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Wo! walle sie auch Porträts, die aber in ihrer rosigen Färbung iiinner an eint» Sonnenuntergang erinnerten , war brünett, schlank Und rassig, und Linda, die Musikalische, die ins Rotblonde ging, worüber sie sich imnier ärgerte, weil sie den Mangel an Augenbrauen daraus zurücksührte, war klein, «erlich und ätherisch, init einein Worte: „lind", wie ihr Name. Außerdem war sic durch das viele Geigen schon stark nervös geworden
Die vierte und jüngste, die den gewöhnlichen Namen ?luna führte, zählte nicht Urit, wcil sie durchaus nichts Schöngeistiges an sich Halle und gar keinen Sinn für das gesellschostliche Aus- jchwärmen ihrer drei Schwestern besaß. Tenn das Trio war immer Unterwegs, was noch so eine Gewohnheit lvar aus der Zeit, als der Gcheimrat noch lebte und man ein richtiges Haus machte mit Leutnant-, Referendaren und sonstigenr jungen Männer- zubehör, wobei das hübsche Kleeblatt immer in die hefte Beleuchtung gerückt wurde. Damals war Anna, von der Mama Tritten gegenüber stets Annr genannt, noch ein Backfisch, kam also noch weniger in Betracht als heute. Es kamen die Jahre, wo man sich mehr einricküen mußte und das Trio älter wurde: Anna natürlich auch, aber sie blieb doch immer die jüngste und war um diese Zeit Ungesähr in dem Alter, das das Trio tvieder herbeisehnte, das aber nicht mehr zurttckkchrte. Denn die Zeit ist eine unbarmherzige Dame, die sich durchaus wicht nötigen läßt. Man wird es daher erklärlich finden, wenn die Frau Geheimrat, obwohl sie für jede ihrer Töchter dieselbe Liebe empfand, mit der jüngsten immer etwas zurückhielt, sobald neue junge Herren, die sür den Verlobungsring reif waren, in die Erscheinung traten, denn die älteren gingen vor, sck>on iveil ihre Talente mehr bezaubern tonnten. Sie kannten eben die Welt und die Herren, die sich um die eleganten jungen Mädels, die so klug über Literatur, Malerei Und Musik sprechen konnten, einsach rissen Und aus Bällen, fünf Uhr-Tees uno Bazaren bewundernd zu ihnen ausblickten. Und nun gar erst beim two-step, beim Tango Und bei dem Versuch, es durch geschmeidiges Gliederverrenken den tiesstehenden Pariser Apachen meickzzutun!
Tic Mama, noch verjüngt, mit einem seidene» beinahe durchsichtigen Schrittklcide angetan, saß, mit der goldenen Lorgnette bewaffnet, stets dabei und Musterte all die noch aussichtsvoll erscheinenden Two-step-, Tango- und Avachentänzcr und war sofort bereit, ihnen die größten Avancen zu Mächen, falls sie sich ernstlich nähern sollten. Einer »rußte doch endlich einmal anbeitzen. Sie machten auch ihre Besuche, ließen sich wiederholt cinladen, aßen Und tranken, denn das Essen war stets vorzüglich (weil die Jüngste es kochte), flirteten wie die verliebtesten Täuberiche und blieben dann eines Tages wieder fort. Unter allen möglichen Entschuldigungen blieben He fort: der eine mußte schnell nach Indien reisen, der andere wurde nach Afrika kommandiert und der dritte bekam in noch sehr jungen Jahren die Gicht.
„Ihr müßt nicht soviel dichten, malen und geigen, damit arault ihr sie alle weg", sagte die Jüngste mit ihrer Trockenheit, die immer mehr an die Küche als an den Salon erinnerte. „Etwas läßt man sich ja davon gefalle», aber ivcnn sich so ein Mann vorstellt, daß ihm das in der Ehe den ganzen Tag über passieren könnte, dann denkt er: „nee iS besser"." Ha, da hatten sie es, — eS war heraus! Wer lächelt« immer so niederträchtig, wenn Thea ein Gedicht oder eine kleine Novelle vorlas, ivobei die Herren furchtbar dumme Gesichter machten? Wer verschluckte stets ein Lachen, sobald Märry ihre „Naturstudien" zeigte, in denen die Kohlrübenselder und Hyazinthenbeete stark vorherrschten? Und Iver hielt sich immer die Ohren zu, wenn Linda darauf loS geigte d Märry dabei die falschen Tasten griff? Die freche Küchen- llr»e war cs, die sich wunder rtivas auf ihr Kochen einbildeto d so lat, ais wenn das ganze Leben davon abhtnae. Würde man es später vielleicht nötig haben, wie sie, in der Kücke mit einer Latzschürze zn stehen Und in die Töpfe zu gucken? Das mußte einfach die Köchin besorgen, die dafür bezahlt bekam. Denn die Ehe war nur ein rosiges Paradies, in dem man genügend Zeit zum dichten, malen und geigen hatte. Mio tanzte man einen wilden Ringelreigen um di« Uebeliäten» und bömbardierte sie alsdann mit sämtlichen vorhandenen Sofakissen, so daß Anna unter diesem Ansturm schwor, auf und davon z Stellung als Stütze anzunehisteN. Das wäre nicht auszudenken gewesen. Denn wer sollte die KW . .
Und das Haus bewachen, wenn der gesellige Rummei lockte? Man begann also die Solide mit dem Stumpfnäschen ganz ge- 'örtg abzuknutschen, denn schließlich tvar sie doch ein liebes Hausen, dessen Schnurren man nicht übel nehmen konnte.
gehen und eine ürichterlich und strtschast führen
Einmal hatte nian wieder drei Herren ausaegabelt, die zueinander zu passen schienen, wie die drei unvergleichlichen Schwestern, Mit der Zeit wurden die Herren unmer „gesetztes", denn wich die Poesie, die Malerei und die Musik toaren gereisteü geworden. Thea laS jetzt nur tragische Sachen vor, Märry wies besonder« auf die Schönheit ihrer Herbstlandschaften hin, und Linda geigte, daß man hätte heulen können. Auch die Frau Geheimrat ließ daS grüne Unterkleid weg und ging nur noch in undurchsichtigem Schwarz. Anna, genannt Anni, aber lachte noch mehr an der unrichtigen Stelle. Natürlich konnte man sie nicht verstecken und Mußte sie den Herren gleich beim Empfang vorstellen, bevor sie sich lvteder rückwärts konzentrierte, damit der Braten auch rechtzeitig auf den Tisch komme. Da aber geschah etwas Ent
setzliches. „Wenn ich mir alles so recht bedenke, dann habe ich mindestens sckzon sür sechsnnddrcißig Verehrer von Euch gekocht", platzte es dem Schreckenskinde heraus, als sie die neue Garnitur erblickte, die mit ihren angcräucherten Nasen und gelichtete» Scheiteln einen stark komischen Eindruck aus sie machte. Zum Glück stimmte Linda ihre Geige schon so laut, daß die Herren die Ohren bei der Musik hatten. Aber Frau Geheimrat war doch außer sich. Damit man derartigen Redensarten der lieben Ungezogenen ein sür allemal keine Beachtung schenke, gab sie dem männlichen Trio vertraulich zu verstehen, daß Anni leider in gewisser Beziehung ein wenig „zurückgeblieben" sei, wobei sie natürlich nach dem Kopf deutete und nicht nach den Füßen. Die Herren hätten fiel aber auch verstanden, wenn sie auf die Füße gezeigt hätte, den st Fräulein Anna trug keine Halbschuhc und keine Florstrümpfe, nicht einmal im Winter, ließ auch die Konturen ihrer Beine nicht sehen, müßte also nicht ganz normal sein.
Tie Zurückgesetzte schnappte das auf und schwor fürchterliche Racki«. An diesem Abend lobte jeder der Herren das Essen über de» Klee und aß sür zwei. Ass das männliche Trio dann abermals geladen war, klagte Anna über so furchtbare Kopfschmerzen und „geistige" Benommenheit, daß die Äeltcste sie in der Küche vertreten mußte. Man kann sich denken, was daraus wurde, wen.ii! man erwägt, daß die Frau Geheimrat, die früher ohne Köchtrr niemals fertig geworden war, von Bewunderung erfüllt über diese poetisch« Entsagung, sie frei schalten und walten ließ. Natürlich kam das Essen kalt auf den Trsch. Ter Fisch war ungesalzen; was ihnr aber daran fehlte, hatte der Braten dreimal zuviel bekommest, Tie Herren wurden ganz schweigsam. Um so Munterer und gesünder wurde aber plötzlich Anni: ,,Aha, heule hast du gekocht, Thea, das merkt man. Dichten kannst du besser." Die Herren hätten zwar losplatzen inögen, toaren aber einsichtsvoll genug, mit Todesmüt ihren guten Appetit zu beweisen und die arm? Zurückgeblieben« ob ihres Zustandes tief zu bedauern. Das nächste Mal Machte sich Märry an die Kochkunst, erstens weil die Jüngste wiederum enj» setzlfchc Kopfschnicrzcn heuchelte, und zweitens, weil sie bewegjen wollte, daß sie mehr davon verstehe, als Thea. Diesmal war der! Fisch viermal gesalzen und die Hühner total nüchtern. Außerdem waren die Kartoffeln zn Brei gekocht. Jeder der Herren üß nur für einen halben, Anna aber sagte ganz unvermittelt: „Märrß, die Farben kannst du sehr schön mischen." Das Mädchen für alles,: das austrug, lachte dazu noch dämlicher, als das vorige Mal, Am Sonntag nach vierzehn Tagen (diesmal hatte man Mittagsgäste) kam Linda an die Reihe. Eine ganze Woche lang Hais« sie das Kochbuch studiert, denn da nun die Jüngste behauptete, dsn Krampt in den Fingern zu haben, wollte sie dsn Versuch machet«, den guten Rus der Familie wieder herzustellen. Diesmal mußtest die drei Verehrer bis drei Uhr warten, bevor rnnii die Suppe zu sehen bekam, obwohl man eine Stunde früher geladen war. Linda hatte in der Küche soviel Kostproben veranstaltet, daß das meiste geschmacklos geblieben war, und das übrige keinen Geschmack hatw, Es fehlte an allem etwas, man wußte nur nicht recht was. Besonders die Speise hätte einer Erklärung und GebrauchsanWeM sung bedurft. „Geigst Du uns nachher wieder etwas vor, Linda?" fragte die Jüngste ganz duckmäuserig. Die Herren blickten auf die Teller und dachten an ihr liebes Restaurant, tranken dafür aber voll Löwenmut der Frau Geheimrat mit einem verständnisvollen Blick auf den Plagegeist zu.
Als man befürchtete, daß auch diese drei aussichtsvollen Be» ehrer allmählich auf „Urlaub" gehen könnten, drang man in ty| beleidigte Schwester, doch wieder vernünftig zu werden und das Küchenzepler aufs neue zu führen, denn dann würde alles wievH gut weiden. Wußte Man doch, daß die Herren sie nicht ganz ernst nahmen. >
So kam denn jener denkwürdige Sonntagabend, der datz Schrecklichste brachte. Tllles war ganz gut gegangen. Schon die kräftige Tassenbouillon erweckte die alten Ennnerunaen an diese» gastfreie HauS: die Herren schwelgten beim Vorgericht, ünd setz« von ihnen aß lvteder für zwei, has letzte Pech des Hauses vergessend. Da sagte Anna freudestrahlend: „Heute habe rch wieher gekocht." Tie Herren durchfuhr «in Todesschreck, und wie auf Kommando ließen sie Messer und Gabel fallen. Aller Appetit war ihnen vergangen: denn gerade beute früh Hatten sie in dek Zeitung gelesen, daß eine geistig beschränkte Köchin das ganze Essen vergiftet habe, lvas nicht gleich zn merken gewesen sei. Und da diese Einbildung sie vollkommen beherrschte, und einer dem andern diesen Gedanken überdies noch durch einen langest Blick suggerierte, so empfanden sie insgesamt ein Zittern vor dem nahen Tode. Sie wurden bis zur Beleidigung schweigsam. ließen sich zwar poch nösigen, aßen aber wenig oder gar nickt«. Test Schreck hatte sie gesätUgt.. Tic Iran Geheimrat legte sich dies nach ihrer Art aus, wobei sie Wohl daS richtige traf: die drei schöst- aetstiaen Schwestern jedoch schoben dieses vlötzliche Versagen aut da« Konto der schwesterlichen Vorwitzigkeit. Man wollte eben von deren Kochkunst nichts mehr wissen, denn die Liebe der drei Herren hatte sie schon verivöhnt. Man zerbrach sich erst gründlich den Kopf, als der Assessor plötzlich nach Rasibor versetzt wurde, der Obe» leutnant a. T. schrieb, er müsse nach Brasilien geben, und der Brückenbauingenteur zu seinem kranken Pater nach dem Elsaß mutzte. ES war also wieder nichts. Man Mußte den Sommer ab- warten, bi? das Strandkorbidyll in Swtncmünd« begann.


