Ausgabe 
16.9.1914
 
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So solltest du dir vom Arzt ein Schlafmittel verschrei­ben lassen/'

Meinst du, ich Hütte nicht auch das schon versucht? Wer das Mittel, das mir Ruhe bringst, ist, wie's scheint, noch nicht erfunden. Weißt du, Kind, daß ich eine verhäng­nisvolle Torheit begangen habe damals, als du wie vom Himmel gefallen in mein Hotelzimmer schneitest und in deiner unerfahrenen Zärtlichkeit wahrscheinlich zir allem be­reit gewesen wärsh Ivos ich von dir verlangt hätte?"

Und was hüttest du deiner Meinung nach damals von mir verlangen müssen?"

Ich hatte dich an die Hand nehmen und mit dir ge- radeslvegs zum Standesamt gehen sollen. Und wenn du auch wahrscheinlich nichts weiter davon gehabt hättest als H-nnger und Qual und eine Hölle auf Erden, so Ware ich doch wenigstens nicht mehr so schauderhaft allein gewesen Tag Und Nacht mit diesen fürchterlichen Einbildungen und Ge­danken."

Hast du denn etwas aus dem Gewissen etwas, wo­von ich noch nichts weiß?"

Er sah sie von unten heraus an, mit jenem tückischen Blick, der ihm eigentümlich war.So fragt man die Leute aus. Kleine! Wer gib dir keine Mühe. Wenn ich was auf dem Gewissen hätte, würde ich mich wohl hüten, dein ahnungsloses Seelchen damit zu beschweren Wer waruin sagst du kein Wort zu meinem Heiratsprojekt? Vielleicht ist dazu auch jetzt noch nicht zu spät. Ich dachte, du wür­dest deckenhoch springen, wenn ich dir einen derartigen Vor­schlag machte."

Das Gesicht des Mädchens Rieb müde und traurig wie zuvor.Damals hätte ichs wahrscheinlich getan, Botho, und ich würde mich wohl auch darüber gefreut haben. Jetzt aber ist alles so ganz anders geworden, als ich mir's ge­dacht hatte. Du weißt selbst, daß dergleichen auch aus an­dere» Gründen für uns heute unmöglich wäre."

Ja, freilich Pas Sparkassenbüch! In deinen Augen p>ar es ja wohl ein Vermögen, mit dem wir ein Leben lang herrlich und in Freuden hätten wirtschaften können. Und Uun ist's in wenig mehr als zwei Monaten zum Teufel ge­gangen. Ich habe schon längst auf den Augenblick gewartet, wo die Borwürfe anfangen würden."

Ich will dir keine Borwürfe machen. Ich habe dir das Geld ja zur freien Berfligung Merlassen, und du konntest damit trin, was dir beliebte. Wer da es nun doch gusl- gegeben ist, da wir beide ganz mittellos sind und keines von uns einen sicheren Erwerb hat, können wir natürlich auch nicht daran denken, einen Hausstand zu gründen."

Einen ordentlichen Hausstand nach dem Ideal der braven Philisterseelen nein! Im übrigen darfst du un- besorgt seiin kleine praktische Regine! Das von dem Hei­raten war bloß ein Spaß, mit dem ich dir ein bißchen auf den Zahn fühlen wollte. Man heiratet nicht mehr, wen» inan da drinnen" und er schlug an seine Brustver­spürt, waS ich verspüre. Es lag um nur daran, einen hand- greiflichen Beweis dafür zu haben, daß deine Liebe nicht mehr so heiß und so opfermutig ist wie vor zwei Monaten."

Und warum war dir so viel an diesem Beweis gelegen?" t

Weil ich dir einen anderen Vorschlag machen will, einen, per jedenfalls mpch dir vernünftiger Vorkommen toird als die verrückte Heiratstdee. Da an der Tür hängt mein Ueberzieher. Möchtest du nicht die Freundlichkeit haben, mir die Brieftasche zu reichen, die du darin finden wirst. Das .Aufstehcn fällt mir nänÜich heute verwünscht sauer."

Sie legte die Brieftasche vor ihn auf den Tisch.

Reibnih öffnete sie und entnahm ihr vier Hundertmark­scheine, die er prüfend einen nach dem anderen durch seine Finger gleiten ließ.Ein überraschender Reichtum in dieser armen Hütte L nicht wahr?" spottete er.Na, man kann hoch nicht immer Pech hMen. Hier uitb da lächelt auch dem arrnseligsten Schlemihl einnial Fortunas Gunst. Leider ist es ja nrcht ganz so Vieh als deine Großmut mir m denj Schoß warf; aber ein Schelm gibt mehr, als er hat. Und etwas ist immer noch besser als gar nichts. Da t+r willst du dich bedienen?" i

Regine rührte sich nicht.Weshalb bietest du mir das 'Geld an? Ich habe niemals eine Rüchahlung von dir verlangt."

Nein, das hast du nicht. Wer ich habe keine Lust, mich dauernd von dir beschämen zu lasse», Und wenn nnr auch

weiter nichts bleibt als zwei oder drei einsame Goldfüchse, bitte ich dich doch diese vierhundert Mark als Wschlags- zahlung anzunehmeu."

Möchtest du mir nicht erst den Vorschlag ,nachen, dessen du vorhin erwähntest?"

Ja so, du hältst auf die gehörige Reihenfolge. Na also: mein Vorschlag ist einfach der, daß du diese vierhun­dert Mark nimmst, deinen Koffer packst und als reumütiges Schäflein unter das väterliche Dach nach Reinswaldau zu­rückkehrst. Ter Herr Werkmeister wird ja vielleicht erst eil» bißchen brummen, aber ich wette hundert gegen eins, am Ende gibt es doch eine rührende Versöhnung."

Tu kennst weder meinen Vater, noch mich, Botho! Ich hMe dir gesagt, daß ich nicht nach Reinswaldau zurück, kehren kann nie mehr. Und selbst wenn ich es könnte, würde ich eS doch nicht tun."

(Fortsetzung folgt-!

Krieg und Mode.

Zum Kampf um die deutsche Tracht.

Von Paul W e st h e i m.

Die Zeit ist nicht danach angetan, um ilber Tand und Putz und Flitterkram zu plaudern. Die Uniform ist das Kleid, da« jeder, der es nur tragen kann, jetzt anlegen möchte. Die arideren, die zu Dause bleiben müssen, haben Wichtigeres zu tun und zu denken, als sich über Kletderschnitte und Kleiderzutaten den Kopf zu zerbrechen. Ihnen liegt jetzt die Aufrechterhaltung der natio­nalen Wirtschaft ob. Die Mode aber ist großes Gebiet, daS unserer Volkswirtschaft noch und zwar am ehesten nach einem erfolgreichen Kriege zu erobern ist.

Ganze Ströme unseres Goldes, wer wüßte das nicht, sind Jahr um Jahr nach Paris geflossen. Pariser Kleider, Pariser Hüte, Pariser Wäsche und was noch alles sonst waren in der alten und der neuen Welt die Sehnsucht aller elegant«! Frauen. Seit den Tagen Ludwigs XIV., seitdem es überhaupt dieses Wechselspiel der mit jeder Saison geänderten Moden gab, hat, wie der Buß- prediger Abraham S. Clara in seiner Weltgalerie klagt, ,,d« Lutetschische Modi nit ungleich einem Krebsen dergestalten um sich gefressen, daß an jetzo mehrere Notiones von dieser Sucht tnficiert gefunden waren". DiesemKrebsen" gegenüber sind wir bis aus diesen Tag machtlos gewesen. Es hat zwar nicht an Ver­

suchen gefehlt, dies französische Modejoch abzuschütteln, ihm von Berlin und namentlich von Wien aus mit einer deutschen Mode entgegenzutreten. Der Erfolg aber ist gering geblieben, mußte es bleiben, weil bislang nur ein .kleines Haustein, zumeist etwas exzentrffcher Damen diese Versuche unterstützt haben, während die elegante Welt nach wie vor nichts anderes haben wollte, als was in Pariskreiert" war.

Nicht als ob wir nicht selbst auch eine große Modeindüstrie hätten. Die demsche und in erster Linie die Berliner Konfektion beschäftigt Dunderttausendc von Arbeitern und Arbeiterinnen und wußte sich kraft ihrer organisawrischen Tüchtigkeit Wsatz in aller Herren Länder, sogar in Frankreich und England, zu sichern. Mein dank jenem Vorurteil, daß das Bessere, das Feinere und Vor­nehmere nur aus Parts kommen könne, blieb sieffmmer angewiesen aus die im Großen herzustellende Massenwäre. Sie mußte m ihren Modellen immer dem folgen, was diegroße Mode" angegeben hatte. Was sie an neuen Erfindungen versuchte, wurde nicht an­erkannt, und da ihr für Neuschöpmngen nicht die beträchtlichen Summen zuslossen, die den Pariser Schneidern ohne weiteres zugebilligt wurden und ohne die der Aufwand sich nicht verlohnte, war ste gezwungen, sich mit der Aschenbrödelrolle der sogenannten Stapelkonfektion zu begnügen.

Am meisten haben das abgesehen von den Volkswirten unsere Künstler, unsere Modezeichner bedauert, di« über Phantasie, Geschmack und Geschick genug verfügen, um selbständige Mode- leistungen schaffen zu können. Solange Paris und nur Parts Trumpf war, ist ihr Talent ungewürdi^t geblieben. Nicht deshalb, wie jetzt gelegentlich gesagt und geschrieben wird, weil für abseh­bare Zeit die Vorlagen von Parts ausbletben, sondern weil wfr selbst das Talent und die Fähigkeiten haben, «ne eigen» Mod' schassen, ist es Aufgabe unserer Möveindustrie, wenn erfl

Schrecken dieses Weltkrieges überwunden sein werden, dem scheu Volk eine deutsche Tracht zu schassen, und dadurch unsere Volksvermögen Unsummen zu erhalten, die ln« jetzt den Gegnern zugeflossen sind.

Die Ueberzeugung, daß uns das gelingen wird,, ist sicherlich keine Uwpie. Man wnnle sogar die Gesch' ' zitieren. Der Krieg hat immer gewaltigen scheinbar so ganz abseits liegende Erscheinung

Das zeigt am deutlichsten daS gros^^ahrlindert deSSOjähr.

oft der ,Ma '

Mlipps II., das damals anfing tu Trüm-

Paris zum ausschlaggebenden Faktor ge- ... betspanischen Tracht". Das

Krieges, das, noch eh .

worden war, beherrscht wurde von

Weltreich Karls V. und Philipps ------, ....... r ..

mer zu gehen, war in Dingest der Kleidung tonangebend. Dresc spanische Tracht war den, Hof Philipps II. entsprechend steif und