Ausgabe 
18.9.1914
 
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Herbert Rasmussen aber bemerkte offenbar nichts von der Verlegenheit, in die seine Reiben sie versetzt hatten. Er hatte ein paar Sekunden lang mit leerem Blick auf das Kaiserbtld gestarrt, das ihm gegenüber an der Wand hing; dann sprach er weiter:Ich wäre vermutlich ein mittel­mäßiger Künstler geworden, wie ich ein mittelmäßiger Ossi­tier gewesen bin, und seitdem die ersten Illusionen zer­ronnen sind, liegt das Bewußtsein meiner Mittelmäßigkeit auf mir wie ein Fluch. Etwas im Leben möchte mau doch ganz sein. Zu irgend einer Zeit möchte man doch das Be­wußtsein hegen ' dürfen, seine Anlagen und Fähigkeiten einem schönen und großen Zweck nutzbar gemacht zu haben.

t ch habe diesen Zweck nicht finden können draußen im etriebe der Welt so lvenig als hier in der Einsamkeit meiner Heimat. Bis vor vier Tagen. Da ist es Plötzlich wie eine Offenbarung über mich gekommen, als ick die Aerm- chen Dietlindes an meinem Halse fühlte und besonders später, als ich sie in ihrem Berkehr mit Ihnen beobachten durfte. Da ist mir's zum ersten Male in meinem Leben klar geworden, daß ich nicht gemacht bin, aus einem exponier­ten Platze zu stehen und ins Weite zu wirken. Das Miß­trauen gegen mich selbst, über das ich nie hinwegkomme, würde immer aufs neue meine Kräfte lähmen. Wenn ich mei­nem Dasein überhaupt einen Zweck und einen Inhalt geben will, darf ick's an keine größere Aufgabe setzen als an die Sorge um einen einzelnen Menschen. Und dazu, meine ich,

S 'trde es wohl reichen. Wenn ich dies Kind hegen und hüten rfte, wenn es mir vergönnt wäre, ihm ein Leben voll ärme und Sonnenschein zu bereiten, in jeder Minute auf chtö anderes bedacht zu sein als aus sein Glück ich bin gewiß, daß ich darin volles Genügen und restlose Befriedi­gung finden würde."

Was hindert Sie, diese Befriedigung in der Sorge um irgendein anderes armes, verlassenes Geschöpf zu suchen?"

Er schüttelte den Kopf.Ich gehöre leider nicht zu den Menschen, deren Liebe immer bereit ist, sich an das erste beste tnensckliche Wesen zu verschenken, das ihnen in den Weg kommr. Werden Sie es mir glauben, Fräulein Othmar, daß tch als Offizier mit achtundzwanzig Jahren poch nicht eine einzige Liebschaft gehabt habe, nicht einmal die unschuldigste Jünglingsschwärmerei?"

Sie war ein wenig errötet.Aber darum handelt es ich ja gar nicht," sagte sie rasch.Die Liebe, die Sie für Ihre feine Nichte empfinden oder die Sie irgendeinem anderen! chutzbedürftigen Kinde entgegenbringen würden, ist doch nicht von dieser Art."

Er sah sie an, und ?s war etwas in sxinem Blick, das

q, darin haben her seitdem ich

sie zwang, die Augen niederzuschlagen, je wohl recht," erwiderte er langsam.

»neu hier geaenübersitze, will es mir scheinen, als ob icki diesen vier Tagen nicht ganz ehrlich gewesen wäre gegen mich selbst. Die Lebensaufgabe, die ich mir da zurechtgeträumt habe, würde doch wohl nicht ausreichen, mich glücklich zu Machen, wenn ich wenn ich nicht auch Sie darin eilw schließen dürfte, Fräulein Margarete!"

Seit einigen Sekunden schon hatte sie etwas Derartiges kommen sehen, und doch war nun, da die beklemmende Ahnung sich erfüllt hatte, ihre Bestürzung noch immer so grob, daß sie kaum auf der Stelle eine Antwort gefun­den hätte.

Ein Zufall, den sie in der Stille ihres Herzens voll heißer Dankbarkeit segnete, kam ihr zu Hilfe. Ein älterer Herr in Uniform hatte den Spetsesaal betreten, und er kain eben jetzt so nah« an ihrem Tische vorüber, daß das Klirren seines nackschleppenden Säbels den Oberleutnant aufschauen lassen mußte. Im nächsten Augenblick hatte er sich erhoben, um den Offizier, einen Major des in Waldenburg garnisonieren- den Regiments, pflichtschuldig zu begrüßen. Nun war an eine Fortsetzung ihres Gespräches nicht mehr zu denken. Der Major hatte so unzweideutig fragend zu Margarete hinüber- gesehen, daß Rasmussen dem Zwänge einer Vorstellung nicht wohl ausweichen konnte, und nun bat der etwas neugierige Herr um die Erlaubnis, sich zu ihnen setzen zu dürfen.

Wenn auch der Oberleutnant kaum imstande war, sein Mißvergnügen über die Störung zu verbergen, wenn er sich nur mit zerstreuten Bemerkungen an der von dem Major be­gonnenen Unterhaltung beteiligte, so mußte er geschehen lassen, was zu ändern nicht in seine Macht gegeben war. Erst als der Klein Ellbacher Kutscher eintrat, um zu melden, daß der Schlitten vorßefahrm, sei, raffte er sich dock noch eilt- mal wie zu einem verzweifelten Entschlüsse aus. Er hatte

einen Blick durch das Fenster geworfen, und nun sagte etj Ich sehe, daß Sie die lange Fahrt in einem offenen Schlit­ten machen wollen, gnädiges Fräulein! Damit können Sie bei dieser schneidenden Kälte Ihrer Gesundheit ernstlich! schaden. Mein Automobil mit seiner geschlossenen Karosferii würde Ihnen jedenfalls besseren Schutz gewähren, und es kann in wenig Minuten zur Abfahrt bereit sein. Wollen Sie mir nicht gestatten, Ihnen einen Platz darin anzubieten?"

Margarete, die sich bereits erhoben hatte, streifte ihn mit einem abweisenden Blick.Ich danke Ihnen, Herr Ober­leutnant! Ich ziehe den Schlitten vor."

Gr preßte die Lippen zusammen und verbeugte sich stumm. Daß er sich nach ihrer kurzen Verabschiedung von dem Major anschickte, sie hinquszubegleiten, konnte sie ihpr nicht verwehren. Sie ging aber so rasch, daß er auf dem kurzen Wege keine Möglichkeit fand, zu ihr zu sprechen.

Als sie dann im Schlitten saß, mußte sie ihm aber wohl standhalten.Ich habe vorhin nicht ausreden können, Fräu­lein Othmar," sagte er halblaut,und ich muß darum fürch- ten, daß Sie meinen Worten eine für mich unerwünschte Deu­tung geben. Darf ich den Versuch machen, durch eine offen« Erklärung diesen Eindruck zu verwischen? Wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu schreiben?"

Die Angst, von der sie seit einer halben Stunde ge­peinigt wurde, lieh ihre Antwort schroffer ausfallen, als eigentlich ihre Absicht gewesen war.Nein! Ich bitte S,^ dringend, davon abzustehen. Es würde auch schon deshalb ganz zwecklos sein, weil ich mich wahrscheinlich nur noch wenige Tage aus Klein-Ellbach aufhalten werde."

Bestürzt sah er sie an. Aber er konnte keine Frage mehr am sie richten, denn sie hatte dem Kutscher ein Zeichen go- geben, und die Pferde zogen am. Ein stummes Neigen des Kopfes, dann war sie nach ihrer Meinung für immer aus Herbert Rasmussens Leben entschwunden.

Ihre unruhigen Gedanken kehrten auch bald zu dem Kinde zurück, das sie in seinem verzweifelten Schmerz aus dem Klein-Eilbacher Schlosse zurückgelassen hatte. Wohl war die Kleine während der letzten Wochen anscheinend ganz ge­sund gewesen, aber Dr. Mittmann hatte wiederholt geäußert, daß man auf eine Wiederkehr der nervösen Erscheinungen' noch immer gefaßt sein müsse. Ihr heutiges Verhalten mußte Margarete fürchten lassen, daß diese Gefahr in unmittelbare Nähe gerückt sei. Das quälte und beängstigte sie um so mehr, als Dietlinde bei einer etwaigen neuen Erkrankung oben-, drein den Beistand des alten Arztes hätte entbehren müssen, der sie seit den ersten Tagen ihres Lebens beobachtet und behütet hatte. Denn der Sanitätsrat war aus einer seine« ärztlichen Besuchssahrten von einem Schlaganfall betroffen worden, wie er selber es sich schon lange voransgesagt hatte. Er war zwar noch am Leben, aber er lag gelähmt und der Sprache beraubt, und der junge Kollege, der neben ihm in Reinswaldau praktizierte, hegte keine Hoffnung mehr, ihn auch nur teilweise wieder herzustellen.

Sie hatte den Kutscher gebeten, so schnell als möglich zp fahren, und er hatte auch kaum nötig, die ausgeruhten Pferde anzutreiben. Trotzdem aber wurde ihr die Fahrt schier un­erträglich lang, und als der Schlitten endlich vor dem Herren­hause hielt, eilte sic, ohne sich um ihre Pakete zu kümmern, mit angstdnrchbebtem Herzen die Treppe in das obere Stock­werk hinauf.

(Fortsetzung tolgt-l

ver Geist der Offiziere des Zaren.

Von Balticus.

Rußland hat keinen Adel mehr. Der hier einst gewesen, ist verarmt, verkommen, da er es nicht verstanden, sich den Er­fordernissen einer neueren Zeit anzupasscn Die Aufhebmig der Leibeigcnschast wurde für ihn zum Verhängnis, da diese Maß­nahme, besonders durch die Stellunguahme des Adels dazu, seinen wirtschaftlichen Ruin herbeiführte. Natürlich nicht den aller Adelsgeschlechter. Viele von ihnen haben sich gehalten, lebe» in durchaus geordneten Vermögensverhältnissen. Aber bis zu der im Jahre 1866 erfolgten Befreiung der Bauern gehörten all di« Güter des Niesenreichs, soweit sie nicht das Eigentum der Krone oder der Kirche waren, dem ?ldel; durften laut Gesetz nur ihm gehören. Diese Bestimmung nun wurde durch den gleichen Feder­strich des Zaren, der die Miuern au? Sachen plötzlich zu Menschen machte, ansgehoben. ° t ,

Die Gutsbesitzer erhielten für den Verlust der Seelen so nannte man dje Leibeigenen vom Staat eine Entschädigung ausgezahlt. Mit diesem Gelde sollten sie freie Arbeiter zur Be-