissenschaftlichen Untersuchung er die Todesursache fest- gestellt hat."
Bardeleben hatte ihm sehr aufmerksam zugehört, und nun nickte er zustiinmend. „Das ist vom behördlichen Standpunkt aus vollkommen einleuchtend. Aber was wünschen Sie denn nun eigentlich von mir zu erfahren?"
„Ich bitte Sie um eine ausführliche Schilderung der Umstände, Herr Baron, unter denen Erkrankung und Tod Ihrer Frau Gemahlin erfolgt sind."
„Die Erfüllung dieses Wunsches muß ich zu meinem Bedauern rundweg ablehnen."
„Pardon! Sic haben mich ohne Zweifel nicht ganz richtig verstanden. Es handelt sich für uns selbstverständlich nur um die Geschehnisse der fraglichen Nacht, und über diese, soweit sie sich in Ihrem Beisein abgespielt haben, die Auskunft zu verweigern, haben Sie doch gewiß keinen Anlaß."
„Doch, Herr Kommissar, und den allertristigsten. Ich ersuche Sic also, sich an meiner bestimmten, und bündigen Erklärung genligen zu lassen, daß ich mich über die Vorgänge in der Todesnachl meiner Frau nicht äußern werde, weder vor Ihnen noch an irgend einer anderen behördlichen Stelle."
„Darauf war ich allerdings nicht vorbereitet, und ich würde es auf das lebhafteste bedauern, Herr v. Bardeleben, wenn Sie bei diesem Entschlüsse verharrten. In Ihrem Interesse namentlich würde ich es bedauern."
„In meinem Interesse?"
„Zu dem Edelmann und Offizier darf ich wohl freimütiger sprechen, als ich es vielleicht vor einem anderen dürfte. Das ganze Auftreten der Denunziantin und die Art ihrer Bekundungen haben mir ja von vornherein keinen Zweifel darüber gelassen, daß es sich für sic in der Tat weniger um einen unwiderstehlichen Gewissenszwang als um; die Befriedigung eines Rachebcdürsnis handelte, und ich gestehe, daß ich in ihrer Erzählung nichts anderes sah als den gewöhnlichen Dienstbolenklatsch, der sich in nichts auszulösen pflegt, sobald inan ihm einigermaßen energisch auf den Grund geht."
„Und sind Sie inzwischen anderer Meinung geworden?"
„Die tatsächlichen Angaben des Mädchens haben sich in allen Stücken als richtig erwiesen, Herr Baron. Die Schlüsse, die sie aus ihren Beobachtungen gezogen hat, mögen ja falsch sein; aber diese Beobachtungen selbst hat sie jedenfalls voll^ kommen zutreffend geschildert. Die Waldenburger Behörden werden also nicht um»n können, der Sache weiter nachzuu gehen, wenn nicht von Ihrer Seite die unbedingt notwendigen Aufklärungen erfolgen."
„Das ist mir unverständlich. Wenn es überhaupt einen Sinn haben soll, kann es doch nur der sein, daß man mich eines an meiner Frali verübten Verbrechens verdächtigt." lFortsctzung lclgt)


