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Nqmen nicht mehr genannt, seitdem Jadwiga einmal gesagt hatte, her Onkel sei wieder abgereist.
Die freudige Rührung des Mannes schien kaum geringes. Er fand die herzlichsten, liebevollsten Worte und wurde nicht müde, die Wangen der Kleinen zu streicheln. Ohne der Erzieherin sein 'Gesicht zuzuwenden, sagte er endlich tri ziemlich bestimmt und gebieterisch klingendem Tone: „Die Kleine muß selbstverständlich so schnell als möglich in ein tvarnies Bett. Mein Auto hält nur ein paar Schritte von hier, und wir können mein Haus in zehn Minuten erreicht haben. Bis nach Klcin-Ellbach würden wir mehr als die vierfache Zeit brauchen, denn ich kann mit dem Automobil picht durch den Wald und müßte einen großen Umweg Machen. Ich nehme an, daß Sie gegen meinen Vorschlag nichts einzuwenden haben, und daß Sie Dietlinde begleiten."
„Gewiß, Herr Oberleutnant. Auch ich bin der Meinung, daß die Sorge für Dietlindes Gesundheit jetzt aUen anderen Rücksichten vorangehen muß."
Sie hatte es mit ruhiger Freundlichkeit gesagt, und ohne sich durch die Formlosigkeit seines bisherigen Benehmens verletzt »N zeigen. In ihrer Ausdrucksweise aber oder auch vielleicht nur in dem Klang ihrer Stimme mußte etwas ge- esen sein, das Herbert Rasmussen überraschte. Zum ersten _ iale sah er ihr voll ins Gesicht, Md jj.» demselben vlugenblick ttuch lüstete er mit höflicher Verneigung seinen Hut.
B ,,Jch brauche mich, wie ich Ihren Worten entnehme, nicht t vvrzustellen. Aber wenn -ich mir die Frage gestatte» te, mein Fräulein, mit wem ich —"
./Ich heiße Othmar und bin Dietlindes Erzieherin. Wir wollen nn» keine Zeit mehr verlieren — nicht wahr?"
RaSmussen hob die Kleine aus seinen lenken Arm und schritt der Stelle zu, wo sein Kraftwagen halt gemacht hatte, weil der eigentliche Uferweg für ihn kaum passierbar war. Mjt wachsender Verlegenheit mutzte Margarete, die ihm folgte, das Geplauder des plötzlich ganz verwandelten Kindes anhören.
„Hast du denn Fräulein Margarete noch gar nicht gekannt, Onkel Herbert?" fragte sie. ,0y, sie ist so gut! Und ich habe sie noch lieber als Joseph« — viel, viel lieber! Und ich würde jetzt ganz gewiß tot sein, wenn sie nicht mit mir aus dent Schljtten gesprungen wäre. Mer tm mußt sorgen, OsnelHerbert, daß sie auch gleich in ein warmes Bett kommt. Sie ist ja auch in den tiefen Schnee gefallen und gewiß noch nasser als ich. Wen» du nicht so viel Betten hast, will ich Ueoer in keines, denn Fräulein Margarete soll nicht krank werden. Du mußt anfpassen, daß sie gesund bleibt."
„Ich werde sicherlich alles tun, was in meinen Kräften steht," versprach er, und! Margarete hörte aus seiner Stimme, daß er lächelte. „So, da haben wir den Wagen. — Vorwärts, Sielyert — mit der zweiten Geschwindigkeit! — Darf ich bittest, mein Fräulein! Ich setze mich zUM Chauffeur."
13. Kapitel.
Gine halbe Stunde nach ihrer Ankunft in der Billa Ras- mussen durften alle Beteiligten die beruhigende Gewißheit hegen, haß der Unfall so glimpflich abgelaufen war, als man sich's nur wünschen konnte. Dietlinde lag, bis zum Hals post weichen, durchwärmten Decken eingehüllt, auf einem Ruhebett im Salon, denn sie hatte durchaus nicht in ein rich- lfges Bett wollen, nachdem sie erkannt hatte, daß alle ihre Bstten Margarete nicht bewegen würden, cs ihr nachzutun. Der durchnäßte Mantel der Erzieherin hing zum Trocknen sll der Küche, und sie hatte nur weniger Minute» bedurft, hm mit Hilfe der Wirtschafterin die Spuren des Gescheh- silsscs ans ihrer Kleidung zu tilgen. Nur ihr feuchtes Haar gab noch Kunde davon; aber seine prächtige Fülle wurde dadurch, daß es sich enger an die Schläfen gelegt hatte, nur
S o augenfälliger osseubar, und sic hatte gewiß niemals er ausgesehen als in ihrer begreiflichen Freude über den lichen Ausgang des bedenklichen Abenteuers.
Herberl Rasmusscii war diskret verschwunden, nachdem er seine Schützlinge der Fürsorge seiner Wirtschafterin anvertraut hatte, und erst eine Viertelstunde später hatte er dtzrch die alle Dame ansragcn lassen, ob er sich persönlich Überzeugen dürfe, daß alles Erforderliche für seine kleine Nichte geschehen sei. Vergnügt hatte ihn Dietlinde begrüßt, und sie lvürde gewiß todunglücklich gewesen sein, wenn er Miene geniacht hätte, sie wieder zu verlassen.
Aber der Oberleutnant schien eine derartige Absicht gar nicht zu hegen. Gleich nach seinem Eintritt erschien ein Diener, der Tee für Dietlinde und ein Glas dunkelrotcn,
würzig duftenden Glühweins für Margarete brachte. Als sie das starke Getränk dankend ablehnte, ließ er nicht nach, in sie zu dringen, bis sie endlich daran genippt hatte. Und sie wußte chm nun inp stillen doch Dank für das köstliche, belebende Äärmcgefühl, das ihren Körper dnrchströmte.
Daß sie in die Annahme der Einladung gewilligt haste, beunruhigte sie nicht tm geringsten. Es hatte ihr natürlich nicht verborgen bleiben können, daß zwischen Klein Ellbachi und der Billa RaSmussen keinerlei Verkehr bestand, und gelegentliche Andeutungen Joscphas hatten sie wohl auch das Vorhandensein eines tiefer gehenden Zerwürfnisses vermuten lassen: aber niemand hatte ihr verboten, eine Berührung Dietlindes mit dem Bruder ihrer Mutter zu verhindern. Selbst wenn es geschehen Iväre, würde sie vermutlich ein derartiges Verbot unter den gegebenen Umständen unbedenklich übertrete» haben. Für sie gab es keine heiligeren Pflichten als die gegen das ihrer Obhut anvertraute Kind.
Auch daß sie als junges Mädchen die Gastfreundschaft eines ihr völlig unbekannten ledigen Mannes genoß, bereitere ihr keine Verlegenheit. Sie war ja nicht um ihrer selbst willest hierher gekommen, sondern nur tu ihrer Eigenschaft als Dietlindes Hüterin. Sie hätte sich auch durch ihre Stellung hinlänglich gegen jede Mißdeutung geschützt gefühlt, wen» der Gedanke an die Möglichkeit solcher Mißdeutung überhaupt in ihr aufgestiegen wäre.
Während Rasmussen mit dem Kinde plauderte, sah sie an einem Fenster des mit erlesenem Geschmack, aber ohne die steife, prunkhafte Vornehmheit der Klein Ellbncher Repräsentationsräume ausgestatteten Salons, nur mit halbem Ohr auf das Gespräch der beiden hörend, und ohne zu bemerken, daß der Blick des Oberleutnants immer wieder zu ihr herübcrflog. Ohne sich Rechenschaft über die Ursache zu geben, empfand sie dies kleine Erlebnis als etwas sehr Schönes, als einen heiteren Sonnenblick inmitten der grauen Düsterheit eintöniger, bedrückender Tage. In dieser Umgebung konnte sie freier atmen als unter dem Dache des Klcist- Ellbacher Schlosses. Hier fühlte sic nichts von den nnheim- lichen Schauern des Todes, die noch intmter alle Räume des alten Herrenhauses zu erfüllen schienen.
Daß der Herr des Hauses sich mit ihr beschäftige, erwartete sie so wenig, als sie es wünschte, und sie fuhr fast erschrocken aus, als sie ihren Namen hörte.
„Ja, du darfst es mir glauben, Onkel Herbert," hatte Dietlinde gesagt, „Fräulein Margarete lvürde ebenso große Freude daran haben wie ich. — Ach, liebes, liebes Fräulein, bitten Sie den Onkel doch auch ein wenig, daß er es tut!"
„Um was sollte ich Herr» Rasmussen bitten?"
„Darum, daß er uns auf seiner Violine etwas vorspiclt. Er kqnn es ja so schön — so wunderschön!"
So flehentlich klang der Appell der Kleinen, daß Margarete wirklich den Mut aufbrachte, zu sagen: „Möchten Sie Dita nicht die Freude machen, Herr Oberleutnant? Sie hat eine so schivärmerische Liebe für die Musik."
(Fortsetzung tolgbl
Quitt.
Eine lustige Sommergeschichte von Else Krassi. - Sie lag am Strande und gähnte. War das langweilig! Der heiße Sand, die buddelnden Menschen, die gleichmäßig blaue, kaum bewegte Sec und der einschläfernde Wellenschlag. Nicht einmal Kurmusik oder Tanz irgendwo, keine Tennisplätze, keine luxuriöse» Toiletten oder gar moderne Men-> scheu... nein ... nie wieder hörte sic aus den Rat ihrer Kolleginnen, wenn sie ihre Urlaubsreife im Sommer machte. Was hatte die Trude Richter gesagt?
Süß, himmlisch wäre dieses .Horsteua», malerisch schön und wimmele von Herren, die Stranderoberungen machen wollen und natürliche, frische Mädels den ausgcputztcn Damen der großen Seebäder vorziehcn----
Meta hatte noch nichts Süßes, Himmlisches oder gar Männliches gefunden, das aus Stranderobernng ausgina. Es war schrecklich, daß die Männer sich so vor dem Heix raten und Eingefangcnwerden fürchtete»! Sie müßten eH doch in der heutigen modernen Zeit endlich schon wissest, daß die Mädchen gar nicht so sehr aus das Geheiratetwerden erpicht waren, daß sie meistenteils ihren Beruf und ihre Selbständigkeit hatten und in den Erholunasserien im SoM> mer nur mal einen netten Wanderkaineraoen, einen starken Beschützer in dem Manne suchten, als imtner gleich einen Heiratskandidatvn!


