Ausgabe 
21.9.1914
 
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Kinderseele.

Roman von Reinhold Ort mann.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

17. Kapitel.

Die alte Joseph« sah mit einem Strickstrumpf am Fenster des Kinderzimmers, als Margarete die Tür öffnete. Ein Aufatmen beglückender Erleichterung hob die Brust des jungen Mädchens, als sie das Bett des Kindes leer sah.

Guten Tag, Josepha! Da bin ich wieder. Wo ist Dita?"

Die Alte lieh ihren Strumpf sinken und drehte den Kopf. Sic ist mit der Baronesse spazieren gegangen. Vor einer Stunde schon. Ich wundere mich, dah sie noch nicht zurück sind. Es wird ja schon dunkel."

Und Sie fürchten nicht, dah sie krank werden könnte?"

Krank? Nein! Als ich hier oben mit ihr zu Mittag ah, war sie ganz lebhaft. Nicht, dah ich sagen möchte, sie wäre vergnügt gewesen das nicht. Aber gesprochen hat sic beinahe mehr als sonst. Lauter närrisches Zeug."

Margarete, die in ihrem Zimmer hastig Hut und Mantel abgelegt halte, trat wieder aus die Schwelle der Verbindungs­tür.Närrisches Zeug, sagen Sie? Wovon hat sie denn ge­sprochen?"

Von dem See immer nur von deni See. Man sollt' esich, für möglich halten, wie der dem Kinde im Kopfe steckt. Ich muht' ihr wieder die Geschichte vom Hermann Kubalke erzählen, die sie doch nun schon beinahe besser weih >vie ich selber. Unb dann wollte sie durchaus wissen, toie es unter dein Eis aussieht. Seitdem sie mal ein Bild von einer Eis­graue gesehen hat, stellt sie sich das nämlich schöner vor als irgendivas auf der Welt."

Sie haben ihr Pas doch hossentlich ausgeredet, Jo- seplw? Es ist nicht gut, solche Vorstellungen in der Phan- taste eines Kindes bestehen lassen."

Waruin denn nicht, Fräulein? Eigentlich gibt es im Leben doch überhaupt nichts Schöneres als das, was wir uns im Kopse ausmalen, und inan kommt immer noch zu früh dahinter, dah es bloß Einbildungen waren."

Und wenn ihr nun eines Tages wie einst ihrem Vater in kindischer Neugier der Einsall käme, sich auf das Eis des Zackelsees zu ivagen?"

Ach, damit hat's keine Gefahr. Der kommt nie lvieder zum Stehen."

Er ist schon zum Stehen gekommen, Josepha! Seit vorgestern bereits. Der Kutscher hat mir's vorhin als Neuigkeit erzählt."

Die Alte schien betroffen wie vyn einer unvermuteten, Schreckenskunde. Sie faltete über ihrem Strickstrumpf die Hände und lieh den Kopf sinken.Alle guten Geister mögen über diesem Hause sein. Amen!"

Was sagen Sie da, Josepha? Was soll das heihen?"

Sie sind noch jung, Fräulein und die jungen Leute von heutzutage haben nicht mehr den richtigen Glauben. Wenn Sie erst mal erlebt haben, was ich erlebt habe, werden Sie wohl auch anders darüber denken."

Es wäre also von übler Vorbedeutung, wenn der Zackelsee gefriert?"

Es ist noch immer Jammer und Unglück über Klein- Ellbach gekommen, wenn cs geschah. Das soll schon in der Familienchronik zu lesen sein, wie der alte Baron sagte damals, als der Kubalke ertrunken war."

Margarete konnte die Angst nicht mehr meistern, die ihr jetzt wie ein Alpdruck aus der Brust lag.Wäre nur Dita erst wieder da!" sagte sie beklommen.Es fängt bereits an zu dunkeln, und die Abendlust schadet ihr immer.

Da kommt das gnädige Fräulein mit dem Herrn Baron," berichtete die Mte, die ihr Gesicht zum Fenster ge­wendet hatte.Aber Dietlinde ist nicht dabei."

Auch Margarete war an das Fenster geeilt. Sie sab, wie sich Bardeleben vor dem Portal des Herrenhauses mit einem Händedruck von Jadwiga verabschiedete, um in der Richtung nach dem Wirtschastshofe weiterzugehen, während die Baronesse das Haus betrat.

Ohne ein Wort zu sprechen, eilte Margarete hinaus und die Treppe hinab. Sie traf auf Jadwiga, als diese eben im Begriff war, im Vorraum des Wohnzimmers ihre Pelzmütze und ihr Jakett abzulegen. Ohne Gruß und ohne jede Anrede fragte sie mit fliegenden, Atem:Wo ist Dita? Josepha sagt doch, sie wäre mit Ihnen gegangen."

Mit einer Gebärde hochmütigen Erstaunens hatte die Baronesse den Kopf erhoben.Sie haben eine etwas sonder-« bare Art, mich zu hesragen, Fräulein! Dicklinde muß längst wieder im Schlosse sein. Sie bat um die Erlaubnis, voraus­gehen zu dürfen, als ich im Park mit dem Herrn Bardn. zusammengetroffen war. Da sie nur noch die Allee hinunter­zugehen brauchte, haben wir es ihr nicht verwehrt."

Aber sie ist nicht gekommen. Sie ist o mein Gott mein Gott! Nur das nicht nur nicht das!"

Jetzt wich auch aus Jadwigas Wangen das BlutWas soll das heißen, Fräulein? Was fürchten Sie für das Kind?"

Aus den See ist sie wahrscheinlich auf das Eis. Rufen Sie den Baron rufen Sie ihn auf der Stelle! Ich kann mich jetzt nicht damit aufhalten ich muß fort."

Sie kümmerte sich nicht darum, ob Jadwiga ihrer Wei­sung Folge leistete oder nicht. So, wie sie war, eilte sie in den kalten Winterabend hinaus, die endlos lange Park Allee hinab.

Es war ein weiter Weg, und die schneidende Kälte packte sie bald. Aber sie wurde dessen kaum gewahr, die Erregung gab ihrem jungen Körper Kräfte, deren sie sich bis heute nie bewußt gewesen war. Die Schatten der Dunkelheit um­hüllten sie dichter, als sie den Tannenhochtoald mit seinen gedrängt stehenden Stämmen erreicht hatte, und hier, wo der gebahnte Weg aufhörte, bereitete der tiefe, knirschend«