Ausgabe 
21.9.1914
 
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eine» Strich durch die Rechnung. Selbst nicht zu einer Machterwei termrg, die den bestehenden Zustand gestört hätte, lieh es sich ver seiten. Als der Kaiser während der Luxemburger Krise Belgien dre Einverleibung Luxemburgs gegen die Abtretung derkleinen Grenze" an Frankreich Vorschlägen sieh, weigerte sich^die R-gie- rung, eine Provinz wiederzunehmen, die sie einst 'jd. schiveren Herzens herausgegeben hatte. Die härteste Probe aber bestand Bel gien und seine Neutralität 1870. Die Versuche Frankreichs, in Belgien festen Fuh zu fassen, waren ja nur.Vorsichtsmahregeln gewesen, sich für den bevorstehenden Zusammenstoß zu stärken. Nun war der Krieg da, den man seit 55 Jahren gefürchtet, und Belgien bewahrte seine Unabhängigkeit, hielt an seiner Südgrenze gute Wacht. Es zeigte im Verlauf des langen Kampfes gleiches Mitgefühl mit den Verwundeten beider Kriegführenden, ohne daß seine Gastfreundschaft für die Besiegten hem Sieger hätte ver­dächtig werden können. Der deutsche Reichskanzler sprach vielmehr Belgien nach dem Frieden die vollste Anerkennung für seine Haltung ivährend des Krieges aus. Seit dieser Zeit tvar Belgien vor denEinsteckungsgelüsten" des geschwächten Frankreich sicher, aber nun lvandte sich die Angst vor einer Einmischung gegen das mächtige Deutschland, und dieser Gegensah wurde noch verstärkt durch das Anwachsen des romanischen Einslusses.

Die beiden Volksstämme des kleinen Landes, Vlamen und Wallonen, die ersteren ripuarische Franken rein germanischer Rasse, die letzteren romanisierte Gallier mit leichter germanischer Mischung, sind zwar im Laufe der Jahrhunderte notdürftig zu einer Nation, eben der derBelgier", erlvachsen und ^verwachsen, haben aber trotzdemeine starke Verschiedenheit der Sitten, Be­strebungen, Denk- und Handelsweise, ja des ganzen Charakters be­wahrt", wie ein Urteil des belgischen Historikers Vanderkindere lautet. Seit den ersten vergeblichen Versuchen, sich der Reforma­tion gnzuschließen, wurden die zahlreicheren Vlamen tu ihrer Entwicklung gehemmt, von ihren holländischen Sprach- und Stammesgenossen getrennt und erlagen in ihrer geistigen und politischen Vereinsamung dem lebensvolleren romanischen Stamm, der sein Uebergewicht in der Gründung des belgischen Staates noch deutlicher offenbarte. Der Gegensatz zwischen den beiden Stämmen und die Unterdrückung des Vlämischen trat immer stärker hervor. Deshalb haben die Vlamen doch ein feines Gefühl für die charakter­lose Abtrünnigkeit eines Poeten, der sich ganz dem romanischen Wesen ergibt, und Maeterlinck, der für sein Franzosentum und seine Deutschenfresserei jüngst so große Worte fand, ilt eine der am meisten gehaßten Persönlichkeiten in Flandern. Auch ist in jüngster ' Zeit eine rein vlämische, in vlämischer Sprache sich ausdrückende Literatur erstanden, die ihr Volkstum hoch hält und so bedeutende Dichter, wie Stijn Streuvels, Cyrill Bnysse, Guido Gezelle, her­vorgebracht hat. Aber sie ist nur eine Art Dialektdichtung in der belgischen Literatur, die weit zurückstehen muß hinter der Bedeu­tung des französischen Schrifttums und der französischen Kultur.

Was belgische Kunst und Dichtung berühmt und groß gemacht hat, das war doch letzten Endes nur ein Wleger von Paris. Eine nationale Kultur hat Belgien ebenso wenig hervorgebracht wie eine einheitliche Nation. Das bewies zur Genüge der Streit um die ^elgischeSeel e", der gerade in den letzten Jahren entbrannte. Selbst die begeistertsten Verteidiger diesesreinen Belgiertunis", Lemonnier und Verbaeren, geben zu, daß esseine künstlerischen Ausdrucksinittel von Frankreich entlehnen muß." Eine große Um­frage der führenden belgischen Monatsschrift aber, an der sich alle bedeutenden Belgier beteiligten, kam zu dem Ergebnis, daß es eine belgische Seele" nicht gibt. Die tiefe unüberbrückbare Kluft zwi­schen den Wallonen und Vlamen, die offene Feindschaft zwischen den beiden Stämmen, trat greller als je hervor, und während einige zugestandcn, daß Belgien eine Vermittlerrolle zwischen Frankreich und Deutschland spielen könne, erniedrigten es andere, wie der einflußreiche Georges Beekhond, einfach zur französischen Provinz. Und alsfranzösische Provinz" haben sich die führenden Kreise, das vlämische Wesen vergewaltigend, leider in den letzten Jahren Elig gefühlt. Mit dieser schroffen Parteinahme tvaren die beiden Stützpunkt des belgischen Kartenhauses erschütterte seine Neutralität rmd seme Nationalität. So wie das mühsam bewahrte Gleichgewicht C aU m ^ l * f ' mußte das durch 75 Jahre gemachte Experiment mißglücken. Belgien,die französische Provinz", konnte nicht neu- tral bleiben. Belgien, das sich leidenschaftlich auf die Seite einer GrobmSchte-Gruvpc stellte, untergrub selbst die Grundlage, auf der es gesckzaffen, auf der er gediehen war.

Prophezeiungen auf den Nrieg J9J4.

Um Prophezeiungen ist es ein eigen Ding: man mag dar- twec denken, wie niaii nnll, tatsächlich hat die Geschichte vielen Prophezeiungen recht gegeben, und so fehlt es auch nicht an Prophezeinngen auf den Krieg des Jahres 1914. Im Jahre 1829 ließ nch Wilhelm I., der erste Kaiser des neuen Deutschen Reichs, die Znkunit tvahriagen. Tie Wahrsagerin stellte eine merkwürdige ätechnnng an: ne addierte zu der Jahreszahl 1829 die Summe ilnn eul, Ä n i n Rufern dieser Zahl und kam so zu dem Jahre t a ®fm erften, >» dem Kaiser Wilhelni zu den Waste» greifen werde. Von dem Jahre der Niederiverfung des badischen

Aufstandes ging sie au, die gleiche Art weiter. So kam sie diwchl Addition von 1849 plus 1 plus 8 plus 4 plus 9 zu dem Jahre 1871, in dem der Krieg gegen Frankreich abgeschlossen, tvurde und von 1871 durch Addition von 1 plus 8 pichst 7: plus 1 Ziim Todesjahre des alten Kaisers, 1888. Sie erstreckte dt« Prophezeiung aber iroch über das Lebenseiide Kaiser Wilhelms hinaus und kain durch die entsprechende Addition zu dem Jahr« 1913, in dem sich Deutschland mit allen Kräften zu verteidigen, hätte. Freilich kann man einwenden, daß wir jetzt 1914 schrei­ben und nicht 1913, dagegen muß man aber einräumen, daß die gegenwärtigen Ereignisse ihre entscheidenden Vorläufer im ver­gangenen Jahre gehabt haben. Was besonders das auslösends Ereignis des gegenwärtigen Weltkrieges angeht, so ist es mehr- sack, unter anderem durch die Pariser Wahrsagerin Frau von Thtzbes, vovausgesagt worden, und auch ein französischer Diplomat daraus hat der Corriere vor etwa einem halben Jahro hin- gewiesen hat bereits vor vielen Jahren dem Erzherzog Kranz Ferdinand selbst wichtige Dinge vorausgesagt. ^ Dieser Diplomat, Jules Mancini, war vor ct,va zehn Jahren Sekretär der sranzosifchen Botsclzast in Sofia. Ans Liebhaberei beschäftigte er sich mit Geheimwissenschaften und eines Tages bat ihn Fra uz Ferdinand, der damals in Sofia bei Hofe mit ihm znsammentmf, um g:ine Prophezeiung. Ter Diplomat weissagte ihm damals Folgendes: Ich sehe Ihren Einfluß und Ihre Macht ständig größer werden. Andere Herrscher hören auf Ihre Stimme . , . Ihr Heer wird immer mächtiger . , . Das Jahr 1912 ist ein Glanzpunkt ... Es hat den Glanz eines Meteors. Franz Fer­dinand lachte hierüber und meinte, mit dem Jahre 1912 habe es noch gute Weile. Als aber der österreichische Thronfolger sich entfernt hatte, sagte Mancini zn den übrigen Zuhörern, er habe dem Erzherzoge nicht mitteilen wollen, daß mit dem Jahre 1913 auch das Unheil beginne. Ein dritter Hauptpnnlt des Welt­kriegs, das Bündnis zwischen Frankreich rmd Rußland, kann sich recht alter Voraussagen rühmen. Bereits im 18. Jahrhundert finden sich Hinweise darauf, die übrigens nicht von Wahrsagern, sondern zuin Teil von bedeutenden Persönlichkeiten stammen. Der Herzog von Saint-Simon schreibt beispielsweise in seinen Me- nwiren gelegentlich des Besuches Peters des Großen in Parts folgende Worte nieder:Der Zar hat eine außerordentliche Leiden­schaft, sich mit Frankreich zu vereinen. Für unsern Handel und unser Ansehen ini Norden, in Deutschland und in ganz, Europa gäbe e? nichts Bessres." Etwas später am 1. August 1778 findet sich im Journal encylopedigue" Folgendes:Rußland, das vor 60 Jahren noch unbekannt war, ist in diesem kurzen. Zeiträume zu einer Macht geworden, die in Europa und selbst in Asien die Vorherrschaft hat. Rußlaich muß sich an das Ausland wenden, um seinen Untertanen di« Grundlagen des Haudels am Schwarzen Meer zu verschasseu. Wer an welches Volk wird es sich vor­zugsweise wenden? Peter l. kannte kein europäisches Land, mit Dem eine Verbindung ihn, vorteilhafter sein könnte, als Frank­reich," Wieder einig« Jsthre später, 1790 liest nian im zweiten Bande derBoussole nationale": Die Russen lieben nur sich selbst, sie können weder die Deutschen, noch die Holländer, noch die Engländer leiden. Nur die Franzosen gefallen ihnen, und wenn jemals Rußland und F-rankrcich ihre gegenseitigen Interessen gut verstehen, so wird dieses Bündnis zu einer allgemeinen Uin- wälzung führen, die das gegenseitige Glück dieser beiden Völker bedingt." Der napoleonische Feldzug gegen Rußland bedentete nur eine Unterbrechung dieses Bmidnisgedankens. Im Jahre 1840 schreibt «Balzac in derRevue Parisienne" am 25, September; Bei sich ist Rußland fast unbesieglich, außerhalb seines Landes würde cs überall geschlagen werden. Weder die Mitte noch der Süden Europas lassen sich unterwerfen. Eine Gefahr für die Welk bildete ein Bund zwischen Rußland und Frankreich. Die englische Allianz tvar ein Mittel, die russische Allianz ist ein Ziel. Außer dem Bündnis Frankreichs mit Rußland gibt nicht- Frankreich eine Politik." _

Büchertisch.

T er Land st u r in" betitelt sich ein hier in der Bnch- drnckerei Nitschkowski erschienenes Heitchen, daS ca. 50 in Volks- melodien gehaltene Lieder enthält, die besonders iür iniiere Soldaten gecigtiet iind. Auch bei iestlichen Gelegenheiten, an! Wander- sahrten nsiv. ivird das Liederbuch, das von einem Landslurnlinan» sorgfältig für das Landstttrinbataillon Gießen znsamniengestellt wurde, ivillkommen sein. _

Logogriph.

Nimm ein Getreide zur Hand, sein ,a* mußt in ,o* du ver­wandet» ;

Siehe, nun wird es ein Held, der für die Freiheit einst starb. Auslösung in nächster Nutnmer.

Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nummer:

.liche I-and - Nad Eichet Kubec Dops I>ach« - Vhr Kege» Tcunt Lahn Ilm Weft Lsabel;

Albert Lortzing.

Redaktion, A»g. Woeij. Rotationsdruck und Verlag der Brühlstchen liniverlitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen