Ausgabe 
16.9.1914
 
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Kinderseele.

Roman von ReinholdOrtmanN.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ihr Töchterchen lügt nicht, Herr Baron."

Und Sic finden das alles wirklich so ganz in der Ord­nung? War Ihnen denn der Oberleutnant Rasmusse» nicht völlig fremd?"

Bis heute ja."

Nun sagen Sie mir doch ganz aufrichtig, Fräulein Othmar: wenn ich Sie in der ersten Stunde nuferer Be­kanntschaft, oder wenn ich Sie glestern ausgefordert hätte, unter vier Augen mit mir zu musizieren, würden Sie mich da nicht mit jenem erstaunten und abweisenden Blick an­gesehen haben, den ich nun schon so gut an Ihnen kenne? Würden Sie auch nur für einen einzigen Augenblick im un­gewissen darüber gewesen sein, daß Sie es ablehnen müßten?"

Margarete war sehr rot geworden.Ich weiß nicht, Herr v. Bardelcben, weshalb Sie mich das fragen."

Sie wissen es nicht? Es ist Ihnen also gar nicht zum Bewußtsein gekommen, mit einer wie seltsamen, ich möchte säst sagen kränkenden Zurückhaltung Sie sich vom ersten Tage a» gegen mich benehmen, wie geflissentlich Sie mir aus- iveichen, und ivie rasch Sie jedem, auch dem harmlosesten Gespräch ein Ende zu machen wissen, das ich mit Ihnen au knüpfe?"

In der Tat, Herr Baron, ich"

Nein, bleiben Sie nur bei der Wahrheit. Sie wissen sehr gut, daß es so ist. Ich habe mir einreden wollen, diese Scheu im Berkehr mit Männern läge vielleicht in Ihrer Natur, aber ich habe freilich nicht recht daran glauben köw nen, da ich Sie in allem anderen so klug und selbstsicher ge­sunde». Und nun habe ich ja den Beweis, daß Sie sür an* dere keineswegs so unnahbar sind wie für mich. Warum soll ich Ihne» verhehlen, daß mir das daß ich das von Herzen bedaure."

Er mußte es ihr vom Gesicht lesen, welche Pein dies unerwartete Verhör ihr bereitete. Ihre Brust atmete rascher, und sie schaute mit gesenkten Lidern vor sich hin wie ein ge­scholtenes Kind. Eine Erwiderung aber hatte sie nicht.

Nachdem er eine Weile gewartet hatte, fuhr Bardeleben fort:Mißverstehen Sie mich nicht. Es sällt mir nicht ein, Ihnen einen Borwurf daraus zu machen. Sympathien und Antipathien sind Empfindungen, über die wir keine Gewalt haben, das begreife ich recht wohl. Aber jeder Antipathie muß doch irgend eine Ursache zugrunde liegen. Und diese Ursache ist es, die ich gerne erfahren hätte."

Herr Baron"

Es ist eine ungewöhnliche Zumutung, eine Zumutung, wie mau sie nur an icmand stellen kann, von dessen Wahr­

haftigkeit und Ehrlichkeit man in innerster Seele überzeugt ist. Ich weiß, daß ich Sie in Verlegenheit setze; aber ich bin rücksichtslos genug, mich nicht darum zu kümmern, denn ich muß endlich einmal Klarheit haben, und ich kann sie hier auf Klein-Ellbach von niemand erwarten als allenfalls von Ihnen."

Klarheit? Bon mir? Ja, mein Gott, worüber denn?"

Ueber die Gründe dieser Scheu, mit der alles vor mir zurückweicht, über die Bedeutung dieser mißtrauischen Seiten­blicke, über den Sinn dieses Gemurmels, das ich nachgerade schon auf Schritt und Tritt hinter meinem Rücken zu hören glaube. Wenn ich mir irgend einen herausgrisfe und ihn zur Rede stellte, so würde er selbstverständlich den Ahnungslosen spielen und alles leugnen. Sie aber sind zu stolz, um zu heucheln. Wenn Sie mich für einen Bösewicht oder einen Verbrecher halten, werden Sie auch den Mut haben, es mir zu sagen."

Was da aus dem Innern des Mannes brach, wiar wie ein lange zurückgedämmter, reißender Strom, der plötzlich alle Schranke» niedcrwirft. Margarete hatte unter dem über­wältigenden Eindruck des Unerwarteten zunächst nur die eine Empfindung, daß er Unsägliches gelitten haben müsse, um sich zu solcher Offenbarung seines Seelenzustandes treiben zu lassen. Wenn sie in diesem Augenblick die Macht gehabt hätte, die Qual von ihm zu nehmen, so hätte sie sich gewiß durch kein Bedenken abhalten lassen, es zu tun. Aber sie konnte ihm ja nicht einmal das geben, was er in seltsamem Vertrauen auf ihren Bekennermut fast tvie eltvas Pflicht­gemäßes von ihr verlangte, denn wie hätte sie ihm wieder­holen dürfen, was man in allen Winkeln des Schlosses über seine unglückliche Ehe wisperte und tuschelte, wie hätte sie Worte finden sollen, ihm zu sagen, wie drückend schwer dia traumhafte Erinnerung an ihre erste Nacht auf Klein-EU- bach noch immer auf ihr lastete, wie deutlich ihr noch immer der schrille Schmerzensschrei der sterbenden jungen Frau im Ohre lag!

Sie war aufgestandcn und hinter ihren Stuhl ge­treten. Mer der traurige, mitleidvolle Blick, mit dem sie zu ihm aufsah, mußte ihm beweisen, daß es nicht ans Furcht vor seiner so jäh ausgebrochenen leidenschaftlichen Erregung geschehen war.

Ich würde es Ihnen vielleicht nicht ins Gesicht sagen," erklärte sie fest,aber ich wäre dann arrch sicherlich nicht bis heute unter dem Dache Ihres .Hauses geblieben."

Und daß Sie nun gehen wollen, geschieht wirklich nicht um meinetwillen ich meine, nicht aus Granen oder Abscheu vor meiner Person?"

Rein. Ich habe Ihnen meine Gründe ja genannt, Herr Baron."

Und Sie haben keinen anderen? Es war nicht viel­leicht mein Schwager Rasmnssen, der Sie überredet hat, Klein-Ellbach zu verlassen?"

Nein."