Kinderseele.
Bfomatt tmt Reinhold Dtttnantt. (Nachdri«k verboten) (Fortsetzung)
Auf der Landstraße wäre die Situation für die Insassinnen des leichten Fahrzeuges wohl nicht zu bedenklich gewesen, hier aber drohte ihnen in jedem Augenblick die Ge-
fahr. daß das zügellose Pferd geradeswegs in den See hin- rinlief, dessen steiler Userhang an den meisten Stellen eine beträchtliche Höhe hatte, Margarete hatte diese Gefahr sofort
I Erkannt, und sie hatte ihre Geistesgegenwart nicht verloren, So schnell es geschehen konnte, befreite sie Dietlinde und ich aus den Decken und Fnßsäcken, mit denen sie sich gegen >te Kälte geschützt hatten. Dann, als sie ihre Glieder frei ’t«, schlang sie ihren Arm um das zitternde Kind, drückte cjt an sich und sprang mit ihm mitten in eine mächtige Schneewehe hinein, die der Wind an einer Wegbiegnng uufgehänft hatte.
Es war nicht anders, als wäre sie in einen hochgctürm- scn Kaufen tveicher Federn gefallen. Der nachgebende Schnee atte sie und ihren Schützling vollständig eingehüllt, sie fühlte den Ohren,
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und es kostete sie Mühe, sich bem Hausen wieder herauszuarbeiten. Aber sie war unversehrt geblieben, und sie durfte sicher sein, daß auch Dietlinde, die sie im Fallen durch ihren eigenen Körper geschützt hatte, ohile Verletzung bavongekommen war.
Daß sie sehr wohl daran getan hatte, den Sprung zu wagen, und daß es keine Minute zu früh geschehen war, bewiesen ihr der hundert Schritte weiter auf der Seite liegende und allem Anschein nach erheblich beschädigte Schlitten und das sich am Boden wälzende Pferd, dessen ungestüme Versuche. wieder aus die Beine zu kommen, durch das Riemen- g vereitelt wurde» Wahrscheinlich hatte sich eine der littenkusen hinter einem Felsstück oder einem Baum- . umps verlangen, und der heftige Ruck des plötzlich sest- Hehaltenen Fahrzeuges hatte das Tier zu Fall gebracht. Atemlos kam jetzt der Kutscher heran, Margarete beeilte sich, ihn zu beruhigen,
„Der kleinen Baronesse und mir ist nichts geschehen," rief sie ihm zu, „Sorgen Sie nur für das Pferd!"
Dietlinde hatte keinen Laut von sich gegeben, sondern sich nur mit allen Kräften an die junge Beschützerin geklammert, und es schien, als ob sie sich noch immer nicht entschließen könne, die Arme von dem Körper Margaretes zu lösen, Sie war gleich der Erzieherin von oben bis unten mit ~ viee bedeckt, und ohne aus den Zustand ihrer eigenen
ötlette ztt achten, bemithte sich Näargarete, die Kleine not- " cfttg zu säubern, und tscher rnzwis'
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sie dann «zu her Stelle, wo der zitternde Pferd glücklich auf
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wies. daß er den Znuschenfall damit noch nicht als abgetan ansay, {
„Im dem Schlitten bring' ich Sie nicht mach dem Schlosse zurück, Fräulein," sagte er. „Die eine Kufe ist gebrochen, und das Geschirr ist beinahe ganz hin. Was soll ich bloß anfangen?"
Margarete war bestürzt, denn sie fürchtete für die Gesundheit des vor Frost zitternden Kindes. „Wie weit ist's bis zum nächste» Hause?" fragte sie,
„Zu Fuß ist's bis an die ersten Häuser von Reinswaldau immer noch eine gute halbe Stunde, Fräulein, Das Fischer- häuSchen liegt ja auf halbem Weg, Aber da drinnen ist jetzt kein Mensch,"
„Kömmt nicht ein Automobil? Glauben Sie, daß es hier in der Nähe vorüberfahren wird^"
Der Knlscher hatte ausaehorcht, „Das kann nur das Auto vom Herrn Oberleutnant sein," meinte er, „Wenn ich bis an den Durchschlag laufe, fang' ichs noch ab,"
Er wartete nicht erst auf eine Ermächtigung, soildern rannte in der Richtung davon, aus der das Geräusch des Kraftwagens vernehmlich getvorden war, Margarete streift« dem Kinde das durchnäßte Mäntelchen ab und wickelte eS in eine der Decken,
Sie war eben damit fertig geworden, als sie den Kutscher in Begleitung eines Herrn daherkommen sah, der sich <nF einen Stock stützte, und dessen Gebrechen bei der Hast, mit der er vorwärts strebte, ziemlich augenfällig zutage trat. Sie erkannte in ihm sofort den Oberleutnant Rasmussen wieder, den sie ja bei der Beisetzung gesehen hatte.
Aber auch Dietlinde hatte ihn erkanitt, und sein Anblick mußte sie mit der größten Freude erfüllen, denn sie suckle sich ungestüm aus der hindernden Decke zu befreien, um ihm entgegenzueileit. „Onkel Herbert!" rief sie. „Oh, Onkel Herbert!"
Schrecken wie Kältegefühl waren utit einem Male ganz und gar vergessen.
„Dita! Meine liebe, kleine Dita!" grüßte auch er schon von weitem, „Auf solche Art muß der Zufall uns endlich
zusammensühren! — Sie hat doch keinen Schade«! erlitten, Fräulein?"
Die Frage war rasch und besorgt au die noch immer ganz mit Schnee bestäubte Margarete gerichtet, die er in seiner Aufregung noch nicht einmal gegrüßt hatte. Er sah sie auch gar nicht an, sondern beschäftigte sich, nachdem sie ihm eine kurze, beruhigende Antwort gegeben, nur mit dem Kinde, das unler Lachen und Weinen beide Aermchen um seinen Hals geschlungen und das Gesicht zärtlich an seine Wange geschmiegt hatte.
Es war eine Wiedersehensfreude, deren geradezu stürmischer Charakter Margarete in lebhaftes Erstaunen versetzte, denn wenn auch Dietlinde in den Tagen ihrer Krankheit häufig nach dem Onkel gefragt hatte und sehr traur«g darüber gewesen war, daß er nicht kam, hatte sie doch seinen


