Ausgabe 
24.9.1914
 
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Unangenehm? Nein. Sie sind mir ziemlich gleicb- jjiltttg. Ich bin nur eben keine Freundin von pvlizei-

Es tut mir aufrichtig, leid, nach dieser Richtung hin an meine Dienstanweisung gebunden zu sein. Gnädiges Fräulein haben übrigens keine Veranlassung, darin etwas wie persönliches Mißtrauen zu sehen."

Nun, so fragen .Sie meinetwegen, was Sie von mir zu erfahren wünschen."

Es ist nur sehr wenig. Im Dienst des Herrn v. Barde­leben befand sich bis vor kurzem ein Zimmermädchen namens Fanni Hasselbauer. War Ahnen dies Mädchen bekannt?"

Gewiß! Es geschah aus meine Veranlassung, daß. sie ans dem Dienst entlassen wurde. Liegt etwas gegen sie vor?"

Das möchte ich nicht gesagt haben. Aber es würde mir trotzdem von einigem Wert sein, Ihr Urteil über den Charakter des Mädchens zu vernehmen."

Sie war eine kecke und vorwitzige Person, deren an­

maßendes Auftreten zuletzt Sonst weiß ich nichts Über sic

einfach unerträglich wurde. ,'te zu sagen, denn Sie begreifen, daß ich nicht gewöhnt bin, den Charakter meiner Domestiken zum Gegenstand ernes besonderen Studiums zu machen."

Wieder eine Verbeugung.Eine ausgeprägte Verlogen­heit des Mädchens ist Ihnen also nicht aufgefallen?"

Nicht daß ich wüßte."

Dann gibt es hier im Schlosse noch einen anderen weiblichen Dienstboten, der einiges Interesse für mich hat, eine Kinderfrau oder ein Kindermädchen namens Joseph« Gnradze. Gnädiges Fräulein kennen wohl auch diese?"

Selbstverständlich, Schon seit meiner Kindheit sogar. Sie gehört gewissermaßen |um Inventar des Hauses. Mer was wollen Sie denn von der?"

Ich würde um die Gewährung einer Möglichkeit bitten, einige Fragen unter vier Augen an sie zu richten."

Das kann sofort geschehen. Mer ich mache Sie darauf aufmerksam, daß sie sehr einfältig

Der Kommissar lächelte.Mtzin Dienst hat mich hin­länglich an den Verkehr mit solchen Personen gewöhnt, gnädiges Fräulein. Diese Josepha hat natürlich eine große Anhänglichkeit an ihre Herrschaft?"

Ich vermute es."

Wenn ich also bitten dürfte, mir die erwähnte Mög­lichkeit zu gewähren."

Jadwiga drückte auf den Knopf der Leitung.Rusen Sie Josepha hierher!" befahl sie dem eintretenden Diener. Dann wandte sie sich an den Kommissar.Ich werde jetzt «einem Vetter telephonieren und werde Ihnen hierher Bescheid gehen lassen, ob Sie ihn erwarten dürfen. Guten Morgen!"

Damit rauschte sie' in ihrem lang nach schlepp enden, dunklen Hauskleide hinaus, den Kommissar in der Gewiß­heit znrücklassend, daß er sich durch sein Verhalten ihre vollste Ungnade zugezogen habe.

Das aber focht den Beamten ersichtlich wenig an. Er musterte mit Interesse seine luxuriöse Umgebung, bis eine der hohen Flügeltüren geöffnet wurde und die knochige Gestalt der alten Josepha sichtbar wurde.

Sie betrachtete den Kommissar mit dem stechende», miß­trauischen Blick, den sie für alles Fremde hatte, und indem sie hart neben dem Eingang stehen blieb, sagte sie mürrisch: Ich bin hierher geschickt worden. Was wollen Sie vön mir?"

Ich möchte Sie einiges fragen. Aber treten Sie doch, bitte, näher. Sie brauchen sich nicht zu fürchten."

Fürchten? Hier im Schlosse? Ja, wer sind Sie denn, daß ich mrch vor Ihnen fürchten soll?"

Ich bin der Kriminalkommissar Bergmann aus Bres-- fau, ein Polizeibeamter, wenn Ihnen das verständlicher ist. Und Sie sind verpflichtet, mir jede verlangte Auskunft zu geben." /

So? Bin ich das? Ta müßt' ich mich doch erst anderswo befragen. Ich habe nichts verbrochen, und darum Müßt' ich auch nicht, was ich mit der Polizei zu schaffen hätte."

Es behauptet ja auch niemand, daß. Sie selbst etwas verbrochen hätten. Wenn Sie sich aber weigern, meine Fra­gen zu beantworten, müssen Sie wahrscheinlich nach Walden­burg aus das Polizeiamt oder das Gericht. Ich denke, da ist es für Sie doch bequemer, mir hier Auskunft zu gebe»-"»

Ein Gang aufs Gericht war für Josephas Vorstellung immer der schrecklichste aller Schrecktu Myesen, und der

Trotz, mit dein sie sich auf dem Wege hierher gewappnet hatte, war durch diese Drohung schön halb gebrochen.

Was soll ich also sagen? Was hat die Polizei über­haupt aus Klein-Ellbach zu suchen?"

Darüber brauchen Sie sich nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Und nun kommen Sie näher, liebe Frau, und setzen Sie sich. Wenn Sie sich verständig zeigen, werden wir rasch fertig sein."

Ich bin keine Frau, Herr. Mein Bräutigam ist vor der Hochzeit gestorben. Und ich bleibe schon stehen. Ein Dienst/» bote gehört nicht auf die Herrschaftssessel im Salvn/i

Wre Sie wollen. Sie sind also Fräulein Josepha Gu- radze und stehen im Dienst des Herrn v. Bardeleben? Schon sehr lange, nicht wahr?"

Ich bin auf Klein-Ellbach geboren Und schon seit mei­nem fünfzehnten Jahre auf dem Schlosse."

Da ist es begreiflich, daß Sie Ihrer Herrschaft sehr wohlgesinnt sind. Mer diese Anhänglichkeit darf Sie nicht abhalten, die reine Wahrheit zu sagen, auch wenn sie für jemand hier im Hanse nachteilig sein könnte. Da Sie im persönlichen Dienst der Herrschaften tätig waren, müssen Sie natürlich bemerkt haben, ob das eheliche Leben des Herrn v. Bardeleben ein glückliches oder ein unglückliches ge­wesen ist."

Darum Hab' ich mich nicht gekümmert. Das ging mich nichts an."

Na, Sie werden mir doch nicht einreden wollen, daß Sie nichts darüber wüßten. Daß unter der Dienerschaft über dergleichen gesprochen wird, ist doch ganz selbstverständlich. Sogar drüben in Reinswaldau wissen die Leute davon zu erzählen."

Dann können Sie ja die Leute in Reinswaldau aus­fragen. Ich weiß, was sich für einen Dienstboten gehört, und ich red' nicht über Sachen, die mich nichts angehen."

Lassen wir das also auf sich beruhen. Die Baronin Bardeleoen ist nun vor ungefähr zwei Monaten plötzlich gestorben, und in ihrer Todesstunde ist niemaick' bei ihr

Und da seitdem erst wenige Wochen vergangen siirch erinnern Sie sich natürlich auch noch genau an alle Vor­gänge der fraglichen Nachl. Erzählen Sie mir, bitte, aus­führlich, was Sie damals erlebt und gesehen haben."

Das kann der Herr Baron besser als ich. Ohne seine Erlaubnis werde ich nichts sagen."

Der Herr Baron hat Ihnen da nichts zu erlauben oder zu verbieten. Es ist die staatliche Obrigkeit, die in meiner Person Auskunft von Ihnen fordert. So viel Weltkenntnis werden Sie doch wohl haben, um sich darüber klar zu sein, was das bedeutet."

Irgendeine Stelle der Schrift, darin vom Gehorsam gegen die Obrigkeit die Rede ist, ging der frommen Josepha durch den Sinn, und sie wurde wieder kleinlaut.Wenn Sie die Obrigkeit sind, Herr, dann muß ich freilich wohl reden. Also wie der Herr Baron die gnädige Frau auf das Bett gelegt hatte"

Halt! Wir wollen lieber mit dem Anfang beginnen. Wann haben Sie Frau v. Bardeleben vor ihrer Erkrankung zum letzten Male gesehen?"

Am Wend desselben Tages."

Haben Sie da irgendwelche Zeichen eines Unwohl­seins an der Dame bemerkt?"

Sie war wie immer. Es ist ja auch einer von ihren! Anfällen gewesen, woran sie starb. Und die kamen immer ganz plötzlich."

Herr v. Bardeleben war erst am nämlichen Mend nach einer längeren .Abwesenheit wieder auf Klein-Ellbach ein getroffen?"

Ja. Er kam zusammen mit dem Fräulein Othmar, was dje neue Erzieherin war von unserer leinen Baronesse."

Kam es an diesem Abend zu Mißhelligkeiten zwischen dem Bardelebenschen Ehepaar?"

Wie soll ich das wissen? Glauben Sie denn, daß sie sich vor den Dienstboten gezankt hätten?"

Man will bemerkt haben, daß der Baron unmntigs und aufgeregt war. Es gab damals hier auf dem Gute einen Volontär, einen Herrn v. Reibnitz, und unter den: Leuten soll ein Gerede gegangen sein, daß sein Verkehr niit Frau v. Bardeleben ein sehr freundschaftlicher gewesen fei. Halten Sie es nicht für glich, daß auch dem Karow