Ausgabe 
24.9.1914
 
Einzelbild herunterladen

608

davon etwas zu Ohren gekommen War. und daß, sich daraus seine Stimmung an jenem Abend erklärt?"

Das ist dummes Geschmeiß! Der Herr von Reibnitz war ein aufgeblasener Affe, und solange ich auf Klein-Ell- bach bin, ist hier noch nichts Unrechtes vorgekommen vo» dieser Art."

Sie war unverkennbar voll der tiefsten Empörung und sie sah den Kommissar an, als ob sie ihn mit ihren stechen­den Augen durchbohren wollte.

Mit einem Lächeln gab er das Thema auf und sagte beschwichtigendeMin ja, ich will Ihnen gerne glauben, daß Sie nichts davon bemerkt haben. Es war Ahnen also an dem fraglichen Abend überhaupt nichts Besonderes auf» gefallen. Was geschah nun aber in der Nacht?"

(Fortsetzung tolgt-f

Die Entwicklung der österreichischen Armee.

i Von I. C. L u ß t i g.

An der Ausgestaltung der österreichisch-ungarischen Armee hat die Geschichte mit eherner Hand gearbeitet. Die Schicksale der alten Donaumonarchie drücken sich in den Veränderungen klar aus, denen das Heer der habsburgtschen Lande seit vielen Jahrhunderten unter­worfen gewesen ist. Und mehr noch vielleicht als bei unserem eigenen Heer nehmen in dem Oesterreich-Ungarns diese Verschiebungen des Gefüges sichtbare Formen an, weil das Völkergemenge, das in dieser Armee sich zu einer starken Einheit verbindet, auch äußerlich schon in ihr zum Ausdruck kommt.

Die historische Patina, die auf der Gestalt der österreichischen Armee ruht, zeigt sich allein schon in dem Namen jener großen Soldaten, die aus vergangenen Zeiten heute noch als vorbildlich für soldatisches Wesen und militärischen Ruhm, als Typen, in unsere Tage hineinragen. In der österreichischen Armee dienten z. B. als Fcldmarschälle Johann Graf Tilly von 16071932, Wallen­stein von 16251634. Die Liste der alten österreichischen Feld- marschälle weist unter vielen anderen Namen auf: den Grafen Gottfried Heinrich von Papveicheim, den Grafen Johann Aldrrn- gen, ferner den Grafen Rudolf von Colleredo, den Reichsfürsten Oktavius Piccolomini, alles Gestalten, die aus dem dreißigjährigen Kriege uns wohlbekannt sind und zu denen sich der Freiherr Chri­stian Jlow Schillers Jllo gesellt. Aus später» Zelten be­gegnet man im Gleise dieser interessanten historischen Spuren dem Herzog Karl von Lothringen und dem Grafen Ernst Rüdiger von Starhemberg, den Helden der Türkenkriege, dem Grafen Caraffa, uich vor allem dem Prinzen Eugen von Savoyen Alle diese Mar- fchälle haben an der Spitze von Armeen und sonstigen stehenden Formationen in österreichischen Diensten gekämpft, und die nächste große gAchichtlichc Epoche hebt dann den Grasen Daun und den yeldmarschall Loudon empor, die Heerführer aus dem siebenjährigen Kriege. Auch sonst noch tauchen da bemerkenswerte Gestatten mit Namen von gutem Klang und hohem Ansehen aus, darunter auch einige Grasen von Hohenzollern, Herzöge von Württemberg, ein Jnsant von Portugal usw., und die große Reihe von Soldaten aus den: österreichischen, zumal böhmischen Uradel: Die Lobkowitze, die Fürsten von Schwarzenberg, die Grafen Kinskh, die Grasen Kolowrat und endlich Radetzky, der Sieger auf den lombardischen Gefilden.

Das älteste Regiment der österreichisch-ungarischen Armee ist das heuttge Dragoner-Regiment Graf Montecuccoli Nr. 8. Es ist jetzt ein polnisches Reginieitt, aber ursprünglich aus italienischen Mannschaften errichtet worden. Im Jahre 1618 nmrdcn für den Großherzog Cosmus II. von Medici einigeflorenttnische Kom­pagnien" angeworben, und diese sind ein Jahr später, aus 200 Kürassiere und 300 Arkebusiere ergänzt, in kaiserliche Dienste über­nommen worden. Diese Mteilung stand unter dem Befehle des Grasen Heinrich Duval von Dampierre, Obrist-Wachtmeisters zu Feld über alles Kriegsvolk zu Roß: sie war es, die im Jahre 1619 den Kaiser Ferdinand II. aus schlverster Not befreite, als er in der Wiener Hofburg von den protestantischen Städten hart be­drängt worden war. Der Gründungstag des Regimentes ist auf den 5. Juni 1619 fcstgelegt worden, eben auf den Tag, an dem dieser Einmarsch in die Hofburg ersolgte. Das älteste Infanterie­regiment ist das Regiment Johann Georg Prinz von Sachsen Nr. 11, ein böhmisches Regiment, das im Jahre 1629 formiert wurde aus 6 Kompagnien von dem im Jahre 1621 errichteten Regimente zu FußÄlbrecht von Waldstein (Wallenstein) Herzog Von Mecklenburg, Fricdland und Sagan." Sein erster Oberst war ern Graf Hardegg. Ein Jahr später wurde das Regiment ver­gröbert und seit dem Jahre 1853 waren und sind stets Mitglieder des Sächsischen Königshauses Inhaber dieses Truppenteils. Die Husaren-Regimenter der österreichischen Armee sind überhaupt die ersten dieser Gattung der Reiterei. Die BezeichnungHusar" stammt aus dem ungarischenhusz", das heißtzwanzig". Bei einer Werbung im Jahre 1688, die in Ungarn für das Heer durch-

e rl wurde, hatte man jeden zwanzigsten Mann für eine Reilcr- ie bereitgestellt, und diese Leute nannte man in ungarischer Sprach« dieZwanziger" (Huszarrn). Dies älteste Husaren-Regi-

nieitt, heute Husaren-Regiment Nadasdy Nr. 9, ist im Jahre 1688 errichtet worden: sein erster Oberst war ein ungarischer Graf von Czobor.

Ein interessantes Stück Heeresgeschichte drückt sich in der Ver­gangenheit der früheren Militärgrenztruppenkörper aus. Diese Grenzregimenter wurden zum Schutz gegen die fortwährenden Ein­fälle der Türken um die Mitte des 18. Jahrhunderts an der untern Save und Donau errichtet. Sie waren nach dem Milizsystem ge­fügt und hielten immer nur einen Teil ihrer Mannschaften unter den Waffen, während die überwiegende Zahl der Wehrpflichtigen ihrem Berufe nachgehen konnte. Dre militärischen Vorgesetzten der Bevölkerung regelten den ganzen Verlauf des beruflichen Lebens, und sogar die landwirtschastlichen Arbeiten wurden in jedem Kom­pagniebezirk durch Befehl des Hauptmanns angeordnet und über­wacht. Diese Art von Verwaltung war aber nur möglich in einem Lande und bei einem Volke, das sich auf die sogenannteHaus- kommunion" gründete. Der älteste der Familie war ihr Leiter und Lenker. Die ganze Natural- und Geldwirtschast seiner Familie wurde von ihm allein und ohne jede Kontrolle selbständig geleitet, und dieses patriarchalische System hat der österreichischen Armee in den Zeitraum von ungefähr 17501866 das wertvollste Sol- datenmaterial zugeführt. Die besten Generäle, die Oesterreich be­sessen, bis hinunter »um Feldzeugmeister Philippowitsch, dem Er­oberer Bosniens und der Herzegowina, stammen aus der Militär­grenze, und was die Nachkommen dieser Soldaten heute noch für die österreichisch-ungarische Armee bedeuten, das zeigt die geradezu bei­spiellose Tapferkeit, »ist der vor einigen Tagen das Waraßdiner

S nsanterie-Reaiment Nr. 16 in den Kämpfen gegen di« erben sich geschlagen hat. Dieses kroatische Regiment stammt aus der Gegend der früheren Militärgrenze. Dort lebt heut« noch der alte kriegerische Geist und herrscht heute noch di« militärische Disziplin, die die Grenztruppen einst zu einem gefürchteten Macht­saktor des habsburgischen Kaiserstaates gestaltet hatte. An der Spitze dieser Grenzregimenter haben stets hervorragende Soldaten gestanden. Aeußerlich boten di« Regimenter allerdings kein Bild der absoluten Straffheit, aber ihr Kern war durchaus tüchtig und gesund. Ein eigentümliches Korps besaß di« Militärgrenze jn den sogenanntenTschaikisten-Kvmpagnien . Das merkwürdige Wort bedeutet so viel wie Pionier-Kompagnien. DennTschaik" ist di» dialektische Umformung des türkischen WortesKaik" das heißt Kahn". Diese kleine Kahnflottille besorgte den Verkehr aus der Donau unb mit der Save und konnte Brücken über die Flußläuf« schlagen. Mit der Einführung der modernen technischen Verkehrs­mittel ist diese Truppe aus dem Gefüge der Armee verschwunden.

Großen Veränderungen war die Jägertrupp« d«r österreichischen Armee unterworfen. Im Jahre 1813 wurden die ersten 12 Jäger­bataillone errichtet, das Tiroler Jägerregiment, die nachmaligen Kaiserjäger", stammt aus dem Jahre 1816. Im Revoluttons- jahre 1848 ist ein Jägerbataillon aus den siebenbüraischen-säch- sischen Deutschen formiert worden, und das berühmte Wiener Frer- willigen-Bataillon ging nach dem Jahre 1848 in ein Jägerbataillon über. Der Rest der jefet vorhandenen Jägertrüpye stammt aus späterer Zeit. Verschwunden sind aus der österreichischen Armee die Kürassiere, die sogenannten leichten Dragoner und die Käger zu Pferde. Aus den Kürassieren und leichten Dragonern entstanden die Dragonerregimenter schlechtweg, die Jäger zu Pferd wurden aufgelöst. Eine Zeitlang gab es auch Chevaurlegers, dann ein Banderial-Husarenregiment. Die Artillerie wurde früher Born» bardierkorps genannt. Im Jahre 1851 kam der Name Raketeur- korps auf, und erst das Jahr 1854 suchet Feldartillerieregimenteo und ein Küstenartillerieregimcnt. Auch die Festungs-Arttllerie- bataillone treten jetzt hinzu. Die Gliederung in.Feld- und Ge- birgsartellerie geschah erst im Jahre 1908, wenn auch schon vorher, seit der Okkupation von Bosnien und d«r Herzegowina, Gebirgs­artillerie-Formationen tatsächlich vorhanden waren. Eine Zeitlang gab es in der Armee eine sogenannteGenietruppe", Abteilungen, dia für die Durchführung von Befestigungsarbeiten vorhanden waren und auch einen Teil des Pionierdienstes versahen. Diese Truvve stammt aus dem Jahre 1716, wo sie als Mineurkorps einen Zweig der Artillerie bildete. Später ging aus diesen Truppen das Ingenieur- und Sappeurkorps hervor. Heute gliedert sich diese technische Gruppe in Pionier- und Sappeurbataillone. Die Sap- peurbataillone werden nur für den Landdienst, die Pioniere für den Dienst zu Land und zu Wasser gebraucht.

Auch in den Orden und Ehrenzeichen ruht ein großes Stück österreichischer Heeresgeschichte. Der Militär-Maria-Theresien- Orden entspricht in seiner Bedeutung ungefähr dem preußischen Orden pour Is mörite. Er wurde von der Kaiserin-Königin Maria Theresia nach dem Siege des Feldmarschalls Daun bei Collin g«- stistet und wird nur für ganz hervorragende milttärisch« Leistungen verliehen. Der letzte Ritter dieses hohen Ordens, der General der Infanterie, Freiherr Fejärvary de Komlos-Keresztes, ist vor einigen Monaten gestorben. Das Ordensabzeichen trägt jetzt nur noch der Kaiser Franz Joseph als der Großmeister des Ordens und außer­dem gibt es noch zwei'Inhaber" des Ordens in auswärtigen Staaten, den Grafen Alphonse von Caserta, Prinzen beider Sizi­lien, und den Herzog Ernst August von Cumberland, Braun schweig und Lüneburg. Die Ordenskanzlei aber mit ihren Würdenträgern besteht weiter. Der Kaiserliche österreichische Leopoldsorden wird cbensalfs für militärische Dienste verliehen. Kaiser Franz I. hat