Kinderseele.
Roman Utm Reinhold Ortinann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Ja, um alles in der Welt, Mädel, wie stellst du dir denn eigentlich den iveiteren Verlauf der Dinge vor? Du hast keine Stellung mehr, und du sagst selbst, daß du auch keine Hoffnung hast, wieder eine zu finde». Und darüber, inwieweit du auf inich rechnen kannst, machst du dir doch vermutlich auch keine Illusionen mehr. Was soll also aus der Geschichte werden?"
Regine antwortete nicht Erst nach einer kleinen Weile streckte sie ihre Hand aus. „Gut, gib mir das Geld, Botho! Ich nehme es für dich in Verwahrung."
„Oho, Kindchen, so war es nicht gemeint. Wenn du's im Ernste verschmähst, verwahre ich mir's schon lieber selbst."
„Nun wohl, so gib es mir für meinen eigenen Gebrauch. Ich habe vielleicht die Möglichkeit, mir damit eine Existenz zu begründen."
Die freigebige Anwandlung schien ihn schon wieder zu gereuen. Aber vor diesem Mädchen, das ihm alles geopfert hatte, schämte er sich denn doch kein Anerbieten zurück- »»ziehen. Er gab ihr die scheine und lehnte sich, ivieder von dem unheimlichen, rasselnden Husten erschüttert, aufs neue uriick Mit geschossenen Augen lag er da, erschöpft von er Anstrengung und von den, Schmerz, der ivie mit scharfen Messern seine Brust zerriß.
Regine >var neben ihn getreten und sah mit ernstem, fast sinsterem Blick auf ihn herab. Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter. „Du mußt mir ein Besprechen geben. Botho!"
Widerwillig hob er die Lider und drehte ihr sein Gesicht zu. „schon wieder? Es ist eigentlich merkwürdig, daß du meiner Versprechungen noch nicht überdrüssig geworden bist, kleine Regine!"
„Diesmal handelt sich's um eines, das du leicht genug halten kannst, und das du auch unbedingt halten mußt."
„Na also: scheß los! Ich bin heute >o nachgiebig ge- stimint wie kaum je in meinem Leben."
- „Du ivirst heute nicht ausgehen, weder im Verlauf des Tages noch am Abend, und du wirst mir erlauben, einen Arzt zu schicken."
„Den Arzt meinetwegen. Was aber den Stubenarrest betrifft — Mädel, du hast ja keine Ahnung, was du mir damit zumutest. Soll ich etwa hier in der Einsamkeit dieses Loches nach allen, Regeln der Wissenschaft verrückt lvcrden?"
„Nein. Du sollst auch nicht einsam sein. Ich gehe jetzt, um noch einige Stellenvermittler aufzusuchen Am Nachmittag aber komme ich wieder. Und dann wifl ich dir gerne Gesellschaft leisten, bis du eingeschlafen hist, oder bis du dich nicht mehr vor dem Alleinsein fürchtest."
„Das ist sehr gut und lieb von dir, Kind! Und icnter solcher Voraussetzung verspreche ich dir unbedenklich alles, was du verlangst. Leicht wäre mir das Ausgehen ja heute auch sicherlich nicht geworden, denn diese Influenza, oder was es nun sonst ist, scheint sich mit jeder Viertelstunde großartiger auszuwachsen. Du kommst also bestimmt wieder?"
„Sobald es mir möglich ist. — Hast du sonst noch einen Wunsch, Botho?"
„Nein. Das heißt — wenn du eine Flasche Wein mitbringen wolltest — Burgunder oder sonst was Feuriges. Es ist das Beste gegen das Fieber. Ich glaube nämlich im Ernst, daß ich ein bißchen Fieber habe."
Die trockene Hitze seiner ihr zum Abschied gereichten Hand hätte ihr ohnedies verraten, daß es so war. Aber sie äußerte sich nicht darüber, sondern begnügte sich mit der Zusage, seinem Wunsch zu ivillfahre». Bis auf den Gang hinaus verfolgte sie der beängstigende Klang seines Hustens, und sie eilte mit raschen Schritten die Treppe hinab, als könne sie nicht schnell genug aus dem Machtbereich dieses quälenden Verfolgers fliehen.
Unausyaltsam rannen ihr unter dem Schleier die Dränen über die Wangen, als sie durch die winterlichen Straßen der geschäftigen, unbarmherzigen Stadt lief, die ein Dorado scheint für die Glücklichen und eine Hölle für die Elenden und Verlassenen. Sie hatte ja nur wenig Hoffnung, zu finden, was sie suchte, denn seit acht Dagen war sie schon an unzähligen Stellen mit einem bedauernden Achselzucken abgefertigt worden.
Sie bog eben um die Ecke der Friedrichstraße, da >var es ihr, als hätte hinter ihr jemand halblaut ihren Vornamen genannt; aber sie wußte ja, daß es in der Riesenstadt niemand gab, der sie so hätte anreden können, und sie drehte sich deshalb gar nicht um, sondern beschleunigte nur halb unwillkürlich ihren Schritt.
Da klang es wieder, und diesmal hart an ihrer Seite, wie in beklommener Bitte: „Regine! Liebe Regine!"
Wie sie nun erschrocken ausschaute, sah sie in ei» wohlbekanntes, trauriges Gesicht. „Rudolf! Mein Gott, du bist's?"
Sie hatte stehen bleiben müssen, denn die Bestürzung über diese Begegnung machte sie schwindeln. Davon, daß ihr ehemaliger Verlobter in Berlin sei, hatte sie ja nichts gewußt. Und wenn sie cs geivußt hätte, würde sie doch niemals mit der Möglichkeit gerechnet haben, dag er sie bei einem zufälligen Zusaminentrefsen anvoden werde.
Der frühere Buchhalter in Reinswaldau fand nur mühsam das erste Wort. Er war gewiß kein schöner Mann, aber er hatte ein gutes, treuherziges Gesicht, und er. sah in diesem Augenblick sicherlich nicht aus wie einer, der noch nachträglich Gericht halten will über eine treulose Ver- räterin. „Entschuldige, daß ich dich aufhalte," brachte er endlich unsicher hercms. „Aber ich sah, daß du iveinst, und wenn ich dir vielleicht mit irgeno etwas behilflich sein könnte —"


