Kinderseele.
Nomau von Rein hold Ortmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Der Oberleutnant war sofort aufgestanden, als hätte er nur noch auf diese Unterstützung der kindlichen Bitte gewartet. „Aber ich bi» durchaus nicht der Meister, für den Sie mich nach Dietlindes wohlwollendein Urteil halte» könntet', mein Fräulein!" sagte er. „Sie werden mir also eine nachsichtige Richterin sein müssen."
Am Margaretes Lippen lag die Erwiderung, daß er ja nicht für sie spielen solle: aber sie lieh sie unausgesprochen, weil ihr eben etwas anderes durch den Sinn gegangeir war. Wie in, Kleiii-Ellbacher Schlosse seit dem Tode der .Herrin keine Taste angeschlagen werden durfte, so mochte anch der trauernde Bruder der Berstorbeneti ihre Aufforderung als eine Taktlosigkeit empfunden haben, über die er nur ans weltmännischer Höflichkeit durch freundliche Gewährung hin wegging. Der Gedanke schmerzte sie so, daß sie sich's nicht versagen kounle, ihm Ansdruck zu geben.
Als Rusmussen auf dein Weg zur Tür au ihr vorüber kam, sagte sie halblaut: „Vielleicht habe ich mich wegen einer Ungeschicklichkeit zu entschitldige». Herr Oberleutnant. Sic siicd in Trauer und —"
Aber er zerstreute mit einer verneinenden Gebärde ihre Besorgnisse. „Die Musik ist für mich etwas viel zu hohes und .heiliges, mein Fräulein, als daß ich ihre Ausübung jemals als eine Pietätlosigkeit ansehen könnte. Gerade in den Sluiideu des tiefsten Schmerzes um die Dahcngegangene nehme ich meine Zuflucht immer zu denl geliebten Instrument."
Dietlinde hatte nicht verstehen können, ivas sie sprachen: aber sie mußte irgendein zufällig ausgefangenes Wort nach ihrer Weise gedeutet haben, da sie mit ihrer Hellen Stimme herüberries: „Ja, Fräulein Margarete muß dazu aus dem Klavier spielen, wie die Mama es in Schlanqenbad immer getan hat. Dann ist es noch viel großartiger."
„Das hieße ivoht, Ihrer Güte zu viel zumuien", sagte Rasmussen mit einem fragenden Blick auf das junge Mäd cheu. „Aber es wäre freilich recht hübsch, wenn Sie Dietlindes Wunsch erfüllten."
Margarete hakte bei seiner »origen Erwiderung daran denken müssen, wie oft auch sie nach des Barers Tode ihren leidenschaftlicheii Schmerz an den, nun längst verkauften Flügel hatte in Tönen ausströmen fassen, und sie hatte mit doppeltem Bedauern der Entsagung gedacht, die sie sich jetzt in Klein Etlbacb auferlegen mußte. Darum empfand sie die Aufforderung des Oberleutnants wie eine verführerische Lockung
Ohne glle Ziererei erhob sie sich von ihrem Stuhl. „Ist
das von Ihnen gewühlte Stück nicht allzu schwierig," erwiderte sie, „so will ich es gern versuchen."
Rasmussen öffnete die Tür zum Rebengemach und lud sie durch höfliche Verbeugung ein, vorauszugehen. Margarete sal daß dies das Arbeieszimmer des jungen Hausherrn sein mußte. Aber es mutete sie nicht au wie das Arbeitszimmer eines Offiziers, denn es gab darin weder zu Dekorationsstücken zusammengestellte Waffen noch prahlerische Jagdtrophäen Der größere Teil der Wände ivar durch hohe Biickzergestelle verdeckt, und dazwischen hingen von Meisterhand gemalte Lairdschajte» vonviegend ernsten und melancholischen Charakters An der Fcnsterivand aber stand ein geöffneter Flügel, vor dein Rasmussen jetzt den Klavierstnhl zurechtrückte.
„Bitte — da ist das Notenschrünkche»," sagte er. „Biel- leicht haben Sie die Güte, selbst zu wählen."
Margarete blätterte in den Noteuheften. Jetzt zum ersten Male fühlte sie etwas wie Beklommenheit, und in ihrem .Herzen regte sich die Besorgnis, dqß sie sich hier doch vielleicht nicht so benehine, idle es ihrer untergeordueteiu Stellung zukam. Ohne lange zu suchen, legte sie ein Biolin- konzert, das sie schon einmal bei einer Wohltätigkeitsver- anstaltung degleiiei hatte, auf den Flügel.
Rasmussen warf einen Blick auf de» Titel, und inte ein Ausdruck der Freude ging es über sein ernstes Gesicht. „Darf ich Ihnen verraten, daß gerade dies mein Lieblings- stück ist? Ader es stellt an den Begleiter fast noch höhere Ansprüche als an den Biosinspieler, und ich bin Ihnen sehr dankbar, daß ^ie sich der Mühe unterziehen wollen."
Er nahm die Geige aus dem Kasten, und schon, während er bic Saiten prüfte, Hörle Margarete, daß es ein Instrument von seltener Schönheit sein müsse. Mit dem ersten Ton, der ihr Ohr erreichte, ivar auch alle ihre Befangenheit wieder verschwunden, und als sie die Finger zum Borspiel über die Tasten des wundervollen Flügels gleiten ließ, machte die Freude an der gesiebten, lang entbehrten Kunstübung sie alles andere vergessen. Sie spielte so beseel-t, als hätte es gegolten, ein hundertköpfiiges Publikum zur Bewunderung lrinzureißen: ihr Herz aber ivurde weit von dem Entzücken über die hohe Kunst ihres Partners, der ohne atlen Zweifel viel mehr war als ein begabter Dilettant.
Kaum jemals wohl mochte siir das bloße Ergötzen eines Kindes mit so viel Hingebung und heiliger Begeisterung musiziert worden sein, als es hier geschah, und als die umfangreiche Komposition trotz ihrer anßerordentlicheii Schwierigkeiten ohne die geringste Schivankung und ohne die leiseste Mißhelligkeit zwischen der Begleitung und dem dominierenden Instrument zu Ende geführt war, begegneten sich zwei wie in seliger Weltentrücktheit leuchtende Angenpaare.
„Ich danke Ihnen, mein Fräulein," sagte Rasmussen mit merkwürdig bewegt klingender Stimme, „danke Ihnen von ganzem Herzen. Sie haben einem einsamen Manne eine glückselige halbe Stunde geschenkt."


