Ausgabe 
24.9.1914
 
Einzelbild herunterladen

ooniierstaa. den 24. äeutember

Kinderseele.

Koma« von Reinhold Ortmanrt.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Achtzehntes Kapitel.

Um die elfte Morgenstunde des folgenden Tages hielt der wohlbekannte einspännige Mietschiitteu, der bei Ankunft der Schnellzüge auf dem Harmsdorfer Bahnhof etwaiger Fahrgäste zu harren Pflegte, vor dem Klein-Ellbacher Herrenhause.

Er war nicht auf dem kürzesten Wege von Harmsdorf hierher gekommen, sondern der Passagier, ein gut geklei­deter, hochgewachsener Herr von ungefähr vierzig Jahre», hatte sich zunächst inrch Reinswaldau fahren und in einem dortigen Wirtshause ausspannen lassen, tveil er, wie er dem Kutscher sagte, voraussichtlich längere Zeit in dem Fabritdorse zu tun habe. Er batte nach dem Wege zur Villa RaSmussen gefragt, und der Kutscher hielt ihn für den Reisenden einer Ehampagncrfirnia, weil er schon öfter Herren von dem Aussehen ehemaliger Offiziere gefahren hatte, die sich hinterher als Weinreisende entpuppt hatten. Daß er jetzt den Auftrag erhielt, nach Reinswaldau zurück­zukehren und im Wirtshause auf den Passagier zu warten, machte ihn freilich ein wenig an dieser Einschätzung irre) aber am Ende hatte er ja keine Veranlassung, sich loeiter den Kopf darüber zu zerbrechen, nachdem ihm der be­dungene Fahrpreis vorausgezahlt worden war.

Ist Herr v. Bardeleben zu sprechen?" wandte sich der Ankömmling höflich, aber in einem Ton, der nicht eigent­lich der joviale Umgangston eines Chanipagnerreisenden war, an den Diener, der ihm in der Halle entgegengetreien war.

Ich bedaure sehr. Der Herr Baron ist nach dem Vor­werk Lchmittsdorf hi.iübergefahren^"

Er ist also doch hier? Wann erwarten Sie ihn zurück?"

Das ist unbestimmt. Aber ich iverdc inich erkundigen, ob vielleicht dem gnädigen Fräulein etwas darüber be­kannt ist."

Das gnädige Fräulein wer ist das?"

Die Baronesse v. Ostrowski, eine nahe Verwandte des Herrn Barons."

So melden Sie mich bei dem gnädigen Fräulein. Hier ist meine Karte."

Ich bitte, sich einen Augenblick zu gedulden."

Der Tiener begab sich in das Wohnzimmer, ivo er Jadwiga wußte, aber er unterließ natürlich nicht, unter­wegs einen Blick auf die ihm überreichte Karte zu iverfen.

Bergmann, Kriminalkommissar, Breslau", war darauf zu lesen, und nun Ivurde es dem jungen Menschen mit einem Male verständlich, lveshalb der Fremde bei seinen

Fragen von so beamtcnmäßiger Bestimmtheit und Kürze gewesen war.

Jadwiga, die sich die Langweile des Alleinsems mit einen. Buche zu vertreiben suchte, machte ein sehr erstaun­tes Gesicht, aber sie gab ohne iveiteres Auftrag, den Herrn in den Empfangsalon zu führen. Dort ließ sie ihn daun- allerdings volle zehn Minuten warten, ehe sie sich ent­schloß, hinüberzugehen, und ihre Miene war sehr hochmütig, als sie den prunkhaften Repräsentationsraum betrat.Sre wünschten mich zu sprechen, mein Herr?" fragte sie kurz.

Der Kommissar hatte sich höflich verbeugt, und sein Benehmen war jetzt ganz das eines wohlerzogenen Maunos der guten Gesellschaft.Ich würde mir nicht erlaubt haben, das gnädige Fräulein zu stören, wenn nian mir nicht gesagt hätte, daß Herr v. Bardeleben zurzeit abwesend fei."

Das ist richtig. Mein Beiter ist aus einem ziemlich abgelegenen Vorwerk, und ich weiß nicht, wann er von da zurücklehren wird."

Es gibt auch keine Möglichkeit, den Herrn Baron von meinem Hiersein ffu verständigen."

Das Schloß ist mit dem Vorwerk telephonisch ver­bunden. Aber che ich meinen, Vetter zumuten könnte, seine Geschäfte zu unterbrechen, müßte ich koch wohl erst wissen, in welcher Angelegenheit" »

Es handelt sich um einige Feststellungen, die zu be­wirken ich von meiner Vorgesetzten Behörde beauftragt wor- den bin. Eine Befragung des H>errn v. Bardeleben ist zu diesem Zweck unerläßlich."

Können Sie mir nicht sagen, auf was diese Feststel­lungen Bezug haben sollen?"

Ich muß allerdings bedauern, gnädiges Fräulein, mich darüber vorläufig nicht äußern zu dürfen."

Jadwigas Gesicht wurde noch hochmütiger,ilcun, das hat für niich ja auch weiter kein Interesse. Ich werde ver­suchen, niich mit meinem Vetter in Verbindung zu setzen, und werde ihm, wenn er erreichbar ist, Ihre» Wrmsch mit- teilen. Daß er sich veranlaßt sehen wird, sofort hierher zu kommen, kann ich Ihnen freilich nicht versprechen."

Ter Kommissar verbeugte sich wieder.Fch bin Ihnen für gütige Bemühung sehr verbunden. Aber ich hätte noch eine Frage. Seit Ivan» befinden sich gnädiges Fräulein hier im Schlosse?"

Ich? Seit ungefähr zwei Monaten."

Sie waren also schon hier, als Frau v. Bardeleben starb?"

Nein. Ich ka,u erst zu ihrer Beisetzung. Aber ivollen Sie mir nicht gefälligst sagen, mein Herr, ob Sie vielleicht den Auftrag haben, auch inich einem.Verhör zu unter­werfen ?"

Durchaus nicht. Ich brauche nach dieser Auskunft dem gnädigen Fräulein auch nicht mit weiteren Fragen lästig zu fallen, wenn Ihnen solche, >vie es de» Anschein hat, un­angenehm sind."