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Margarete fühlte, das; ihr das Blut ins Gesicht stieg, und sic erhob sich rasch. Wohl hatte ihr das Dankenswort, das ihm offenbar aus den, tiefste» Herzen gekommen war, viel innigere Freude bereitet, als es durch irgend ein Kompliment über ihre Fcrtigicit hätte geschehen können; aber diese Freude ivar gepaart mit einer Verwirrung, die sie nicht sogleich zu meistern vermochte.
Als habe er das wahrgenommen, wartete Rasmussen nicht auf eine Antwort, sondern trat an die offen gebliebene Verbiudungstür, um einen Blick in beit Salon zu Wersen, „Ah, sehen Sie nur," sagte er lächelnd, „Ihre Begeisterung für die Musik hat meine kleine Nichte nicht gehindert, während unseres Vortrages einzuschlasen,"
Dietlinde war in der Tat cingcschluminert, Ihre Wangen aber waren rosig überhaucht, und auf dem seinen Kin- dergesicht, das jetzt viel hübscher schien als bei dem Einzug der jungen Erzieherin ans Klein-Ellbach, lag ein glückliches Lächeln, \
„Sie haben wohl auch nicht die Absicht, sie zu wecken," bat der Oberleutnant, „Ans solche Art wird sie sich anr schnellsten von dem ansgestandenen Schrecken erholen," „Aber ich muß an die Heirnsahrt denken, Herr Ras- mussen. Man könnte sich sonst um die Kleine sorgen,"
„So gönnen Sie ihr wenigstens noch ein.halbes Stündchen, Ich werde veranlassen, daß nach dieser Zeit mein; Auto bereit steht," I
Er ging hinaus, uni den erforderlichen Befehl,zu er* teilen, Margarete wollte in den Salon zurückkehren; aber als ske an dem Schreibtisch vorüberkam, fiel ihr Blick zufällig aus ein Buch, das sie unter Hunderten sofort erkannt haben würde. Es war das Hauptwerk ihres Vaters, eine Arbeit, hei deren Abfassung sic ihm viele Monate hindurch getreu- liche Sekretärdienste geleistet hatte, und von deren -.Inhalt jedes Wort unauslöschlich in ihrem Gedächtnis haftete, >, Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, es aufzuschlagen, und sie sah, daß die Ränder beinahe jeder Seite dicht mit Bemerkungen in einer sehr feinen und zierlichen Handschrift bedeckt waren. Ohne sich einer Indiskretion bewußt zu werden, las sie einige von ihnen, die nichts als der Ausdruck einer enthusiastischen Zustimmung waren, und so ganz war ihr Interesse durch den überraschenden Fund gefesselt, daß sie den Wiedereintritt des Hausherrn überhörte und sich seiner Anwesenheit erst beioußt >vurdc, als er dicht neben ihr stand.
Bestürzt wollte sie ihre Dreistigkeit entschuldigen, aber er kam ihr zuvor, „Wenn der Inhalt dieses Buches nicht etwas zu gewichtig wäre für die Ideenwelt einer jungen Dame, so ivürde ich es Ihnen gern zur Lektüre anbieten," sagte er, „Es gibt kaum eines, dem ich so viel verdanke wie ihm und das ich mit gleicher Inbrunst liebe,"
Margarete lächelte beglückt, „Sie wissen nicht, Herr Ras- niussen, etwas wie Schönes Sie mir damit sagen. Auch ich liebe dies Buch wie sonst keines aus der Welt, lind ich habe wohl Ursache dazu, denn ich habe es ja werden und wachsen sehen. Der cs geschrieben hat, war mein Vater,"
Der Oberleutnant machte eine Bewegung, als ob er in ungestümer Freude ihre Hände ergreifen wollte,
„Ist das möglich? Kann das wirklich so sein? Es wäre ja mehr, als ich niir je zu wünsche» gewagt hätte. Also Sie heißen Othmar? Verzeihen Sie, aber ich hatte vorhin'Ihren Namen nicht ganz deutlich verstanden. Wie hätte mir auch solche Vermutung kommen können! Die Tochter eines Mannes gleich diesem in so —"
„In so untergeordneter Stellring — wollen Sie sagen," ergänzte Margarete ruhig, da er, erschrocken über sein Ungeschick, mitten in der Rede abbrach. „Es ist nichts Verwunderliches dabei, denn mein Vater hat sich niemals daraus verstanden, Reichtünier zu sammeln. Außerdem schäme ich mich meiner Tätigkeit nicht,"
„Rechnen Sie intr das dumme Wort nicht au — ich bitte Sie darum. Es wollte mir entschlüpfen, weil ich mir eine Tochter Friedrich Othmars eben nicht anders vorstellen konnte als auf den Höhen der Menschheit, Aber wie beneide ich Sie darum, daß Sie die Mitarbeiterin Ihres Vaters sein dursten!"
„Seine Mitarbeiterin? O nein! So hoch reichte der Flug meiner Gedanken nicht. Ich war nur seine Sekretärin, well er sich niemals daran gewöhnen konnte, bei seiner Arbeit fremde Gesichter um sich zu sehen. Es ist durchaus nicht niein Verdienst, wenn ich allerdings nach und nach gelernt habe, >bn z» verstehen."
„Ta Sie ihn nun aber verstehen, werden Sie auch begreiflich finden, was er inir geivordcn ist. Es ist noch nicht sehr lange her, daß ich das erste seiner Bücher zur Hand genommen habe, Ich hatte eines Tages das Mißgeschick, mit dem Pferde zu stürzen und mir Verletzungen znzuziehe», die mich monatelang an das Belt fesselten. Wenn ich nicht vor Langeweile umkommen ivollte, mußte ich mir die Zeit mit Lektüre zu vertreiben suchen. Ich las alles Erdenkliche durcheinander, und cs ivar nichts als ein Zufall, der mich auch an Ihres Vaters Buch „lieber die Freiheit des menschlichen Willens" geraten ließ. Wie es auf mich wirkte, kann ich Ihnen nicht beschrejben. Es war für mich nicht mehr und nicht weniger als eine Offenbarung, Ihm verdanke ich es, daß ich mich mit einem vcrpsuschten Dasein aussöhnen und mir auf neuer Grundlage ein besseres, reicheres Leben aufbauen lernte. Daß ich hier in Reinswaldau als Einsiedler Hausen und geduldig abwarte» kann, ob mir das Schicksal jemals die innerlich verwandte Menschcnscele zuführen wird, deren ich zu meinem Glücke bedarf, ist einzig die Frucht meiner Beschäftigung mit den Werken Ihres Vaters,"
„Wie froh würde es ihn gemacht haben, das zu hören! Aber man muß sich freilich ,in Ihrer bevorzugten Lage befinden, Herr Rasmussen, um sein Leben so ganz »ach dem eigenen Willen gestalten zu können,"
„Ich leugne nicht, daß ich mich aus diesem Grunde meiner materiellen Unabhängigkeit freue. Werden Sie mir auch jetzt noch zürnen, wenn ich wiederhole, daß ich Sie mir nur mit einer schmerzlichen Empfindung da drüben aus Klein-Ellbach in der Abhängigkeit von meinem Schwager und vielleicht gar von diesem Fräulein v, Ostrowski denken kann? Sie ist ja, wie ich höre, noch immer auf dem Schlosse und sängt bereits an, die Rolle der neuen Herrin zu spielen," Es war ein herber und feindseliger Klang in seinen letzten Worten gewesen, und Margarete fühlte ei» Bedürfnis, die Abwesende zu verteidigen, „Ein so großes Hauswesen hätte wohl kauni die iveibliche Leitung lang entbehren können, Herr Rasmussen, Fräulein v, Ostrowski bringt sicherlich ein Opfer, indem sic sich dieser Aufgabe unterzieht,"
„Ein Opfer? Ah, Sie sind keine Mciischenkennerüi, Fräulein Othmar, wenn Sic das im Ernst glauben können. Ich bin mit der schönen Baronesse Iadwiga oft genug in Berührung gekommen und habe hinlänglich Gelegenheit gehabt, sie zu beobachten, um zu wissen, was ich von ihrer Opferwilligkeit zu halten habe. Es gibt lei» selbstsüchtigeres und kein berechnenderes Geschöpf als sie. Wenn sie sich freiwillig in die langweilige Einsamkeit von Klein-Ellbach verbannt hat, so weiß sic auch sehr genau, warum sie cs tut. Sie wird sich, wenn sie eines Tages ihren Zweck erreicht hat, doppelt und dreifach schadlos halten für alles, was sie jetzt entbehren muß,"
Margarete halte ihn unterbrechen wollen, aber sie fand in ihrer peinlichen Verlegenheit nicht das rechte Wort, Vielleicht war ja das alles, was er da sagte, mir der Ausdruck ihrer eigenen Gedanken, aber daß sic nun auch einen anderen von den Plänen der schönen Baronesse und von ihrer nahen oder fernen Verwirklichung wie von etwas anz Gewissem sprechen hörte, ging ihr wie ein Stich nrch das Herz, Sic hätte vor sich selber kaum eine Erklärung gehabt für diesen säst körperlichen Schnierz; sie wußte nur, daß nichts Weiteres mehr über das Thema gesprochen werden dürfe, wenn ihr nicht der schöne und harnionische Eindruck dieser Stunde ans das grausamste vergällt werden sollte,
„Wäre es nun nicht doch Zeit, Dietlinde zu wecken?" fragte sie,
'Ter Oberleutnant war feinfühlig genug, ihre Absicht zu verstehen, „Lassen Die sie immerhin noch ei» Viertele stündchen schlafen," bat er, „Ich hätte so gerne noch etwas über die Persönlichkeit Ihres Vaters erfahren, und wer weiß, wann sich mir wieder eine so günstige tfkelegeuheit dazu bietet wie eben jetzt,"
Da es ftir Margarete keinen lieberen Gesprächsstoff gab als die Person ihres Vaters, halte sie bald vergessen, was eben so häßlich wie ein widriger Mißton in ihrer Seele angcklungen war, Tie von dem Oberleutnant erbetene Viertelstunde war schon längst überschritte», als der Stundenschlag der Kaminuhr sic nachdrücklich au ihre Pflicht gemahnte, und nun konnte Rasmussen nicht wohl den Versuch machen, sie noch länger zu halten.
Doch bevor er sie an das Lager Tietlindes treten nioß, sagte er: „Es wäre ein törichtes Unterfangen, wenn ich


