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Eine schmale, winzige Hand streckte sich ihm schüchtern entgegen. „Adieu, Papa!"
Er sah wie in Ueberraschung auf das Kind herab, dann beugte er sich nieder und küßte es auf die Stirn. „Adieu, mein Liebling — und Glück auf die Fahrt!"
Als sich die Tür hinter der Kleinen geschlossen hatte, näherte er sich dem jungen Mädchen. „Schon seit gestern gehe ich mit dem Vorsatz herum, Fräulein Othmar, Ihnen bei erster Gelegenheit zu danken. Und eigentlich bin ich nur deshalb hierher gekommen."
„Mir zu danken, Herr Baron? Wosür denn?"
„Dafür, daß ich mein Kind gestern habe lachen hören, so hell und sröhlich lachen, wie ich's nie für möglich gehalten hätte. Ich stand am Bibliothekfenster, als Sie und Dietlinde sich mit Schneeballen warfen. Wenn ich ein König-
e zu verschenken gehabt hätte — ich glaube, in jenem enblick hätte ich's Ihnen geschenkt."
„Da hätten Belohnung und Verdienst wohl nicht ganz im rechten Verhältnis gestanden. Ein Kind zum Lachen zu bringen, indem man sich ebenfalls zum Kinde macht, ist keine große Kunst."
„Wenn es keine große Kunst ist, muß ich mich um so Mehr darüber wundern, daß noch keine Ihrer Vorgängerinnen sich daraus verstand. Ich war bis gestern fest überzeugt, daß Dietlinde überhaupt nicht lachen könne, wie andere KInoer lachen."
„Das hing wohl mit ihrem körperlichen Zustande zusammen. Josephs sagt, es sei ihr kaum jemals so gut gegangen wie jetzt."
„Natürlich bin ich auch dafür in Ihrer Schuld." „Für die Besserung in Dietlindes Befinden? Das kann kaum Ihr Ernst sein, Herr Baron."
„Und warum nicht? Haben Sie nicht das noch größere Wunder verrichtet, der Kleinen ihre Scheu vor mir wenig- tens bis zu einem gewissen Grade abzugewöhnen? Ich habe :echt Wohl bemerkt, daß es auf einen Mnk von Ihnen geschah. als sie mir vorhin die Hand gab. Auch wenn es nur Dressur sein sollte, weiß ich Ihnen Dank dafür."
Margaretes Gesicht wurde ernst. „Ich bitte um Verzeihung, Htzrr von Bardeleben, aber das Wort höre ich nicht arrn. Sie haben mich, wie ich denke, nicht engagiert, um Ihr Töchterchen zu dressieren."
„Habe ich Sie gekränkt? Das war meine Absicht nicht. Niemand aus der Welt möchte ich so ungern wehe tun, wie gerat»? Ihnen. Aber in bezug auf Dietlindes Gefühle für Mich bin ich etwas mißtrauisch. Ich kann die Stunde nicht hertzessen, da mein bloßer Anblick hinreichtc, sie in Verzweiflung zu versetzen."
„Damals war sie krank und aufgeregt. Sie dürfen dem Kinde das nicht nachtragen."
„Ich denke nicht daran. Es kommt mir nur immer wieder in den Sinn, wenn ich sie vor mir sehe. Und etwas
K l dem, was damals so leidenschaftlich zum Ausbruch kam, ich noch immer tn ihren Augen."
Die Erzieherin schwieg, und Bardelebens Brauen zogen sich finster zusammen.
„Nun — warum widersprechen Sie mir nicht? Sie, die Sie das Gemüt dieses Kindes doch jedenfalls besser kennen als sonst jemand hier im Hause? Weil Sie eine zu aufrichtige Natur sind, um mich aus Liebenswürdigkeit täuschen zu wollen — nicht wahr? Es wäre mir auch leid gewesen, wenn Sie's getan hätten, denn es würde schlecht ju der Vorstellung passen, die ich von Ihnen habe. Nur sollten Sie in der Ehrlichkeit noch einen Schritt weiter gehen Und sollten mir offen sagen, worauf sich Dietlindes Angst vor mir oder ihre Abneigung gegen mich eigentlich gründen."
„Von einer Abneigung weiß ich nichts, und wenn die Kleine wirklich eine gewisse Scheu vor Ihnen empfindet, so könnten Sie sie gewiß leicht genug überwinden, wenn Sie es ernstlich wollten."
„Bin ich nicht immer freundlich gegen das Kind? Haben Sic jemals bemerkt, daß ich es rauh und abstoßend behandle?"
„Nein. Aber bei einem so empfindsamen Wesen ist das vielleicht nicht genug. Dietlinde besitzt noch mehr als andere Kinder die Gabe, in den Gesichtern der Menschen zu lesen. Und —"
„Und in dem meinigen steht nichts geschrieben, das ein anderes menschliches Wesen mit besonderer Zuneigung erfüllen könnte," kam Aardeleben ihrer stockenden Rede zu
E ilfe. „Das wollen Sie doch ungefähr sagen, Fräulein
thmar?"
„NichÜ ganz so. Aber ich kann mich da wohl kaum verständlich machen, ohne die mir gezogenen Schranken zu überschreiten."
„Sie brauchen in dieser Hinsicht so ängstlich nicht zu sein. Aber ich will Ihnen die Verlegenheit ersparen. Was Sie meinen, verstehe ich tzanz gut. Und Sie werden wohl recht haben. Aber da bin tch an den Grenzen meines Beck- mögens. Ich kann nicht Gesichter schneiden und den aufgeräumten Gesellschafter spielen, um meiner Umgebung zu gefallen. Um diesen Preis also werde ich mir Dietlindes Zutrauen ebensowenig erkaufen können, wie etwa das Ihre, Fräulein Othmar."
Sie antwortete ihm nicht. Nach einer kleinen Pause sagte sie dann: „Gestatten Sie, Herr Baron, daß ich jetzt nach oer Kleinen sehe?"
„Bitte!"
Mer er starrte noch geraume Zeit auf die Tür, durch die sie sich entfernt hatte. Und als er sich dann erinnerte, daß er ja noch den Fuchs für Jadwiga satteln lassen müsse, verließ er das Zimmer mit jener trotzigen Miene, die für seine Untergebenen seit Wochen ein Grund war, ihm mW) Möglichkeit aus dem Wege zu gehen.
* 1 A!uf Dietlindes Bitte hatte der Kutscher den Befehl erhalten, nach dem Zackelsee zu fahren, für den sie eine seltsame, offenbar mit gewissen bangen Schauern gemischte Vorliebe hatte. Sobald er erreicht Ivar, hingen ihre Augen wie gebannt an der düsteren, fast schwarze» Wasserfläche, auf der sich trotz des scharfen Frostes nur ganz vereinzelte Spuren beginnender Eisbildung zeigten.
„Glauben Sie, daß er in diesem Jahre zusriercn wird, Fräulein Margarete?"
„Ich weiß es nicht, Dita. Ich habe ja noch keinen Winter hier verlebt. Aber Josepha sagt, es geschähe nur sehr selten."
„Einmal aber ist er doch zugefroren — damals, afs Jofephas Bräutigam darin ertrank. Josepha sagt, als man ihn herauszog, habL er so zufrieden und glücklich ausgesehen wie nie in seinem Leben. Ich glaube, unter dem Eis ist es sehr schön — so schön, wie in dem Zauberschloß, von dem Josepha mir früher immer erzählte."
„Nein, Dita, unter dem Eise ist es schwarz und schauerlich. Es ist schrecklich, auf solche Art zu sterben."
„Wie hätte er aber glücklich und zufrieden aussehen können, wenn es schwarz und schrecklich gewesen wäre, Fräulein Margarete! Ich weiß, daß es wunderschön sein muß — ich weiß es ganz gewiß."
Der Weg, der in zahlreichen Windungen dem Seeufer folgte, war nicht sehr gut, und der leichte Schlitten schleuderte an den Kurven oft so stark, daß das junge Mädchen den Arm vorsorglich schützend um die Kleine legte. Eben wollte sie den Kutscher aufsordern, wieder in den Wald ab!» zubiegen, als der Mann das Gefährt mit scharfem Zügelruck zum Stehen brachte.
„An dem Geschirr ist etwas nicht in Ordnung," sagte er. „Ich muß absteigen."
In dem Augenblick, als er sich bückte, um die verwickelten Riemen zu lösen, flog dicht vog'ihnen laut krächzend eine Dohle über den Weg. Das Pferd scheute, und da es den Zügel nicht fühlte, machte cs erst einen Sprung zur Seite, um dann in wilder Flucht auszugreifen. Zwar hatte der Kutscher rasch nach den, Lenkseil gegriffen, aber cs war ihm nicht gelungen, es zu erfassen, und bei der Verfolgung des durchgehenden Gespanns blieb er in dem dicken Pelz, der seine Bewegungen behinderte, mit jeder Sekunde weiter; hinter dem Schlitten zurück. , ,
(Fortsetzung folgt.) J ,
Naturschutzparks.
Von Dr. Franz Kittlcr. - *»
Merkwürdige Ursachen sind es, die in neuester Zeit in einer ganzen Anzahl von Ländern eine Bewegung ganz eigener Art hervorriesen: Man hat nämlich begonnen, sogenannte „Naturdenkmäler" zu errichten. Ein Denkmal ist nun immer erne Erinnerung an Vergangenes. Es hat den Zweck, den Gedanken an bas Gewesene aufrechtzuerhalten. Darum muß schon der Ausdruck „Naturdenkmal" von vornherein als ein Widerspruch erschemen, denn die Natur besindet sich ja rings um uns herum, wir bratsch eg


