Ausgabe 
26.9.1914
 
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Kinderseele.

Roman von Rein hold Ortmantt.

(Nachdruck verboten.)

(jjrortfefejmg.)

9£öer, ich bitte Sie," Tarn Iadwiga im Ton zornigster Empörung der Antwort Iosephas zuvor,,was soll das heißen? Nach dieser in meiner Gegenwart ausgesprochenen Ansfordernng habe ich ein Recht, Aufklärung über den Ztveck Ihres Hierseins von Ihnen zu verlangen. Ihre Feststcllun- geu sollen sich also aus den Tod meiner unglücklichen Ver- tvandteu beziehend'

Allerdings, gnädiges Fräulein. Ich war der Meinung, Sie lßitten das bereits erraten."

Wie sollte ich aus eine so uugcheuerlici>e Vermutung Versalien! Es ist skandalös, daß eine Behörde sich dergleichen herausnehmen darf, und ich ivürde Ihnen einfach die Tür gewiesen l>aben, wenn Sie mir sogleich gesagt hätten, daß Sie in solcher Absicht kämen."

Der Kommissar blieb vollkommen höflich.Ein Polizei- beamter. der in dienstlichem Aufträge erscheint, pflegt sich nicht ohne weiteres die Tür iveisen zu lassen, meine Gnä­digste. Im übrigen kan» ich Ihre Entrüstung nicht ganz verstehen. Wenn die Vermutung laut geworden ist, daß Frau v. Bardelebeu nicht eines natürlichen Todes gestorben sei, so hat doch sicherlich niemand dringenderes Interesse an einer Klarstellung als ihre Angehörige."

Nun, es wird Sache des Barons sein, sich darüber mit Ihnen auseinanderznsetzen Vor ihm werden Sie es zu recht­fertigen haben, daß Sie mich veranlaßten. Ihnen diese Ge­mächer zu öffnen."

Selbstverständlich, mein gnädiges Fräulein! Also auf der Schwelle zwischen diesen beiden Zimmern lag die Baronin, als Sie eintraten?" wendete er sich an Josepha. jawohl." l

Sie hätte demnach volle fünfzehn Schritte machen müssen, um vom Arbeitszimmer bis hierher zu gelangen. Wie lange kann der Baron nach Ihrer Schätzung von hier abwesend gewesen sein, um Sie und das Zimmermädchen zu holen*'

Das weiß ich nicht. Es können zehn Minuten gewesen sein, aber auch weniger. Nach der Uhr Hab' ich nicht ge­sehen."

Wo lag der Kops der Baronin, als Sie sie fanden?"

Neben dem Stuhl da. Auf den muß sie im Fallen anfgejchlagen sein und sich die Beule geholt haben."

Was für ein Glas ist dies? Und was hat sich darin befunden?"

Die Frage bezog sich auf ein hochgestieltes Likörglas von feinstem Bakkaratschliff, das der Kommissar von einem unmittelbar neben der Tür des Ankleidezimmers stehenden Tischchen aufgenominen und vrüsend gegen das Licht ge­

halten hatte. Es war leer, aber der unterste Teil der Höh­lung ivar von einer eingetrockneten Substanz oder einem Niederschlage mit einer feinen weißlichen Schicht bedeckt, die sich allerdings nur bei genauer Betrachtung dem Auge offen­barte.

Josepha sagte mit ihrem gewohnten, verdrießlichen Kopsschütleln.Wie soll ich das wissen? Es ist eines von den beiden Gläsern, die immer neben der Likörkaraffe auf dem Schreibtisch des Herrn Barons standen. Der gnädige Herr trinkt vor dem Schlafengehen stets einen Kognak. Das tat er schon, weim er als junger Leutnant auf Urlaub nach Klein Ellbach kam."

Bergmann hatte einen Blick nach dem Schreibtisch hin- übergeworsen.Die Karaffe ist inzwischen entfernt worben?"

Sie ist am Morgen nach dem Tode der gnädigen Frau heruntergefallen und entzweigegangen, wie das ganze Ar­beitszimmer voll von Menschen war."

Der Kommissar, der das Glas unausgesetzt prüfend be­trachtet und wiederholt an seine Nase geführt hatte, schwieg eine kleine Weile. Dann fragte er weiter:Sie sagen, seit der Fortschaffung der Toten seien die Zimmer von niemand mehr betreten worden? Es ist also auch nicht wahrscheiw- lich, daß dies Glas erst nach dem Ableben der Baronin hier­her gelang! ist?"

Josepha mußte Nachdenken, ehe sie den Sin» seiner Worte begriff. Dann erwiderte sie:Erkundigen Sie sich danach bei jemand, der allwissend ist. Ich Hab' von dem Geschwätz nun nachgerade genug, und ich gehe jetzt zu meiner kleinen Baronesse."

Sie lies wirklich zur Tür, und diesmal hielt der Kom­missar sie nicht mehr zurück. Verbindlich, als hätte er ihren vorigen Zornesausvruch ganz vergessen, kehrte er sich gegen Jadwiga:Wohin wenn es mir erlaubt ist zu fragen, gnädiges Fräulein gelangt man durch diese Tür?"

In dem anstoßenden Zimmer schläft das Töchterchen des Barons. Aber die Tür ist nienrals benützt tvorden. Schon als ich vor längerer Zeit zum Besuch auf Klein-Ell- bach weilte, war der Schlüssel verloren gegangen und, so­viel ich weiß, ist bis heute kein neuer angefcrtigt tvorden."

Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, dem Manne mit einem Male so bereittvillig Auskunft zu geben. Viel­leicht war cs eine Folge der seltsamen, beklemmenden Angst, von der sie sich ergriffen fühlte, seitdem sie hier an dieser Stelle, wo Irma v. Bardelebeu ihren letzten Atemzug ge­tan, zur Zeugin eines Verhörs geworden ivar, das den Tod der jungen Frau aus einem natürlichen Geschehnis plötz­lich zu einein düsteren und geheimnisvollen machte. Dieser bei aller ruhigen Bestimmtheit so weltmännisch höfliche Be­amte erschien ihr jetzt geradezu fürchterlich. Sie hatte die Einpsindung, daß hinter jeder seiner gleichmütigen Fragen eine schreckliche, lauernde Absicht verborgen sei, und daß un­erbittlich, unaufhaltsam irgend etwas Grauenhaftes auf sic zuschliche.