Kinderseele.
Roman von Rei «t) o f b Ottmantt.
(Nachdruck »erboten.)
(Fortsetzung.)
„Ich bin überzeugt, da» auch dein Anteil daran sehr hoch anzuschlageu ist, aber ich sehe doch, mit wie schwärmerischer Zärtlichkeit das sonst so scheue Kind an ihr hängt, lvie es förmlich auslebt und ausblüht in ihrer Gesellschaft."
„Ein Kind hängt sich an jeden, der seinen Launen schmeichelt und es bei den Besonderheiten seine-? Charakters zu iiehiue» iveist. Tb das ein pädagogisch richtiges Prinzip ist, möchte ich dahingestellt sein lassen."
„Es setzl mich i>i Erstaunen, dich so sprechen zu hören, Iadwiga! Ich lebte bis jetzt in der Hoffnung, dast zwischen dir und Fräulein Othmar das beste Einvernehmen bestände."
„Meine Stellung zu den Personen deines Hauswesens ist zu delikat, als dast ich nicht nach Möglichkeit daraus be dacht sein müßte, mich jeder unnötigen Einmischung zu enthalten. .Habe idi doch erst am heutigen Morgen die Erfahrung machen müssen, daß sich sogar ein gewöhnliches Dieust- niüdchen herausnehmen darf, mir anmaßend entgcgenzu- lreteu."
Zwischen Bardelebens Brauen erschien die gefürchtete Zornesfalte. „Ich will doch nicht hoffen, Iadwiga, dast es deine Absicht war, niir ein derartige» Vorkommnis zu ver- heiutlicheu. Welcher von meinen Dienstboten hat es geivagt, sich unangemessen gegen dich zu benehmen?"
„Ach, es ist ja nicht der Rede wert, ttnd das Mädchen hatte vielleicht in der Tat eine gewisse Berechtigung, sich niir gegenüber deiner besonderen Protektion zu rühmen."
„Es tvird immer besser. Wer ist diese unverschämte Person gewesen? Da» Zimmermädchen etwa?"
„Ja. Ihr drcisteS und vorlautes Verhalten ist mir schon seit dem ersten Tage meines Hierseins ausgefallen: aber ich habe dazu geschvicgen, wie eS sich in meiner Eigenschaft als Gast fiiii 4 mich gehörte. Ikn der letzten Zeit aber schien mir die .Keckheit de» Mädchens denn doch so weit über die Greußen des Erlaubten hinanszugchen, dast ich es heute morgen für meine Pflicht hielt, sie zur Red? zu stellen. Ich „tag dir nicht Wort für Wort wiederholen, tvas sie mir entgegnete, aber dtt darfst inir schon glauben, dast es das stärkste war, >vas ich jemals aus dem Mulnde eines Dienst- boh’it gehört habe. Als ich sie dann darauf aufmerksam machte, hast sie sich mit solchem Benehmen der Gefahr einer Entlassung aussetzc, lachte sie mir ins Gesicht Und sagte
Ader weshalb sollen wir noch weiter von so gering-, sügigen Dingen sprechen!"
„Ich bitte doch, es mich wisse» zu lassen, Iadwiga, denn, lvie mir scheiirk, ist es hohe Zeit, einzuschreiten."
„Nun, sie sagte, ich möge sie itur immerhin bei dir Verklagen. Bor dent Herrn Baron fürchte sie sich gar nicht,
und der Herr Baron wisse auch sehr ivohl, warntw sie sich nicht vor ihm fürchte."
Bardeleben führte mit seiner Reitpeitsche einen saufenden Hieb durch die Lust. „So? Sagte sie das? Nun, ivir werden ja sehen — wir werden ja sehen! - Für die Folge aber, liebe Iadwiga, bitte ich dich dringend, dich unter dent Dache meine« Hauses nicht mehr als einen Gast zu belrach- ten, der auf irgend etwas oder auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen hat, sondern als Herrin, die von jedermann bedingungslosen Gehorsam beanspruchen dars. Ich lverde Sorge tragen, dast niemand, der in meinen Diensten steht, darüber künftig im Zweifel sein kann,"
Tie mußten ihr Gespräch unterbrechen, weil ihnen auf dem ziemlich schmalen Wege ein paar Leute entgegenkamen, die gezwungen waren, am Ackerrand stehen zu bleiben und die beiden Reiter einzeln an sich vorüberzulasse». Einer der drei Männer grüßte devot, die beiden anderen aber standen mit mürrischen Mienen, ohne sich zu rühren, und einige unverständliche Worte von zweifellos höhnischem Klange wurden zwischen ihnen gewechselt.
Bardeleben, der kaum eine leichte Handbewegung nach seinem Hute gemacht hatte, wartete, bi» Iadwiga wieder a» seiner Seite war, dann sagte er: „Hast du gesehen, lvie luett ich'« gebracht habe im Ansehen der Leute? Der Kerl, der seine Mütze vor mir zog, wußte wohl, warum er'S tat. ES ist der Gastwirt von Schmittsdors: aber seine Wirtschaft gehört mir, und ich könnte ihn sofort aus die Straße setze», wenn es mir beliebt. Die beiden ander?» aber sind Bauern, die nichts nach mir zu fragen l>aben, itnd von denen grüßt mich seit Wochen keiner mehr, obwohl sie'S früher gar nicht unterwürfig genug tun konnten. Der Himmel mag lvisse», wodurch ich mich uni die Hochachtung und das geneigte Wohlwollen dieser ehrenwerten Mistfinken gebracht habe."
Der Zorn, der in seiner Rede grollte, bewies deutlich genug, daß ihm das Benehmen der Leute doch nähör ging, als er'S zeigen mochte.
Iadwiga sah ihn mit einem aufmerksam forschende». Blick von der Teile an. Wußte er wirklich nicht, Iva« in, der ganzen Gegend von seiner Ehe und von seinem Verhalten gegen die Baronin gesprochen wurde? Tollte in Wahrheit noch kein Laut von jenem unsinnigen Gerede zu ihm gedrungen sei», das den frühen Tod der jungen Frau mit allerlei unbestimmten, abenteuerlichen Verdächtigungen umgab? Tie konnte das kaum für möglich Hallen. Ader ob er nun etwas davon ahnte oder nicht, jedenfalls wäre sie die letzte geioesen, die sich berufen gefühlt hätte, ihn darüber aufzuklären. „Ich wundere mich, Harro," sagte sie, „dast du so etwas überhaupt bemerkst. Was brauchst du • nach der Meinung von Leuten zu fragen, die weiter von dir entfernt sind als die Bewohner irgend einer Südseeinsel!"
„Der Vergleich dürfle zwar nicht so ganz zutrefsen, aber in einem hast du jedenfalls recht: inan innß den


