Ausgabe 
21.9.1914
 
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Wieder trug Vardcleben sein zitterndes Kind aus den Armen, als er die Diele des Herrenhauses betrat. Die alte Losepha, die durcheinander weinte, lachte und sinnloses Zeug schwatzte, bemühte sich vergebens, es ihm abzunehmen.

Da wurde eine Tür aufgerissen, und mit einem laute» Aufschrei stürzte Jadwiga auf ihren Vetter zu. Sie ritz die jfleiiip an sjch und bedeckte ihr Gesucht mts Küssen, dann warf sie sich, nc " an Bard«

Schicke mru- »wjti iun, , wvi tu; »«» wuu> s Habel Laß mich bei dir bleiben, denn jetzt weiß ich, daß ich nirgends mehr leben kann als hier!"

Ihre HAnde umklammerten ihn, und ihr schönes, tränen- überströmtes Gesicht war zu dem seintgen erhoben mit einem so sehnsüchtigen, hingebenden Ausdruck, wie nur heiße, selbst- hergessene^alle Schranken niederrcißende Liebe ihn dem Ant­litz eines Weibes auszudrücken vermag.

Harro von Barveleben atmete schwer. Er umfaßte die Handgelenke der Aufgeregten und machte sich mit sanfter Gewalt aus ihrer Umarmung frei Dann, wandte er den Kopf gegen Margarete, die kaum drei Schritte von ihnen entfernt stand, noch mit der um ihren Oberkörper schlot­ternden Pelzjoppe des Gutsherrn angetan

Gewiß sollst du bleiben, liebe Jadwiga voraus­gesetzt, daß auch Dietlindes Lebensretterin einwilligt, sich tn^inem Kinde zu erhalten. Ich hoffe, daß du nicht zögern lvtrst, sie darum zu bitten."

Jgbwiga machte eine Bewegung, als ob sie auf das junge Mädchen zueilen wollte.

Aver Margarete wußte es zu verhindern, indem sie ein wenig zurücktrat und mit ruhiger, fester Stimm« sagt«'Es bedarf keiner Bitte, Herr Baron! Wenn Sie damit ein­verstanden sind, will ich um Dietlindes willen gern aus Klein- .Ellvach bleiben."

Er ging auf sie zu und reichte ihr di« Hand. Für hinen Augenblick hatte sie die Empfindung, alb ob er ihre Finger zwischen den seinigen zermalmen wollte, und sie fühlte das Beben, das seine mächtige Gestalt durchzitterte. Aber er sprach kein Wort, und der Blick, dem ihr scheuer Augenausjchlag begegnete, schnitt ihr mit seiner düsteren Traurigkeit in die Seele.

* (Fortsetzung folgt.)

Dosbelgische Experiment."

Aus Belgiens Geschichte und Schicksal.

Bon Tr. Paul Landau.

DaS belgische Experiment" so pflegten der erste König der Belgier Leopold und sein kluger Freund und diplomatischer Helfer, Baron Stockmar, die Gründung dieses kleinen Königreiches zu n«n- ueu, das vor einein Treivierteljahrhundert als ein künstliches Ber- legenhertsgebilde geschassen wurde und nun so plötzlich von einem einzigen Windstoß des deutschen Ansturms zusammenbricht. Bon Ansang an ist diesem Staat, der ein Land ohne natürliche geogra­phische Grenzen, eine in zwei Volksstämme gespaltene Nation ohne ein früheres selbständiges Dasein umschloß, der Untergang voraus- gesagt worden, und nur dem außerordcntlickien politischen Takt sei- ster ersten beiden Herrscher war es zuzuschreiben, daß sich diese

f cburt der Not und des Zufalls so lange erhalten, ja eine blühende ntioicklung entfaltet hat. Man hatte sich endlich völlig gewöhnt an diesKissen", das die Reibung zwischen Deutschland und Frank­reich mildern sollte, nahm seine nicht gewordene, sondern gemachte, unorganische, säst widernatürliche Gestalt als notwendig hin und vergaß, daß dies Belgien nach einem guten Wort des Kulturpsycho- loaen Hillcbraich,ein Kartenhaus war und blieb, so lange der Gegensatz zwischen Altsrankreich und Neudeutschland nicht ausge- iragen war." Und als dieser Gegensatz nun von neuem losbrach, ba traf da« belgische Kartenhaus der erste vernichtende Stoß. Die früheren Staatsmänner des Landes von Nothomb und de Decker an. hatten stets bedacht, daß die leiseste Berührung ge- nügt, um solch ein gebrechliches Gebilde umzuwerfen. Im Augen­blick, wo die belgische^ Politiker diese Vorsicht nicht mehr beobach­teten, wo sie sich hineinziehen ließen in hie zermalmende Mtihle her Posirik der Großmächte, da war es um das Land geschehen. Es ist interessant, gerade jetzt sich daran zu erinnern, aus wie schwachen Füße» der belgische Staat stets gestanden, wie ihn das geringste Abweichen von dem ihm vorgezeichneten Wege in den Abgrund stürzen mußte. Die Entstehung und Geschichte des Staates zeigen uns das in jedem Augenblick, in jedem Zug mit schlagender Deut­lichkeit.

Das Königreich Belgien ist das erste neue Reich, das nach dem mühsam hergestellten Gleichgewicht von 1815 ins Dasein trat. Ein Kind der Juli-Revolution, wurde das neue Staatenwesen zuerst kehr schetz gugssthsn, wußte sich atzxr überrasche nd s chnell hurch-

iusetzen. Das Königreich der Niederlande, das nach der Meder» Weisung aus Holland uud de» vor drr Revolution von Habsburg beherrschten belgische» Provinzen geschassen worden war, sollte Frankreich an ferner Nordostgrenzc einen widerstandsfähigen Staat entgegensetzen. Mer diese Schöpfung erwies sich als nicht lebens­fähig. Zwei Drittel des südlichen Teiles hatten zwar die gleiche niederdeutsche Volkssprache wie Holland bewahrt und würden sich wohl trotz des verschiedenen Glaubens, da sie der katholischen Lehre treu geblieben waren, zu einer Einheit verfügt haben: der roma­nische Teil Belgiens aber, die wallonischen Provinzen, wollten sich nicht die holländische Sprache und das germanische Wesen auf- drängen lassen. Von ihnen ging der Brüsseler Aufstand aus, der der Juli-Revolution in Paris auf dem Fuße folgte und den An­fang der Losreißung Belgiens bedeutete.Frankreich hoch! Tod den Holländern!" Unter der Devise brach der Kamps los. Er war in seiner glücklichen Durchführung ein Sieg des romanischen Ele­mentes, so wie diesem schon im 16. Jahrhunvert die gewaltsame Trennung Belgiens vor der germanischen Reformation gelungen tmrr, und diese französisch sprechenden Wallonen, obwohl an Zähl schwächer, erstarkten nun während des Königreiches immer mehr uild mehr und führten jene Hinüberneignng zu Frankreich ganz allmählich herbei, die für Belgien so verhängnisvoll geworden ist.

Das Geschick des aufständischen Belgiens wurde, zugleich mit dem des revolutionierenden Frankreich auf der Londoner Konfe­renz entschieden. Die Versuche des starrsinnigen holländischen Kö­nigs, die abtrünnigen Untertanen mit Waffengewalt sich zurück­zugewinnen, nutzten nichts. Zweimal trat Frankreich dazwischen und befreite das Land, lieber die Grundlagen, auf denen die Exi, stenz des neuen Staates aufaebaut werden sollte, konnte man sich lange nicht einigen, bis der staatsmänntsch kluge Bülow, der Ver­treter Preußens, schließlichdie ewige Neutralität" fit! diesenStaat nach Schweizer Muster" Vorschlag Damit ivar di Lösung gefunden: mit seinerNeutralität" sollte Belgien stehez und fallen. Tann gab es noch ein langes Streiten und Feilsch« um den Herrscher des neuen Reiches. Nachdem das holländisch: Königshaus von der Wahl ausgeschlossen ivar, scheiterte der Ver­such des Königs Louis Philippe, seinen Sohn, den Herzog von

5 urs, auf den Thron zu bringen, dadurch, daß die Londone» renz allen Prinzen der fünf großen Dyüastien den Weg zu» chen Königskrone versperrte. Nun konnte England seinen Kan­didaten, den Prinzen Leopold von Sachsen-Kobiirg, den Witwe, der einzigen Tochter König Georgs IV., durchsetzen, unv Frank­reich wurde dadurch ausgesöhnt, daß der neue König eine Tochter

Louis Philippes heiratete. Es dauerte noch einige Jahr«, bis sich alle Staaten mit dieser Neuordnung abfanden und auch Holland sich zum Frieden zwingen ließ. Erst 1839 war der Staat Belgien fertig, wie er bis vor kurzem existiert. Leopold erwies sich als esst außerordentlich kluger, seine Ziele kraftvoll verfolgender Politiker, der sich trotz der streng parlamentarischen Regierung des Lande- elnen großen Einfluß sicherte und mit klarem praktischen Mick die ÄruMinien der einzig möglichen belgischen Politik zog Das A und 0 dieser Politik war das strenge s, an der bei der Gründung aufgestellten Neutralität des Land ergab sich notwendig aus der Lage des Staates, dessen Schwäch« so zugleich seine Stärke tvurde. Aufwallungen der Äolksleidenschaft, Die z. B. zur Wiederaufnahme des Kampfes gegen Holland dräng­ten, konnte die Regierung stets mit der Erklärung begegnen, daß Europa den Krieg nicht dulde; so hatte sich dasunartig« Min den Anordnungen drr Großmächte zu sügrn. In erster Lim» man gegen Frankreich auf der Hut fein, zumal seit Napolion . seine ehrgeizige Vormachtspolilik in Europa erfolgte. Man lehnts sich an England an, das gleichsam Patenstelle bei der Gründung vertreten hatte und in den, Lande ein Bollwerk gegen französisch« Gelüste sab: aber auch Preußen verhielt sich freundlich, da es ihm einen Grenzschutz gegen den Erbfeind ersetzte. So warBel­gien eine Existenz geschaffen, die zugleich seine Wohlfahrt und die Sicherheit der andern Staaten verbürgte." Belgien hielt sich an dies« Ausgabe, nicht nur dem Buchstaben, sondern auch dem Geiste nach, Schon 1837 klopfte Frankreich an und drängte zum Mschluß eines Zollvereins: Belgien lehnte entschieden ab. Bei dem drohenden Konflikte von 1810, als man in Paris wieder einmal nach der Rheingrenze" schrie, bewies das eben erst endgültig in die Staaten­gemeinschaft aufgenommene Belgien durch seine entschlossene Neu­tralität einen höchst beruhigenden Enuluß und König Leopold führte die übernommene Vermittlerrolle auis Wirksamste durch. Acht Jahre später war Belgiens Haltung geradezu ausschlaggebend für La­martine, der von der Revolution zu einen, Rau^ug gegen das Nach-

S ind gevrängt werden sollte. Und als 1855 Frankreich, ja selbst and den Staat zu einem Anschluß an bas Bündnis der West- te zu überreden suchten, wies es jede Zumutung rundweg zurück.

Noch entschiedener hat es sich gegen die Zichringlichkeiten Utzd die Annexionsversuche Napvleons Ix ließ deutlich durchbluten. daß er gelassene Einigung Deutschlands ...

Einigung mit der Alpengrenze bezahlt hatte Aber an der festen Haltung der belgische» Regierung scheiterten all« seine .Gelüste, Bei den Anträgen eines gemeinsamen Zollvereins (1868), der dem Streben Napoleons ein Jahr darauf, sich der belgischen Eisen­bahnen zu bemächtigen und so eine strategische Basis in Belgien zs gewinnen, stets puichte das Brüsseler Mbinetf ihiy svglejch