Ausgabe 
16.9.1914
 
Einzelbild herunterladen

488

zercmouiös, Der Körper wurde durch sie in eine unnatürliche Haltung eingezwungen, die Beweglichkeit bis aus ein Mindestmaß eingeschränkte Die Frau war eiugeschnürt in einen eisernen Panzer, ihr Unterkörper gänzlich entstellt durch eine tvulsiartige Auf­bauschung der Hüften, die in Deutschland alsWeiberspeck" ver­spottet tourde. Auch der Mann stopfte Aermel, Beinkleider und Wanis tnulstartig aus. Das charakteristischste, beiden Geschlechter» gemeinsame Anzeichen dieser Tracht aber war dieKröse", die riesengroße, brettartig steif gestärkte Halskrause, die zwar nicht sp schwor wie ein Mühlstein um den Hals hing, aber nicht geringer als ein Mühlstein die Beweglichkeit ihres Trägers hinderte. Diese Tracht, die in Genua und Neapel, in Hamburg und Lübeck ebenso wie in Madrid die große Mode gewesen, war nichts mehr für ein Jahrhundert, das wie dieses 17, von Kriegstoirren unaufhörlich durchwst war. Die schwere Zeit räumte auf niit der Unvernunft der spanischen Tracht; eine Kleidung, die dem Menschen Beweglichkeft, deni Körper Natürlichkeit verstattete, beginnt sich einzubürgern. Es ist der Soldat, der nunmehr den Ton angibt und das Soldaten- llcid wird zum Vorbild, dem der bürgerliche Rock bald nachfolgt, Tittys rote Sammet-Uniform, löte sie im Bayerischen - National- Museum aufbewahrt ist, zeigt bererts einen Schnitt, der heute noch in der Männerkleidung nicht ganz verschwunden ist. Im Vergleich mit dem überall Beengten und Gespannten der spanischen Tracht bekommt, wie .Boehm. der ausgezeichnete Modekenner, darlegt,die Kleidung des Mannes jetzt einen Charakter des Weite», Hängeichen, wenn man will Schlumpigen", Und die der Frau folgt ettvas langsamer nach, beeinflußt von den Nieder­landen, die, wie heute, von den Kricgswirren des endlosen Glau- benskampses verschont geblieben tvaren,

Arigelehnt an die Uniform des Soldaten, auf's Praktisch,« und Zweckmäßige bedacht, spar auch diedeutsche Tracht", die bet Uns nach den Befreiungskriegen entstanden ist. Damals schon wollte man sich mit einer Nationaltracht frei niachen vondem welschen Plunder", Kein Geringerer als Ernst Moritz Arndt gab in dein Schrlftchen:Ein Wort aus der Zeit über Sitte, Mode und Kleider- twuJH", eingehende Anweisungen über die Kleidung, die der deiitsche Jüngling und die deutsche Jungfrau von nun an tragen sollten. Der Frankfurter Gehcimrat Willemer, Rnd, Zach, Becker und andere erließen ähnliche Aufruse, Im November 1814 ivährend des Wiener Kongresses erschienen bei einer Quadrille in der Hof­reitschule der Burg 24 Ritterfrauen, um zu zeigen,wie sehr auch bei Festlichkeiten die inajestätische, altdeutsche Kleidung den Bor- vang vor den französisch-englischen Zwitter,noden, die uns be­herrsche», verdient". Dies»Livree des Deutschtums", wie sich Holtet etnnwl ausdrückte, konnte sich aber nicht laiige halten, tveil sie von der opponiereich«, Jüg>md, den Turnern und Burschenschaf­tern, zu einer Sache der politischen Gesinnung, zu einem Abzeichen im Kampf gegm das Melternichsch« Unterdrücknngsweson gemacht wurde. Als Sand Kvtzebue, den die deutsch gesinnte Jugend im Verdacht hatte, als Spion im Sold Rußlands zu stehen, er­dolcht hatte und bei dieser unseligen Tat in der deutschen Tracht betroffen worden war. wurde sie von der Regierung Unterdrückt, Der Rock", schrieb damals Kügelchen,macht freilich nicht den Mörder, aber immerhin, er ivar durch eine böse Tat geschändet und kein Zeichen mehr von menschlich« und vaterländischer Tu­gend," So war es aus mit der deutschen Tracht, bis nach dem siegreichen Feldzug von 1870 ivieder der Versuch gemacht wurde, sich von den Pariser Modewillkürlichkeiten zu emanzipieren Ein Versuch, wie man weiß, mit unzulänglichen Mitteln, Dem jungen Kaisertum fehlte es an Vergangenheit und au Kräften, um ein solches Unternehmen mit Erfolg durchzuführen, Man verfiel in allerlei mittelalterliche» Muminenschanz, der sicherlich gut geineinl war, aber schließlich doch damit endigte, das alles beim Alte» blieb Diese Erfahrungen hoben wir jetzt schon hinter uns. Wir Iver- den besser als früher ähnliche Fehlgriffe zu vermeiden wissen. Wir verfügen fetzt aber auch, was vor vierzig wie vor hundert -Jahren iricht der Fall gewesen ist, über eine ausreichende, eine mehr als ausreichende Zahl von Kräften, die Lnst und Befähigung haben, auch auf diesem Gebiet etwas zu schaffen, was den: deut­schen Namen Ebre niachen ivird. Und unsere Freunde, die O e st e r - reicher, werden auch hier unsere Bundesgenossen sein. Haben die Künstler der Wiener Werkstätte doch seit Jahren schon sich die denkbar größte Mühe gegeben, um eine von Paris unabhängige Mode zu schaffen, Bestrebungen, die, wie man weiß, nicht ohne Erfolg gebliehen sind, Haben doch im vorigen Winter die Pariser Schneider sich bereits gierig über die Wrener Kleiderstoffe ge­stürzt, mit deni Trick allerdings, sie als orientalische Muster zu lancieren". So ist Aussicht genug, daß wir auch auf dem Gebiet uns ohne unsere Feinde durchsetzen werden. Der Emst der Zeit »oird überdies aus lange hinaus alle Extravaganzen von selbst verbieten: so wird die neue deuffche Mode, die kommen muß, von selbst auch Berkörpemng von Würde, Sitte und Anmut sein.

was ein modernes Riesenheer verzehrt.

Im modernen Kriege sind alle Maßstäbe so llllgeheuer- lich gegen früher vergrößert, daß man, wen» man sie sich

einmal in nüchternen Zahlen vergegemvärligt, zu geradezu schwindelnden Ergebnisse» gelangt, Ga»z besonders erstaun­lich sind die Zahlen, die man erhält, wenn man dis Ver­sorgung eines modernen Heeres mit Lebensmitteln ins AiuUe saßt, H, Thurn hat in seinen, gediegenen, 1911 bet Johcuur Ambrosius Barth in Leipzig erschienenen Buche, über die Verkehrs- und Nachrichtenmittel ün Kriege, das gerade jetzt von besonderem Interesse und Werte ist, genauere Berech­nungen hierüber angestellt. Man berechnet de» Tagesbedarf für den Mann aus 1150 g-, u, zw, 750 g Brot, 200 g Fleisch-, konserven, 150 g Gemüsekonserven und je 25 g Kaffee und Salz, Des weiteren aber muß man natürlich auch die Tages­rationen für die Pferde in Betracht ziehen, Sie beträgt füv jedes Tier 6 kg- Hafer, 2,5 kg Heu und 1,5 kg Futterstroh. Bergegenwärligen wir uns hiernach, Inas eine Armee an einem einzigen Tage verzehrt. Nehmen ivir einmal eins Armee von 50000 Mann an, zu der 20 000 Pferde ge­hören, so bedarf dieses Heer für die Menschen täglich 57 500 kg an Nahrnngsmilteln, während der Bedarf für die Pferde auf 200 000 kg für den Tag anzusetzen ist. Nun würde man ja aber eine Ansammlung von 50000 Man,» kaum einHeer" im Sinne der modernen Riesenkämpfo nennen, Denken wir aber a» ein Heer von 150000 Mann nebst dem dazugehörigen Pserdeniaterial, so wird dieses Heer jede» Tag 172 500 kg für die Menschen und 600 000 kg für die Pferde, znscunmen also 772 500 kg an NahrniiaAi Mitteln per Dag verbrauchen. Man wird zugeben, daß dies Zahlen sind, die niit Fugschwiindelicke" genannt tverden müssen. Sie geben eine gelffisse Bürgschaft dafür, daß ein moderner Riesenkrieg wohl kaum von langer Dauer sein kann die Natur selbst verbietet es. Schließlich sei noch die interessante Tatsache mitgeteilt, daß ein einziger Kanal­kahn den Bedarf eines ganzen Armeekorps auf 1 bis lVs Tage zu befördern imstande ist.

vermischte».

' A l t e deutsche W a 11 e n i n s ch r i s t e n. Der reiche Schatz volkstüuiltcher Dichtung, der in den vielen Inschriften ans Häuser» und Geräten auigespeichert ist, bringt die kernhall tüchtige und humorvolle Gesinnung unserer Nation so recht zun, Ausdruck. Auch die Waffen trugen früher ihre sinnvollen Jnschristen und besonder» die Kanonen waren damit verziert. Manche der Geschütze des Berliner Zeughauses enthalten solche Sprüche. So steht aus einem 21-Pftmder von 1877 : .Wann man mich i» Zirn gebracht, / So beweis ich meine Macht." Ein anderes Geschütz von 1891 spricht! .Friedrich, deni der Sieg gegeben, / Läßt das Volk in Freuden leben." Manche der Kanonen erläutern ihren Namen, so eine kleine Kanone von 1b88, die das Rebhuhn genannt wurde: .Tal Ravhuhn mit dem Schnabel pickt, / Daß mancher drob zu Todt erschrickt," Ein I2-Psü»der von 1880, der die Schlange heißt, er­klärt seine» Beinamen iolgendermaßen:Die Schlange hat ein icharfs Gesicht, / Dafür Hilst Panzer und Harnisch nicht," Beliebt war die Benennung .Tie Nachtigall" sür tue Donnerbüchse», da sie den Feinden .gar lieblich" sangen. »Will niemand singen, / So sing aber ich. / Uber Perg »nd Tal ! Hört man mein Schall", steht ans einer Kanone von 1514. Ein Harnisch im Waffensaal des Berliner Schlosses trägt folgende» Spruch :Aul Golls Gewalt I Hab ichs gestalt, / Er hat gesüget / Was mir beuieget." Don den zahlreichen Schwerlinschrilte» sei nur eine genannt, die sich aus ciner Klinge von 1613 besindet:Zieh mich nicht heraus ohne Noth, / Steck mich nicht ein ohne Ehre."

Sitatenrätsel.

AuS jede,» der solgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt:

1. Wen Gott nlederschlägt, der richtet sich selbst » cht auf.

2. Ich will Frieden haben mit meinem Volk,

3. Was d» ererbt von deinen Vätern hast,

Erwirb es, um eS zu besitzen.

4. Ein Kerl, den alle Menschen hassen, der niuß was sein I

5. Krieg siihrr der Witz aus ewig mit dem Schönen.

8. Nicht geboren werden ist das Schönste,

Jung zu sterben dar nächst Schöne,

7. O lieb, so lang du liebe» kannst.

8. Ich bin der Geist, der stets verneint,

9. Wenn du eine Rose schaust,

Sag', ich laß sie grüß?»,

10. Als Adam grub »nd Eva spann,

Wer war da wohl ein Edelinan» 1

Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung des Nrithinogriphs in voriger Nummer:

Iklark Amur Uri Rum Ufamt 8amas JotH vrsk Ka[o AntoS Isar; Maurus Jokai.

Redakliou: Aug. Goctz, Rotaliousdruck u»d Verlag der Brühl'ichcii 1Iuiversitäts-B»ch- »»d Steindruckcrei, R, Lange, Gieße».