Freitag, den 25. September

Kinderseele.

Roman von Reinhold OrtinanN- (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Herr Baron klopfte an die Tür meiner Kammer und sagte, ich solle sofort aufstehen, denn der gnädigen Frau loärc nicht gut und sie brauche einen Beistand."

War es schon früher einmal vorgekommen, daß Sie aus solchem Anlaß geweckt wurden?"

Nein. Wenn die Frau Baronin einen ihrer Anfälle hatte, wurde immer nur Fanni gerufen. Die verstand sich am besten darauf, sie wieder zu sich zu bringen. Es war auch bisher stets am Tage passiert und l^atte niemals länger angchalten als ein paar Minuten."

Für lebensgefährlich wurde» die Anfälle hier von niemand gehalten?"

Was die anderen davon gedacht haben, weiß ich nicht. Ich aber nicinte immrr, daß sie nicht alt werden würde."

Wie kam es, daß der Baron in jener Nacht gerade Sie weckte und nicht das Zimmermädchen, von dem er doch wußte, daß es mit der Behandlung seiner Frau besser ver­traut >oar?"

Das müssen Sie ihn selber fragen."

Tic Hassclbauer hat bekundet, daß sie in ihrer benach­barten Kammer das Klopfen des Herrn v. Bardeleben ge­hört und seine an Sie gerichtete Aufforderung verstanden habe. Darauf sei sie ebenfalls aufgestanden und habe sich hastig angekleidet. Ist das richtig?"

Es tvird wohl richtig sein. Jedenfalls kain sie sofort auf den Gang heraus und wir sind dann zusammen mit dem Herrn Baron nach den Zimmern der gnädigen Frau gegangen."

Was hat Ihnen Herr v. Bardeleben auf dem Wege dahin gesagt?"

Er sagte, die Frau Baronin sei plötzlich ohnmächtig geworden, und er habe sie auf das Ruhebett in seinent Arbeitszimmer gelegt."

Das Arbeitszimmer befindet sich unmittelbar neben dem danialigen Schlafgemach der Baronin?"

Jawohl."

Fanden Sie nun bei Ihrem Eintritt Frau von Barde­leben an der angegebenen Stelle?"

Nein, da fanden wir sic nicht."

Und ivo sonst?"

Sic lag auf der 2chivelle zwischen ihrem Schlafgemach und dem kleinen Ankleidezimmer, das daneben ist."

Sie muß also, wenn die Angabe des Barons richtig war, inzwischen aus ihrer Ohnmacht erwacht und dorthin gegangen sein?"

Das muß wohl so sein."

Aeußerte denn Herr von Bardeleben keine Ueber- raschung darüber?"

Er sagte gar nichts, sondern lief sofort zu ihr hin, um sie bei ihrem Name» zu rufen und sie aufzurichten."

Frau v. Bardeleben war ohne Bewußtsein?"

Das war sie."

Sie haben auch nicht gehört, daß sie irgend Finen Laut von sich gegeben hätte?"

Gesprochen hat sie nichts."

Einen Schmerzenslaut, meine ich, ein Wimmern oder etwas dergleichen."

Ja gewimmert hat sie schon. Aber wenn Sie das alles so genau wissen, warum fragen Sie mich denn noch?"

Weil ich es von Ihnen bestätigt hören möchte. Die Baronin soll sich auch trotz ihrer Bewußtlosigkeit gekrümmt und gewunden haben, wie wenn sie heftige Schmerzen hätte?"

Anfänglich wohl. Aber nachdem der Herr Baron sie auf das Bett gebracht hatte, lag sie ganz stiU."

Hatten Sie nicht den Eindruck, daß es sich bei dieser Erkrankung uni etwas anderes handeln müsse als um einen der gewöhnlichen Anfälle?"

Nein. Ich weiß mit solchen .Sachen nicht Bescheid."

Nun, wir werden darauf zurnckkommen. Erzählen Sie weiter."

Der Herr Baron hob die gnädige Frau auf und legte sie auf ihr Bett. Wir sollten sie auskleiden, sagte er, und sollten ihr die Stirn mit Kölnischwasser reiben, das sie inimer anwandte, wenn sie Kopfschmerzen hatte. Er selber wolle nach Rcinswaldau hinüberreiten, um den 'Sanitäts­rat zu holen."

Wäre der Arzt nicht auch telephonisch zu erreichen gewesen? Es gibt doch, wie ich gesehen habe, eine Verbin­dung zwischen Reinsivaldau und dem Klein-Ellbacher Schloß."

Josepha sah den Fragenden geringschätzig an.Aber man kann doch nicht mitten in der Stacht telephonieren! Das müßten Sic als Obrigkeit eigentlich wissen."

Auffällig muß es Ihnen immerhin vorgekvmmen sein, daß der Baron den Arzt selbst holen wollte. Das Natür­lichere iväre doch gewesen, daß er jemand aus der Diener­schaft geschickt hätte und bei seiner schwer erkrankten Frau geblieben wäre." <

Wenn Sie unseren Herrn Baron jemals hätten reiten sehe», dann ivüßten Sie, daß ihm kein anderer »achmacht, was er fertig bringt. Fragen Sie doch den Reitknecht, der damals die Stallwache gehabt hat, wie's gewesen ist. Der Herr Baron ist in den Stall gekommen, hat sein Leibpserd von der Streu aufgerissen, ihm einen Halfterzaum über den .Kopf geworfen und hat siche so, ivie er war, auf de» Gaul geschwungen. Der Reitknecht sollte nach seinem Be­fehl mit deni Sandläufer so rasch als möglich hinterher, damit der Wagen in Reinsivaldau zur Stell« wäre, bis sich der Sanitätsrat fertig gemacht hätte. Es sollte eben