Ausgabe 
16.9.1914
 
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Nun, dann * dann glaube ich es nicht, daß es Ihnen ernst damit ist, mein Kind im Stiche zu taffen. Was Fräu­lein v. Ostrowski Ihnen gesagt hat, ist selbstverständlich nicht meine Ansicht. Und Sie werden großmütig genug sein, es zu vergessen."

> Hätte er diese Worte im Beginn ihrer Unterredung ge­sprochen, Margarete würde schwerlich die Kraft gehabt haben, ihnen zu widerstehen. Aber zwischen Harro v. Bardeleben und ihr war cs jetzt nicht mehr, wie cs bei ihrem Eintritt gewesen war. In dem flüchtigen Augenblick, da sich die Verzweiflung feiner zerrissenen und gepeinigten Seele vor ihr aufgetan, ln diesem Augenblick heiß ausquellenden Mitleids war ihr auch die Erkenntnis gekommen, daß sie nicht bleiben könne und nicht bleiben dürfe. Sie wußte nicht, ob das, was sie in jenem Moment für ihn empfunden, etwas Neues, bisher Un- gekanntes gewesen war, oder ob sich ihrem Bewußtsein nur mit voller Klarheit aufgedrängt hatte, was sie längst als ein unbestimmtes und namenloses Gefühl im Herzen getragen; aber sie wußte, daß sie von nun an zu diesem Manne nicht mehr mit der wunschlosen Unbefangenheit würde ausblicken können, wie sie als seine Hausgenosfin und als die Hüterin seines Kindes hätte zu ihm ausblicken müssen. Damit war für sie die Entscheidung gefallen über das, was sie zu tun habe.

Ich danke Ihnen, Herr Baron," sagte sie ruhig,aber ich möchte Sie dennoch bitten, mich aus meinen Verpslich- tungen zu entlassen."

Ist ihr rasch gefaßter Entschluß schon so unerschütter­lich? Welch weitergehende Genugtuung können Sie fordern als die Versicherung meines schrankenlosen Vertrauens? Soll im Ihre Beharrlichkeit vielleicht dahin deuten, daß Sie sich nicht länger mit Fräulein v. Ostrowski in die Sorge sür Dietlinde teilen wollen?"

O nein," wehrte sie fast erschrocken ab.Nie nicht für eine einzige Sekunde habe ich etwas Derartiges gedacht."

Und bedeutet Ihnen der Kummer nichts, den mein Kind durch Ihr Fortgehen erleiden wird?"

Noch einmal ließ Margarete den Kopf sinken, denn diese Vorstellung war es ja;, die es ihr so schwer gemacht hatte, den entscheidenden Entschluß zu fassen; aber die Furcht vor jenem anderen, das Plötzlich wie das Bewußtsein einer riesen­hasten, unentrinnbaren Gefahr vor ihre Seele getreten war, blieb doch starker als ihr Mitleid mit der Kleinen, der man sicherlich leicht genug würde ersetzen können, was sie ver­lor.Dietlinde wird auch nach meinem Fortgange noch von so viel Liebe umgeben feint daß- sie sich gewliß bald damit ab findet. Bis »tu« Eintreffen einer Nachfolgerin könnt« ich ja immerhin bleiben."

Bardeleben war an das Fenster getreten und starrte

S aus, ohne etwas zu sehen. Als er sich endlich wieder gegen rgarete waiidie, schien auch er ihren Entschluß bereits als etwas Unabänderliches zu betrachten.Es kann nicht mein Wunsch sein, Sie gegen Ihre Neigung hier festzuhal­ten. ^hre Zusage, aber, dis zur Wkimift der neuen Er- »üeherl» zu bleiben, nehme ich Dankbar au, und ich versichere Ihnen noch einmal, daß ich für alles Gute, das Sie meinem Kinde bisher erwiesen haben, zeitlebens Ihr Schuldner blei­ben werde."

Er reichte ihr die Hand, und Margaretes Herzschlag tockte, als sie den Druck dieser kraftvollen Mänuerhand emp- and. Aber als sie eine Minute später die Tür ins Schloß »rückte, verschwamm alles um sie her hinter einem Schleier unaufhaltsam hervorbrechender Tränen.

IS. Kapitel.

Lassen Sic nur, Frau Opitz ich weiß, daß er zu Haus ist, und es gibt wirklich keinen Grund, daß er sich vor mir verleugnen lassen müßte."

Die kleine, dicke Zimmervcrmieterin machte denn auch keinen weiteren Versuch, Regine Kreidet am Eintreten zu

S ündern.Na, so jchu Sie meinetwejen zu ihm 'rein, Fräu- ein! Un wenn Sie Jewalt über ihn habe», daun setzen Sie ihm gehörig den Kopf zurecht. Es is ja 'ne Sünde und 'ne Schande! So 'n junger Mensch! Keine Nacht kommt er vor viere zu Hause. Un immer benebelt! Das macht er »ich mehr lange. Er sieht ja schon aus wie sein eijener Schatten."

Regine klopfte an eine der Türen, die auf den schmalen, dunklen Korridor mündeten, und als von drinnen ein paar Laute vernehmlich wurden, drückte sie auf die Klinke.

Von dem verschlissenen, alten Sofa, aus dem er völlig angekleidet gelegen, richtete sich Botho v. Reibnitz mit sicht,- licher Anstrengung jn eine sitzende Stellung aus.

rAch, du bist's. Regine! Das ist ja sehr nett von dir, daß du dich auch mal wieder uni mich kümmerst. Guten mor­gen, Kindl Aber du siehst ja so blaß aus! Bist du krank?"

Sie hatte ihm ihre Hand nur sür einen flüchtigen Augen­blick überlassen und setzte sich nun auf einen Stuhl au der anderen Seite des Tisches.Nein, ich bin nicht krank. Aber ich könnte dir die Frage zurückgcben. Möchtest du dich nicht einmal im Spiegel betrachten, Botho?"

Mit einem verzerrten Lächeln wehrte er ab.lieber solche Eitelkeitsanwandlungen bm ich längst hinweg, meine liebe Regine! Wie spät haben wir's eigentlich? Halb zwölf? Ist denn heute ein Feiertag, daß du um diese Zeit nicht bei deinem Rechtsanwalt an der Tippmaschine sitzen mußt?"

Ich bin schon seit acht Tagen nicht mehr in der Kanz­lei beschäftigt. Es war mir ja auch von vornherein gesagt worden, daß ich nur zur Aushilfe engagiert würde."

Ach nee! Das ist aber unangenehm. Und in den ganzen acht Tagen hast du noch nichts anderes gesunden?"

Nein. Obwohl ich vom Morgen bis zum Abend nach einer Stellung gesucht habe. Ich habe auch kaum noch Hoff­nung, eine zu finden."

Ihr Wesen war heute ein anderes als an dem Tage, da sie Botho v. Reibnitz zum ersten Male ausgesucht hatte. Waren seit jenem Morgen auch kaum zwei Monate vergangen, so schien sie doch in der kurzen Zeit ihrem Aussehen wie ihrem Benehmen nach um Jahre gealtert. Sie war magerer gewor­den, ihre Augen hatten sich umschattet, und ein Zug müder Traurigkeit hatte sich in ihr junges Gesicht gegraben. Müde, beinahe apathisch war auch der Klang ihrer Stimme, und ihre Hände lagen so matt im Schoße, als seien sie nun end­lich erlahmt in dem Kampfe, den sie so tapfer begonnen hatten.

Reibnitz hatte sich zurückfallen lassen, denn in dem Augenblick, als er ihr antworten wollte, war er von einem! Hustenanfall gepackt worden, der ihn crsichtiich auss äußerste cmstrengte. Es war ein häßlicher, rasselnder Husten aus den Tiefen der Brust, und ais er endlick, nufhörte, sah das farb­lose Gesicht des jungen Mannes schlaff und hohlwangig aus wie das eines Schwerkranken.

Diese verwünschte Erkältung!" keuchte er.Sie bringt mich noch ganz auf den Hund."

Während er sich, nach Atem ringend, abaequält hatte, war Regine aufgestanden, wie wenn sie ihm zu Hilsc kommen wollte. Aber sie hatte sich ihm dann doch nicht genähert, son­dern ihn nur immer unverwandt angesehen mit einem so entsetzten und angstvollen Blick, als ob das, was sie da vor sich hatte, etwas für sie ganz Neues sei, etwas, das keine an­dere Empfindung mehr in ihr zu lvecken vermochte als die des Widerwillens oder des Grauens.

Du bist krank, Botho," sagte sie dann.Ernstlich krank. Soll ich dir nicht einen Arzt herschicken?"

(Unsinn! Was mir der Pslasterkasten sagen kann, weiß ich schon selber. So ein Katarrh will seine Zeit haben. Wenn er mich nur nicht so schauderhaft mitnähme! Mir ist, als wären mir alle Knochen am Leibe zerbrochen."

Und Urte kannst du hoffen, gesund zu werden, wenn du ei» so unsinniges Leben führst? Ms wir uns zum letzten Male sahen, hast du nujr fest versprochen, vernünftiger zu werden. Und nun höre ich von deiner Wirtin, daß du nie­mals vor Tagesanbruch nach Haus kommst."

Hat sie dir das erzählt, die alte Klatschbase? Na, du hattest dir die Mühe sparen können, sie auszufragcn, denn ich bin kein Schuljunge, der seine schlimmen Streiche ängsst lich geheimhalteu muß. Ich Hab' dir's ja von vornherein gesagt, daß es zu spät ist, einen TUgendspiegel aus mir zu machen."

Es handelt sich nicht darum. Es handelt sich jetzt nur um deine Gesundheit. Daß diese Nachtschwärmereien dich zugrunde richten, mußt du dir doch selbst sagen."

Ich bestreite es ja gar nicht. Wer was soll ich machen? Ich kann eben nicht anders, Regine!"

Tu kannst nicht? Haben diese Vergnügungen"

Vergnügungen?" Er lachte. Ein rauhes, spöttisches Lachen, das er mit einem neuen Hnstenanfall bezahlen nmßte.Wenn du wüßtest, wie ausgezeichnet ich mich bei alledem amüsiere! Nein, Kleine, um das Vergnügen ist niir's wahrhaftig nicht. Nur uncs Vergessen ist mir's. Und darum, daß ich nicht allein sein muß während dieser scheuß­lichen, endlosen Nächte." v . .