Kinderseele.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
12. Küpickel.
Der Muter hatte seine rauhe Herrscherhand ansgereckt Liier o-aS schlesische Land. Felder und Wiesen schlrimmerten Unter dicker, weißer Schneedecke, auf den Landstraßen klingelten die schlitten und die sonst so düsteren Dannenwälder stunden fast an jedem jungen Morgen in der festlich glitzernden Pracht des kristallenen Rauhfrostes. Auch das Klein- Ellbachcr Herrenhaus sah wie verwandelt aus init seinen verschneiten Steildächern und Durmspitzen. Die hellen Farben 1-atien ihm seinen schwermütigen Charakter genommen, und wenn die Sonne am inattblanen Winterhimmel stand, tauchte es für den durch die lange Parkallee Daherkominen- den schier tvie ein Märchenschloß zwischen den hohen, kahlen Bauinwipfcln auf.
An einem sonnigen Jannarniorgen saßen Jadtviga, Margarete undDietlinde in den: Frühstückszimmer, das seit dem Tode der Gutsherrin fast ausschließlich als Wohnraum benützt wurde. Die junge Erzieherin und ihr Zögling waren niitten in emsiger Arbert. Hell und ohne Schüchternheit klang die Kinderstimme durch das Gemach, sich rasch Und willig verbessernd, wenn freundlich« Winke der Lehrerin aus einen Fehler in der eifrig betriebenen französischen Uebersetzung aufmerksam machten. Jadtviga v. Ostrowski hatte sich im Schaukelstuhl ausgestreckt und blätterte nüt allen Anzeichen der Langeiveile in einem Buche.
Nun ivarf sie mit einem Seufzer den Band aus das Fensterbrett. „Auf Jixmn haben Sie den Schlitten für meine Äusfabrt mit Dietlinde bestellt, Fräulein Othmar?" fragte sie in die Lektion hinein. >
Sofort wandte sich ihr die Erzieherin zu. „AUf zehn Uhr, gnädiges Fräulein/' I
„Mein Gott, das ist ja noch eine volle halbe Stunde, denke. Sie hätten den Unterricht schon einmal etwas ab- irzen können. — Du freust dich doch gewiß auf die erste Schlittenpartie in diesem Winter, kleine Dita?"
Das Kind sah aus. „Fährt Fräulein Margarete auch mit uns, Dante Jadtviga?"
„Wir hätten uwhl kaum zu dreien Platz in dem kleinen Schlitten. Und das ist doch anch eigentlich keine Antwort aus meine Frage."
„Ja, ich freue mich Dante, aber —" j „Mn?"
„Wer es ginge vielleicht doch daß Fräulein Margarete itkommt. Ich will mich gerne ganz klein machen, und der hlitten ist gewih groß genug."
* nicht geht, und meine Gesellschaft
„Du hörst, daß es
wird dir hoffentlich genügen. — Lassen Sie sich jetzt, bitte, nicht weiter stören, Fräulein!"
Die Allsforderung hatte einen hochmütigen, fühlbar ungnädigen Klang gehabt, and die Wangen der Erzieherin, hatten sich etwas höher gefärbt. Mer ihre Stimme war liebenswürdig und sreun'dlich wie zuvor, als sie fragte: „Weißt Du doch, >vo lvir stehen geblieben sind, Dita?" •
Der Finger der Kleinen fuhr suchend über das aufgeschlagene Buch. Doch sie hatte kaum wieder zu lesen begonnen, als es eine neue Unterbrechlilig gab. Die Tür tat sich auf, ulid Bardeleben trat im Reitanzuge über die Schwelle. Sein Gesicht sah schniäler aus als an dem Tage, da Margarete Othmar ihm auf dem Schlesischen Bahnhof in Berlin zum erstenmal begegnet war, und eS trug ein Gepräge tiefen Ernstes.
Er küßte seiner Base die Hand und grüßte aus der Ferne zu den beiden anderen hinüber. „Ich komme, um mich bis zum Abend zu beurlauben, Jadiviga," sagte er. „Ich muß nach dem Vorwerk Schmittsdorf hinüber. Es scheint, daß eine ansteckende Krankheit unter den Kühen ansgebrocheu ist. Und der Verwalter Brendel drüben ist ein ausgemachter Esel."
„Rach Schmittsdorf? Da könniest du mich eigentlich mitnehmen, Harro. Ich bin seit meinem letzten Besuch auf Klein-Ellbach nicht liiehr dagewesen. Ich hätte mir gern die Molkerei angesehen, die Irma damals dort anlegen wollte."
„Es lohnt sich in der Tat, denn sie ist musterhaft. Und wenn dir bei den schlechten Wegen der Ritt nicht zu aw- strengend ist —"
„Wann wäre mir jemals ein Ritt zu anstrengend gewesen! Ich fürchte nur, daß meine Gesellschaft dir lästig fallen könnte."
„Welche Vermutung, Jadtviga! Ist dir's recht, daß ich den neuen Fuchs für dich satteln lasse? Er geht jetzt ganz sicher."
„Ich brauche höchstens eine halbe Stunde, mich umzukleiden. Aber da fällt mir ein, daß ich Dietlinde eme Schlittenfahrt versprochen hatte. Nun, ich denke, sie wird nicht böse sein, wenn Fräulein Othmar statt meiner das Versprechen einlöst. Machen Sie also sich und die Kleine für die Ausfahrt fertig, Fräulein. — In einer halben Stunde, Harro."
Sie verließ das Zimmer, und auch Margarete schickte sich an, dem ihr erteilten Auftrag Folge zu leisten. Da, als sie schon die Hand des Kindes erfaßt hatte, hielt Barde- lebenS Anrede sie zurück.
„Soweit es sich um Dietlindes Toilette handelt, kann das wohl auch von Josepha besorgt werden. — Geh und laß dich von ihr ankleiden, Kind! Ich hätte gern noch ein paar Worte mit Fräulein Othmar gesprochen."
„Ja, Papa."
Die Kleine machte ein paar Schritte nach der Tür hin.
t a begegnete sic einem Blick Margaretes, und nach kurzem andern kehrte sie um, um aus Bardelcbrn zuzugehen.


