Ausgabe 
18.9.1914
 
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Kinderseele.

Bfomati von Reinhold Ortmartn.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Margarete ging in das Speisezimmer, dessen Tür ihr der Oberkellner dienstbeflissen geöffnet halte. Aber sie hatte sich kaunl an einem Ecktischchen niedergelassen, als sie ge­wahrte, datz auf der anderen Seite des großen Raumes ein bis dahin von ihr nicht bemerkter Herr grüßend aufstand, um sich alsbald ihrem Platze zu nähern. Auch lvenn er nicht gezwungen gewesen wäre, sich dabei auf einen Stock zu stützen, tvürde sie sofort den Oberleutnant Rasmussen in ihm erkannt haben, aber es war trotz der angenehmen Eindrücke, die sie aus seinem Hause mit sich weggenommen, eine keineswegs freudige Empfindung, die sich bei seinem Anblick in ihrem Herzen regte.

Er hatte ihr ja bei jener ersten Begegnung recht gut gefalle», und sie war ihm noch immer dankbar für jedes tvarmc Wort, das er über ihren Vater gesprochen: aber zwi­schen jene Unterhaltung und die gegenwärtige Stunde siel ihre Aussprache mit Bardelcben, und das Wort von der un­versöhnlichen Feindschaft, das im Munde des Barons einen so eigenen Klang gehabt hatte, lag ihr noch immer im Ohr.

,Zch bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig, Fräu­lein Othmar," begann Rasmussen,und ich freue mich der glücklichen Gelegenheit, sie geben zu können."

Eine Erklärung mir, Herr Oberleutnant?"

Ja oder vielmehr die Berichtigung eines unüber­legten Wortes. Sie erinnern sich meiner Frage, ob Sie mit -unzerreißbaren Banden an das Klein-Ellbachcr Herrenhaus gefesselt seien. Das war unzienrlich und töricht. Denn ich könnte ja nur von ganzem Herzen wünschen, daß es so wäre."

Ich verstehe nicht, Herr Rasmussen "

Nicht Ihretwegen freilich," fuhr er fort.Denn der Aufenthalt, der mir für Sie als ein angemessener erschiene, müßte von ganz anderer Beschaffenheit sein als das Haus meines Schwagers. Aber um meiner kleinen Nichte willlen. Es war eine Gnade des Himmels, die Sie diesem armen Kinde zuführte. Sie zu verlieren, würde für Dietlinde den zweiten unersetzlichen Verlust in ihrem jungen Leben be­deuten."

Nu» hätte sie ihm ja eigentlich sagen müssen, wie nahe dem Kinde dieser Verlust bevorstehe. Aber sie gewann es nicht über sich in einer unbezwinglichen Furcht vor den Fragen, die er an ihre Mitteilung knüpfen iverde. Sie hätte ihm ja unmöglich sagen können, daß es Jadwigas abfällige Kritik ihres Benehmens in seinem Hause gewesen war, die den Anlaß dazu gegeben, und cs wäre gegen ihre Natur gewesen, ihn mit irgend einer rasch erfundenen Unwahrheit abzuspeisen. So versuchte sie nur, das Gespräch von dem ihr peinlichen Gegenständ aibzulenVen,

Jede andere gewissenhafte Erzieherin würde deur Kinde dasselbe oder vielleicht noch mehr bieten können als ich. Außerdem liegt die Sorge sür Dietlinde jetzt viel mehr in den Händen des Fräulein v. Ostrowski als in den meint gen."

In der Tat? Aber das tväre ja gerade das, was ich so sehr fürchte. Wenn ich denken müßte, daß das Kind mei­ner Schwester diesen beiden überantwortet sein soll- ich wäre iuistande, es ihnen mit Gewalt zu entreißen und es vor ihnen irgendivo in.Sicherheit zu bringen, müßte ich mich auch mit ihm in dem entlegensten Winkel der Erde ver­bergen."

, Margarete schüttelte den Kops.Sie hegen da offenbar Befürchtungen, die ich nicht begreife. Herr v. Bardeleben liebt sein Töchterchen aufrichtig und"

Ec liebt es? Er, dieser rohe Kraftmensch, dem alles Zarte von jeher ein Greuel gewesen ist? Er liebt es? Viel­leicht so, wie er meine Schwester geliebt hat, die sich unter seinen Augen in Gram und Verzweiflung verzehren durste, nachdem er sich in brutaler Selbstsucht ihrer Person und ihres Verniögens versichert hatte."

Ich inuß bitten, Herr Oberleutnant nichts mehr von dieser Art! Sie vergessen, daß ich im Dienst des Herrn v. Bardeleben stehe, und daß ich unter seinem Dache lebe."

Verzeihen Sie es riß mich hin. Ich habe ja auch gar nicht den Wunsch, Sie mit'diesen traurigen Dingen zu beunruhigen, die meine Jugend vergiftet haben wie die nieiner unglücklichen Schwester. Was braucht Sie am Ende dieser Bardeleben zu kümmern und dies Fräulein Ostrowsst, die seiner würdig sein uiag! Nur von dem Kinde wollte ich sprechen, und das ich flehe Sie an das dürfen Sie inir nicht verbieten. Sie ahnen ja nicht, >vas dies kurze Zusammensein mit der Kleinen für mich gewesen ist. Ich selbst habe es bis dahin nicht gewußt, wie mein Herz au ihr hängt. Ob ich ihr um ihrer selbst willen diese grenzen­lose Zärtlichkeit entgegenbringe, oder ob es meine tote Schwester ist, die ich in ihr liebe ich kann es nicht unter­scheiden, und es ist ja auch gleichgültig. Gewiß ist nur, daß das Kind seit seinem Aufenthalt in meinem Hause alle ineine Gedanken ausfüllt, und daß ich mich in Sehnsucht verzehre, es wiederznsehen."

Und Sie glaube», daß Herr v. Bardeleben Ihnen daS verwehren würde?"

Ich würde lieber das Aeußerste tun, eh« ich mich herbeitieße, ihn darum zu bitten. Mein Schwager und ich doch, davon sollte ja nicht mehr die Rede sein. Min, mein verehrtes Fräulein: der Weg zu meiner Nichte, der gleichzeitig ein Weg nach Klein-Ellbach sein müßte, ist inir verschlossen. Von dem Glück, das dies Kind in mein Leben bringen könnte, darf ich nur träumen, wie ich bis jetzt von allem Herrlichen nur habe träumen dürfen."

Margarete ivußte ihm nichts zu erwidern. Das Gespräch war ihr mit jeder Minute peinlicher geworden, wenn sich auch bei seinen letzten Worten etwas, wie warmes Mit­gefühl in ihrer Seele geregt hatte.