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Ihm'» »iit lanMöufigeit Phrasen txitiTen tvokl.c für das (Mliirf dieser Stunde. Es ist mir einfach immögltch, zt> denken, bafj sie niemals eine Wiederholtmg erfahre» [ollie. Sie wollen mich doch nicht dazu venirteilen, jede derartige Hoffnung aufziugeben?"
„Aber ich wüßte in der Tat nicht, Herr Rasmujsen, ivas wnS ich anderes tun könnte. Eine Situation wie die heutige dürste doch ivohl kaum znni ziveiten Male eintreten."
,,Ma» wird Ihnen drüben in Klein Ellbach selbstver- stnndllch nicht gestalten, irgendwelche Beziehungen zu mir zu unterhalten. In dieser Hinsicht darf ich mir keine Illusionen machen, denn Mischen meinem Schwager Bardeleben und mir gähnen Abgründe. Aber sind Lie denn mit so unzerreißbaren Banden an das Klein-Ellbacher Herrenhaits gefesselt?"
„Ich verstehe nicht, wie das gemeint sein kann, Herr Oberleutnant, und ich denke, wir überlassen es am besten dem Zufall, ob diese Begegnung eine letzte gewesen sein soll oder nicht. — Dita - Liebling, ermuntere dich! Es ist Zeit, daß ivir heimfahren."
14. Kapitel.
Es begann zu dämmern, als Bardeleben und Jadwiga aus schlechten Feldwegen von dem abgelegenen Vorwerk in der Richtung nach dem Herrenhause zurückritten. Sie mußten ihre Pferde im Schritt gehen lassen, weil die unter der Schneedecke verborgenen Unebenheiten des hartgefrorenen Bodens eine beständige Gefahr für die Tiere bedeuten. Der Baron starrte schweigsam vor sich hin.
„Es wird wahrhaftig schon dunkel," sagte Jadwiga, „und mir ist , als könnten ivir kaum eine Stunde ans Schmitlsdors gewesen sein. Es war recht hübsch, und ich bin sehr dankbar, daß du mich mitgenommen hast."
Er hatte ihr sein Gesicht zugewendet und lächelte ge- zwungen. „Deine Anspruchslosigkeit ist für mich geradezu beschämend, »ebrigens ahnte ich bisher nicht, daß d» so großes Interesse für die Landwirtschaft hast. Tie Leute aus dem Vorwerk müssen einen gewaltigen Respekt vor deiner Sachkenntnis bekommen haben."
„Nun, mit meiner Sachkenntnis ist es am Ende nicht so iveil her," rief sie lachend. „Aber daß mir die Beschäftigung mit diesen Dingen Vergnügen macht, will ich nicht leugnen. Früher hätte ich das in selber nicht für möglich gehalten, jetzt aber glaube ich, daß ich mich ganz gut damit absinden könnte, immer aus dein Lande zu leben."
„Du nimmst mir eine Last von der Seele,»denn ich mache mir beständig Vorwürfe, dich durch meine Bitieii in dies trostlose Exil genötigt zu haben."
„Sehr überflüssigerweise, .Harro. Wenn ich nicht gern ans Klein-Ellbach iväre, hätte ich mich gewiß nicht halten lassen, denn >vas könnte ich dir und Dietlinde sein, iveiin meine Anwesenheit nichts als eine ividerivillig geleistete Pflichterfüllung iväre!"
„lliid doch fällt es mir manchmal recht schwer, an deine Herzenssreudigkeit zu glauben . Es ist ein so ungeheurer Gegensatz zwischen dem Leben in meinem Hause und dem, an das du bisher gewöhnt warst. Bon der Ungenießbarkeit meiner Gesellschaft ivill ich gar nicht erst reden. Wenn du poch wenigstens irgendwelchen anderen, halbwegs interessanten Umgang hättest! Außer Fräulein Othmar gibt es auf Klein Ellbach ja kaum eine» Menschen, der dir geistig ebenbürtig wäre."
„Es wäre allerdings hier schlimm um mich bestellt, wenn ich dergleichen zu meinem Glücke notwendig brauchte, denn die geistige Ebenbürtigkeit einer Gouvernante wäre für den Mangel an anderem Verkehr wohl kein ganz vollwertiger Ersatz."
Sic hatte es in scherzendem Tone gesagt, aber Bardeleben blickte dennoch befremdet auf. „Daß sie nur eine Gouvernante ist, bedeutet doch wohl nichts als einen nebensächlichen Zufall. Ihr Vater war, soviel ich weiß, ein angesehener Gelehrter. Wenn er ihr ein Vermögen hinterlassen hätte, könnte sie heute als Gleichberechtigte eine Rolle in der besten Gesellschaft spielen, denn daß ihr keine der dazu nötigen persönlichen Eigenschaften fehlt, wirst du ja zugeben."
„Ich habe darüber kein Urteil, denn ich habe mich begreiflicherweise um die persönlichen Eigenschaften des Fräuleins bisher nur insoiveit gekümmert, als sie für ihre erzieherischen Einflüsse auf Dietlinde in Betracht kommen."
„Und bist du dabei aut irgend etwas gestoßen, das dir mißfallen hättet"
>^fch weiß nicht. Bei deiner Voreingenommenheit für das Mädchen ist es vielleicht besser, wenn ich meine Eindrücke für mich behalte."
.„Das solltest du nicht tun, Jadwiga! Schon deshalb nicht, weil du ihr möglicherweise unrecht tust. Was du meine Voreingenommenheit für Fräulein Othmar nennst, ist doch wohl nichts weiter als schuldige Dankbarkeit, denn was sie körperlich und seelisch in dieser kurzen Zeit aus meinem verschüchterten und verkümmerten Kinde gemacht hat, streift doch nahe genug an das Wunderbare."
„Und die günstige Veränderung ist nach deinem Da- fürhalten einzig das Verdienst dieser bezahlten Erzieherin?"
(Fortsetzung Irlgt.t
Im kandwehrzug.
Skizze von Hans Winand.
Der für abends neun Uhr und zehn Minuten angesagte Lokalzug nach dein (deutschen) Süden war in letzter Stunde abgesagt worden. Da saßen wir mm, der Herr Ossiziersaspirant der bayrischen Jäger und ich, in einem sächsischen Jndustriestädtchen, das Niir Eingeweihten der Kalikobranche bekannt ist, und schauten einander in die Fenster der Seele. Blank waren sie nicht. Der nächste Lokalzug ivar für den Nachmittag des nächsten Tages angekündigt. Bestimmt? Der Mann mit der roten Mütze zuckte nur die Achseln. „Gar nichts kann ich Ihnen sagen. „Bestimmt" fahren nur die Militärzüge."
Noch zwanzig Stunden verlieren? „Dösgibt's fei net," meinte der Herr bayerische Jägerossiziersaspirant, dessen heimatliche Sprech- iveise dem fünfjährigen Aufenthalt in Belgien siegreich getrotzt hatte, „kommens, Herr Kamerad, machen mer halt der Herrn Bahn- hofskommandanten an Anstandsb'such."
Das kleine Wort Kamerad ist ringsum auserstanden, und sein Klang, der so fröhlich ist und so ernst in einem, umschlingt alle. Kamerad ist ein jeder, der jetzt die „Zivilklust" an den Nagel hängt, sei dies der „cutaivay" vom „english tailor" oder der blaue Kittel des Taglöhners. Am Bahnsteig grüßen dich weißhaarige alte Herren, das Eisenkreuz von 70 im Knopfloch, und wenn du Springinsfeld vorbeistapst, nehmen sie die Hüte ab, daß ihr Haar silbern strahlt. „Biel Glück, Herr Kamerad!" sagen die Veteranen, und du fühlst, wie du errötest. Denn über Nacht ist unser aller Gefühl ein anderes geworden, nnd fast mit Scham liest man es in den Augen dieser Weißhaarige» von dazumal: „Ehre dieJugend .. "
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Der Bahnhofskommandant war zwar so freundlich, uusere Pa Piere mit seinem Dienstsiegel zu schmücken, und mit dem Vernierk „dars Militärzug benutzen". „Aber ob Sie mitgenommen werden...?" Von der Helmspitze bis zum dritten Wassenrockknopf war er niitsühlendes, aber zweifelndes Fragezeichen. Und ns»; Hu * recht hatte er nicht. Aus der Ferne, vom Güterbahnhof her, kam ein Signal: Einsteigen! „Wo's blasen, sind Soldaten" folgerte mein Fahrtgenosse und wir stellten fest, daß auch ein Dreihundertmeter-Lausschritt mit Reisetasche nnd Zivilmantel die Poren öffnen kann. Mehr freilich ivar nicht zu erreichen. Wenig nutzte es uns, daß wir mit unseren Lackschuhen die Hacken so stramm zu- sammeitschlugen, daß die Politur absprang. Der Herr Major, der Transportsührer'des so nnd sovielten Feldartilleriezuges, blieb unerbittlich. „Niemand, niemand kommi mit" erklärte er; und >vir horten noch, wie er zum Adjutanten sagte: „Wer garantiert mir denn,.daß . . ." Gott sei Tank: mehr vernahmen wir nicht: unser militärisches Selbstgefühl war ohnehin schon tief verletzt. Ein Vize- seldwebel geleitete die zwei „Zivilpersonen" wieder fort. Aus einen« Güterwagen blickte uns freundlich ein prächtiger Brauner nach, hielt im Fressen inne, streckte den Kops mit der schwarzen Mähne aus der Luke und folgte uns mit den Ohren. Viel Glück Brauner. „Eilwagen nach Paris", hatte eine derbe Artilleriefaust mit Kreide unter das Wagenzeichen gemalt.
.Und dann standen wir wieder allein im Dunkel neben dem blitzenden Schienenstrang, schauten trübselig den bunten Schluß- laternen des entschwindenden Zuges nach und wunderten uns, daß man die Räder kaum rollen hörte. Aber die preußischen Arlilleristen- kehleu triumphierten über rollendes Stahl nnd noch lange lag unS der herzhafte Rhythmus im Ohr:
„Des Kanonieres Lebenszweck ist bas Kanonenrohr."
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Aber beim dritten Versuche lächelte uns das Glück in Gestalt eines Bataillonsadjulanten. der meinen Reisegefährten persönllch kannte „Meinetwegen", meinte der Herr Major schließlich, »ach einem kurzen Eramen unserer militärischen Vergangenheit, „wenn Sie irgendwo Plan sinden . . ." Platz sinden? Schon wirbelt die Handtasche im Bogen in den nächsten Güterwagen, der Mantel hinterdrein und zuletzt der Mensch. Der stolpert über einen keineswegs ausgezogenen gelben Jnsanteriestieiel, doch irgendwo im Dunkel fangen schwielige Hände ihn aus und stützen das verdutzte Gleich gewicht. „Nur rein, nur rein!" sagte eine Stimme. Auf einer Patronenliste sitzend findet man sich nneder.


