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Eine Zahrt über belgische Schlachtfelder.
Von H. Al. Stelzmann.
Von dem den, Erdboden gleichgemachten Bis6 lenkte ich mein Getreues Stahlroß über die Kvlonnenbrücke nach Devant le Pont. Fleißiger Hammerschlag klang von der Gitterbrücke herüber, an deren Wiederherstellung schon längere Tage eine Düsseldorfer Firma eisrig arbeitet. Die Monteure schlasen im Bahnhof. Dort ist auch die Feldpost, Telegraph uiw. eingerichtet. Der Zugverkehr geht wieder. Telephonisch werden die Züge von Station zu Station gemeldet. Merkwürdig, Devaut le Pont hat gar keine Beschädigungen erlitten. Nur Kugelspuren sind an den Hauswänden am Maasuser sichtbar. Die Soldaten verkehren in den Wirtschaften mit den Leuten, sind aber nicht in Prtvatguartier, sondern in einem Tanzsaale, in Schulen und verlassenen Wohnungen einquartiert. Ber Eintritt der Dunkelheit haben die Bewohner zu Hause zu sein, alles verschlossen zu halten, und nur der schwere Tritt der Wache dröhnt durch die Kirchhossstille, das tiefe Dunkel des Orts, der so glücklich gewesen ist, keinen unter seinen Einwohnern gehabt zu haben, der aus die Truppen schoß. Schleusenhaus, Brücken, Straßenpunkte von Bedeutung, alles ist militärisch beseht.
In dem folgenden Dorf, gegenüber.dem schloßgekrönten Ar- aenteau, arbeiten die Männer an der Niederlegung einer großen Mauer, der Herstellung von Verhauen, Wolfsgruben und Schießscharten in Hauswänden und Mauern, alles um einem etwaigm, allerdings fälschlich gemeldeten Kavallerieangriff zu begegnen. In der Kirche tverden alle sechs Stunden 12 Männer des Dorfs als Geiseln abgelöst. Nachts hat sich die gesamte männliche Einwohnerschaft mit dem Pfarrer in der Kirche zu versammeln und be- bcwachen zu lassen. Augenblicklich spielen die Bauern zwischen den Kirchenbänken gerade Karten. Am Eingang ist daS Strohlager unserer Landwchrmänner, die hier wachen. Die Eisenbrücke nach «rgenteau ist vollständig zerstört und durch eine aus eingerammtcn pfählen stehende Kvlonnenbrücke ersetzt. Vom Maastale schweift let Blick aus die Höhen und sieht auch hier die Bajonette unserer feldgrauen blinken. Oben.war eine der ersten Schlachten, erzählt ntr die Brückenwache. Also hinauf. Die große Dampsmllhle arvcitet unter militärischer Bedeckung weiter. Durch die Mittagsruhe des Oertchens quietscht näselnd eine französische Melodie. Sie kommt von einem Grammophon, das unsere hier lagernden Truppen auf- gestöbert haben. Unweit davon dampfen die Feldküchen am Rande der Straße und wird tvacker in der Küche geschafft. Der steile Ausstieg beginnt. Da, der aattse Erker eines schloßähnlich gebauten Hauses abgerissen. Die Wirkung einer Granate. Bald zeigen sich mehr und mehr di« Anzeichen des Gefechtes aus den Höhen vor Lüttich. Noch ein letzter Blick auf das Flußtal. Kein Schiff be- sährt den Strom. Die Kähne sind meist in Lüttich festgehalten, iUM Brückcichau verwendet und dort so dicht nebeneinandergcstellt, aß noch nicht einmal ein Nachen hindurch kann. In dem nächstem rs war man auch so verständig gewesen, nicht zu schießen, so ein Anschlag des deutschen Tnippenfllhrers sagt, die Ortschaft he die Soldaten ausgenommen und sei zu schonen. Auch hier sind die Bauern kaum mit der jetzt so sehr sich häufenden Feldarbeit beschäftigt. Sic stehen müßig vor ihren Häusern und schauen dem einsamen Fahrer interessiert nach. Denn noch höchst selten wagt sich jemand mrt dem Fahrrade hinaus, weil es bis vor einigen vier- undzwanzig Stunden streng untersagt war.
Zwei bis drei fest zusammenhängende Ortschaften sind durchflogen, als sich die Spur einer gewesenen Wegsperre zeigt. Rechts und links gefällte Bäume, die Straße aufgerissen und vor uns sämtliche Häuser elend verbrannt, zerschossen, Ruinen. Links, etwa 80 Meter hinter der letzten Hütte des Torfs Sarolay, weht traurig an langer Stange ein weißer Wimpel mit rotem Kreuz aus dem Grunde. Die Massengräber gefallener deutscher Soldaten. Ich beachte vorläufig nicht die durchschnittenen Stacheldrahtverhaue links mit den wirr herumliegenden Uniformen, Waffen, Tornistern, Stiefeln usw., klettere durch den Drahtzaun in den Friedhof hinein, suche einen guten Bekannten und finde ihn. Es ist das letzte Grab der Einzelgraber, die man an der einen Längsseite für die Offiziere gegraben hat. Zwei Latten bilden aus jedeni Grab ein Kreuz. Mtt Bleistift der Name, Stand, das Regiment, die Konrpagnte, der man angehörte. Gelegentlich auch Helm und Degenscheid«. Gegenüber, wohl 60 Meter lang, ein rechteckiger Auswurs von ftischer Erde, mit mehreren Helmen. In.der Mitte ein großer Grabhügel und noch ein dritter an der Schmalseite des Friedhofs. Hier ruhen die Mackern, hie in den ersten Tagen des August in einem blntiami Nachtaefecht aus die Schützengräben stürmten, die der Feind beinahe 2 Klm. weit aufgeworfen hatte und hartnäckig verteidigte. Die Wehmut mischt sich mit Rührung, wenn ich sehe, wie sorgsam die Totengräber sür di» Grabstätte der Ihrigen gearbeitet. Selbst Blumenkränze hängen an den Kreuzen. Unfern aus freiem Felde einige Tragbahren und Mäntel, blutig und zerrissen. Die gefallenen Belgier liegen in den großen Schützengräben aus einer Stelle zusammen. Auch ihre Bestattung mußten die Deutschen übernehmen. Toll genug siehts aus dem Kampfplätze aus. Man hat nun die Waffen zerbrochen, unschädlich gemacht und zu den Uniformen und militärischen Dingen aus eine Stelle geworfen. Die hellblauen Reservehosen leuchten jetzt mit den schreiend roten Lechbinden in friedlichem Gegeipatz. Sie sind aus dem Tornister ent- fegen, der yt Mzxr Flucht iB«ag«tpot[ai Wrdeg war.
Höchst geschickt und in mindestens mehrtägiger Arbeit bat man die Gräben angelegt. Hügel aus, Hügel ab, hier breit, dort schmäler, hinter Hecken hier, ans freiem Hange dort. Man hat das Schußfeld bis zur Heerstraße darüber freigeleat, Stachcldrahl an der Straße einen halben Kilometer vor dem Hauptgrahen gezogen, aber es unterlassen, den Rücken genügend sich zu decken. Bloß einige mit Strauchwerk verdeckte Gruben und Schützenstellungen. So ist cS erklärlich, baß der Feind, als er infolge einer Umgehung auch von hinten angegriffen wurde, bald herausgeworfen toerden konnte. Und zwar so eilig, daß die Preußen das Essen verzehrten, das sich die Belgier in einem Geschäft hinter den Verschanzungcn bereitet hatten. Dres berichtete der gefangen genommene Koch den Deutschen selbst, als er im Lazarett darüber befragt worden war. Noch Tage danach sand man im Keller dort reichliche Eßvorräte. Ais nun, in wenigen Miiruten, die furchtbar stelle Schluchtstraße hinab die Unsriaen nach Wandre kamen, waren die Leute dort so überrascht, daß ne sagten: Die Preußen wärm aus dem Boden gewachsen. Die Garnison der Stadt ist so überrumpelt wordm, daß man das Belleidungsamt noch über Dreivierlel gefüllt Vorsand. Bekannt ist auch, daß bei den Forls die Freilegung und Umzäumung nicht vollendet war und man ganze Eisenbahnwagen voll Stacheldraht und Eisenständern erbeutete.
Dies sah ich besonders bei der Station, die an dem Fort Flsron liegt. Flöron liegt unweit Herv«, der bckanntm Station vor Lüttich auf der Strecke Aachen—Lüttich. Das Fort hielt sich bloß llivze Zeit Und hält nun durch seine Eßvorräte angenehm aus, die der Besatzung jetzt trefflich munden. Hier begegnete mir auch ein Zug Autos mit Zivilisten. Sie begrüßten froh mit „Guten Tag, ihr Fuugens!" die Soldaten und werfm die letzten Zeitungen heraus. Ach ja, dieser Hunger nach Zeitungm! Oder doch fast jedes Mal die erste Frage: „Haben Sie Zeitnngm da? Was gtbrs Neues?" und nötig sind unsere Zeitungen. Lies doch die ganze letzte Woche bet Mannschaften und Offizieren hart- nücktg das Gerücht herum!: Italien hat Frankreich dm Krieg erklärt und sechs Armeekorps in Nizza und Savoyen »inrückm lassen. Es solgm dann Bergwerksorte. Ti« Betriebe ruhen und der Müßiggang blüht.
Ich bog links ab zum Schlachtfeld von Rötinne. Wie heuchlerisch dieses Volk! „NouS respectons les trcmpes allemandes , steht sauber gedruckt auf Anschlägen an dm Türm und darunter in der Verdeutschung nach dein Wörterbuch: „Wir verehren die deutsche Schar!" Schlimm genug allerdings hat die Krtegsfurie hier in den Dörfern gehaust. Die belgischen Granaten
g tt ihre Schuldigkeit getan, als sie in das SchlachtaetümMel nsausten. Zwar nicht so schlimm, wie in der Umgebung von Flsron. Dort sprengte und zündete inan die Häuser und an, um freies Schußfeld zu bekommen. Einige der Missetäter stehen beschädigt aus dem Felde. Es sind leichte Kaliber, Feldartillerie. Konnte man sie tu der Elle nicht mehr genügmd zerstören, so hat nran die Speichen zerschlagen, um die Bewegungs- sähigkeit zu hindem. Auch bet Ästinne folltm die seindlichm Schützengräben die Straße decken. Sie sind aber rascher und mger ausgeworfm als über Wandre. Ae Massengräber hier liegen verstreut und bergen manchen Francttrmr. Die Kalkschicht kommt fast bis »uni Boden des Ackers heran. Schlachtenbummler haben noch hinreichend Gelegenheit, Uniformen und Waffenreste mttzu- nehmm. Es liegt genug davon da. Ich atng mit einer Patrouille und konnte da noch das charakteristisch« vairdhoch der Zivilbevölkerung vor dm bewaffneten Soldatm sehen. Die Angst vor dem deutschen Gewehr ist derart, daß z. B. aus einem Feld« vor der Lütticher Zitadelle zwei Kartosseldiebe schleunigst ReißauS nahmen, als sich ein das Gewehr im Riemen tragender Soldat mal di« Gegend ansah. Ueber Herve gings weiter. An der Straße und soweit das Auge reicht, Vernichtung. Ein Zug krächzender Raben fliegt querfeldem. .
Ueber die Zerstörungen in dem Städtchen Herve tst schon Genügendes, bekannt gewordm. Erschütternder wirkt das wohlhabende Battice. Wie in manchen dieser Dörfer gab's auch hier ein hübsches Springbrunnendenkmal, gepflasterte Straßen, Gas- laternm, Billen, herrlich eingerichtete Privathäuser, kurzum ein städtischer Anstrich von Eleganz lag Über diesen Watlonendörsern. Battice hat das alles verloren und ist in den nächstm Jahren kaum wieder aufbausähig. Entsetzlich ist der Leichmgeruch, der aus manchm Kellem jetzt noch strömt. Aus dem Grinsm des Todes ringsum lacht versühnmd der deutsche Soldatmhumor. Bor Batttce hielt der Posten eine Pappstandarte über die vorüberfahrenden Deutschen. Daraufstand: Bitte Zeitungen! An einer Dorfschmiede stand: Hier wird altes belgisches Eisen verkauft, Franzosen und Engländer werdm tüchtig und preiswert beschlagen. Zerbrochen« Räder und Troinwagen, große veclassme Biwakselder mit Kochst ellm zu beiden Seitm der Straße crinnem an den Durchmarsch unserer Armeekorps. Da kommen wieder Truppen! „Bon der Maas bis an die Memel", lautet ihr Schlagwort. Recht frohgemut sahen die Unsrigen aus. Mehrere führten Hund« mft. Die Tiere wärest mitgelaufm und hattm treue Kameradschaft mtt den Soldaten ge- schlossm, nachdem ihre früheren Herren vertrieben, gefangen oder erschossen warm.
Nm war mir die Begegnung mit einer Marketenderin. Sie war handfester als ihr Ehegemahl. Zigarren, Backsteinkäse, »in Faß Bier warm in dem Wagm. Beide bedienten eifrig eine Kompagnie, die zum Mmtzghpelj anftetm sollt-, ES war ist dem allep-


