Ausgabe 
3.8.1914
 
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!S a gähnte jetzt schon zum dritten Mal«. Und das so vernehmlich, daß sich die Gestalt, die schon eine eile in ihrer Näh« aus einem umgekippten Fischer­pot gesessen hatte, erschrocken umblickte und mit sehr vor- MrfSvollen Äugen auf den Störenfried seiner träume­rischen Betrachtungen sah.

Gräßlich, gleich so rot zu werden," dachte Meta, indem staden hochgcschobenen Rock hastig über die Knöchel zerrte, o kommt denn der init einem Male her! Der war doch crn noch nicht hier?" Und sie legte dabei sehr ordnungs- die Hand über den Mund, weil sie zum vierten Male neu mußte.

Da lachte der Mann. Ein ganz ruppiges, herausfordern­des Lachen. Zog die weiße Seglermütze von den braunen Haaren und verbeugte sich.

Gnädige Frau sind ja schon auf dem besten Wege, sich zu erholen," meinte er,denn die Müdigkeit hier am Strande macht stark. . . ."

Gnädige Frau, sagte er, durchfuhr es Meta überrascht

. aha... darum bändelt der gute Mann auch so mir nichts, ir nichts mit mir an! Na... lassen wir ihn in dem Glauben,

aS ist mal interessant und sehr ungefährlich...

Sie nickte sehr hoheitsvoll und würdevoll mit dem feschen, weißen Heinenhut und lachte auch.

Das will ia niein Mann gerade, daß ich stark wieder heimkomme," log sie mutig darauf los.

,Meine Frau auch," meinte er, unwillkürlich näher an ihre Sandburg tretend.Gestatten, Gnädigste... Hellberg ... Fritz Hellberg!"

Sie nickte und rutschte, da er Miene machte, sich neben ihr im Sande zu vostieren, ein Stückchen zur Seite. Besser ji» verheirateter Strandgenosse wie gar keiner, dachte sie, als sie das hübsche, lachende Gesicht sqh.

Sie sind wohl heute erst hier in diesem Weltbade an­gekommen?"

Er schüttelte den Kopf.

Leider wohne ich hier gar nicht in diesem famosen Winkel," sagte er bedauernd.Drüben im nächsten Bade­ort, der schon ein Kurhaus hat und zweimal bte Woche Künstlerkonzert! Und das gemeinsame Baden wie hier ist verboten, links eine feudale Badeanstalt sttr Männlein, rechts eine noch feudalere für Weiblein. Hätte ich aber vorher ge­wußt, wieviel ungenierter und netter eS hier ist, wäre ich sicher eine Station weiter mit dem Biinmclbähnchen gefahren Und hätte mich hier niedergelassen."

Das können Sie doch n o ch," sagte Meta.

Er zuckte mit den Achseln.

Das sagen Sic so, gnädige Frau! Ich habe mein Zimmer gleich für drei Wochen gemietet, und hier soll alles Bessere längst fort sein, erzählte mir der Äadeotrektor. Na, da komme ich eben täglich her, es ist ja nur eine gute halbe Stunde Wegs mit meinen langen Beinen. Sind Sie schon mal oben durch den Wald am Leuchtturm entlang gegangen, gnädige Frau ? Das ist der nächste Weg."

Meta schüttelte den Kopf.

Ich bin erst drei Tage hier und vom Strande noch gar nicht fortgekominen. Aber, wenn der Weg so hübsch ist"

Er nickte eifrig.

Ich zeige Ihnen den Weg, gnädige Frau, das heißt, wenn Sic keinen besseren Führer haben oder wollen____"

Und im Stillen dachte er: Wie kann eine Frau so un­glaublich jung und mädchenhaft aussehn! Und so schlank.

Meta hatte das Gähnen vollständig ausgcgeben. Bor Vergnügen über diesen wie vom Himmel gefallenen Wander- kämrraden warf sie ganze Hände voll Sand hoch, so daß die Körnchen wie Silberregen durch die Sonne glitten.

Au/' meinte er da,aber nicht in meine Augen, gnädige Fra», wenn sie gerade so was Schönes zu sehen bekommen haben"

Sic ließ erschrocken die Hände gleiten und blickte sich um.

Wo denn, was denn?"

Aber da lacht« er schon wieder so ruppig und nett.

Etwas, was Sie selbst leider nicht sehn augenblicklich."

Und er starrte so begeistert in das junge, frohe Gesicht unter den blonden Flechten, daß sich die Wangen darin noch rosenroter färbten. *

Das war am ersten Tage ihrer Bekanntschaft gewesen. Am zwanzigsten Tage, dem viele wunderschöne voran eganaen waren, die man mit Segelfahrten, Wald uiib )tranopartien und gemeinsamem Schwimmen im Familien- ade von Horstcnau ausgefüllt hatte, waren sie so gute

Kameraden geworden, daß sie heimlich gegenseitig die in der Ferne harrende Ehehälfte beneideten, die nun zum Empfang der Neugestärkten rüstete.

Seltsam, wie wenig man gegenseitig davon gesprochen! Gatte und Gattin, Haus und Familie waren wie abgetan ge­wesen in dieser köstlichen Zeit der gemeinsamen Freuden, die blaue See, die geräucherten Flundern, und das syste­matische Bräunen der Haut bildeten Gesprächsstoffe genug. Man hatte unbegrenzte Hochachtung voreinander, und es war die ganze Zeit nur bis zum Händedruck, allenfalls zum Handkuß gekommen. Bis auf den heutigen letzten Tag

Aus halbem Wege, wie so oft, waren sich beide durch den dicken Wald am Leuchiturm vorbei entgegen gegangen, und nun, mitten in einer kreisrunden Lichtung, in oer zwischen Farrenstauden rote Erdbeeren glühten, hatte man sich ge­funden und stand stumm und erschrocken eine Weile auf der­selben Stell«.

Schrecklich," dachte Meta, von dem unerklärlichen Zip> tern ihres Herzens beunruhigt,wenn alles nur aus Lllge^ rei aufgebaut ist. Was geben würde ich drum, wenn er mas nichtgnädige Frau" zu mir sagte." Aber ihm den Irrtum mrsklären, nein, das ging über ihre Kraft und Übe< ihr Ehrgefühl.

Gräßlich," dachte er, ganz verstört in das vertraut gewordene Frauenantlitz starrend,daß sowas schon «ist andrer für sich eingefangen hat. Da hat man sich und seinen leichtsinnigen Hang nun mit der unverdienten Würde eines Ehemannes und Hausvaters gepanzert, und dabet um gründlicher und schneller sein Herz verloren wie sonst iM Urlaub, wenn man mit den jungen Mädels herumflirtete, die alle noch zu haben waren...."

Aber sie durfte das nicht wissen, gar nicht ansehn durste er sie so, wie es jetzt sicher in seinen Äugen loderte, das war er ihrer reinen Freundschaft und ihrem Vertrauen schul­dig. Und darum bückte er sich in seiner Verzweiflung nach der ersten, besten Erdbeere zu seinen Füßen, und ...au"... sagten beide junge Menschen wie aus einem Munde, indem sic sich die heiße», aneinandcrgeprallten Köpfe rieben.

Meta batte die Erdbeere auch pflücken wollen.

Und da,... als er ihre hilflosen und traurigen Augen sah, wurde er ganz weich und zerknirscht.

Gnädige Frau, ... ich bin ein ganz erbärmlicher Lügner und Aufschneider," sagte er ehrlich und impulsiv. Und'ich kann nicht in die Welt hinaus und von Fhncn fort­fahren, ehe Sie mich nicht als den kennen, der ich wirklich bin. Der Name bleibt ja derselbe, und meine Stellung als kaiserlich-königlicher Postassistent in der Provinz Branden­burg auch, bloß die Frau, von der ich Ihnen in der ersten Zeit vorgcschwindelt, die existiert leider noch nicht, um mir den Kops znrechtznsetzen. Ich bin ganz unbeweibt ... wahr­haftig, ... aber nein,... fortiaufen brauchen Sie wahrhaftig deswegen noch nicht vor mir, wie vor einem Räuber. Sie haben ja Schuld an dem Quatsch, ... jawohl, ... als Sit sofort von Ihrem Manne sprachen, dachte ich, ... na, dann hast du eben auch eine Frau, das klappt besser____"

Er schwieg und hielt sie regelrecht an ihrem weißen Kleide fest, weil sie tatsächlich von ihm fortlausen wollte. Und am ganzen Körper zitterte sie ,und in das Lachen, das eben seltsam hell in ihre vorhin so abschiedswehen Augen gekommen, floß ganz unbewußt und dick eine Träne____

Ich . . ich habe doch auch . . ge . . geschwindelt," . . , stotterte sie,i.. ich bin doch auch gar .. nicht.. ver.. ver.."

Sie sprach aber das Wort nicht aus, weil er cs schon herausgeschrieen hatte wie ein Wilder.

Dann ... ja dann sind wir ja quitt," jauchzte er,... ja dann, . . . aber das ist ja ein regelrechter Glückssakl. gnädige . . .," er stockte, sah ihr heißes Gesicht, fühlte das Zucken ihrer Hände und griff blindlings zu.

Mädel,... Gott sei Dank,... das tut gu und fühlen zu können..."

Da widerstrebte sie nicht mehr. Mitten in dem Farrcn- grund über den roten, leuchtenden Erdbeeren ließ sie sich von ihm küssen. _

Lisel.

SklM von Margarete W o l f f - M e d k t.

Eines Tages im Sommer, als es sich im Gärtchen hinter dem Hause so schön spielen ließ, hatte man Lisel kurzerhand von ihrer Domäne, dem hellen Sandhaufen, hcruntcrgeholt, sie geseift und ihre zaufeligen Daare gebürstet, um sie dann ins allerfernske weihe Kleidchen zu stecken. Darauf unternnes Mama sic noch einmal.

das tut gut, sowas sagen