Kinderseele.
Kommt von Reinhold Dctmantt (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Bardeleben fuhr sich über Augen und Stirn. „Einer von uitö ist in diesem Augenblick ohne Frage verrückt. Bielleicht sind wirs beide. Wovon reden wir denn eigentlich)? Sagtest dil nicht, Irma sei gezwungen worden, mich zu heiraten? Und sie habe nicht mich geliebt, sondern einen anderen?"
„So sagte ich, und ich kann nicht glauben, daß es etwas ganz Neues für dich gewesen sei."
„Etwas ganz Neues - verlaß dich darauf. Wie ich auch in meiner Erinnerung suche, ich kann nichts finden, das wie ein Widerstreben deiner Schwester gegen unser Verlöbnis und gegen unsere Heirat ausgesehen hätte. Eine leidenschaftliche Liebe- haben wir uns ja beide nicht vorgeheuchelt, das gebe ich w. Und daß die Familie hüben und drüben alles tat, um die Partie zustande zu bringen, ist mlir natürlich nicht entgangen. jAn die Möglichkeit eines Zwanges aber habe ich nie gedacht. Mein Herz war frei, und Fräulein Ras- inussen gefiel znir als hübsches und kluges Mädchen nickst weniger, als .mir vielleicht auch irgend ein anderes hübsches und kluges Mädchen gefallen hätte. Als wir erst verlobt waren, redete ich mir sogar ein, sie wirklich lieb zu haben, und ich hatte jedenfalls den rschtschaffenen Willen, sie so glücklich zu machen, als ich eben konnte. Fl)re Kälte hielt rch für nichts anderes als für eine Besonderheit ihres Temperaments, uitd ich meinte, in der Ehe würde sich das schon verlieren."
Er schien das alles mehr für sich selber als für den anderen zu sprechen, denn er blickte unverwandt vor sich
? ,in, und die einzelnen Sähe kamen langsam, wie wenn er ie nack» und nach ans der Tiefe seines Gedächtnisses heraufholen müsse. L
Run aber fiel ihm Rasmussen ins Wort. „Das alles mag inehr j,der weniger richtig sein. Rur solltest du nicht vergessen, wie damals die Dinge für dich oder für deinen Vater lagen. Flein-Ellbach ivar bis übers Dach mit Hypotheken belastet, und in Wahrheit ivar kaum noch ein Halm aus dent Felde euer Eigentum. Mein Vater hätte nur seine Hand anszustrecken brauchen, um zu nehmen, ivas ihin längst gehörte." i t
Bardeleben nickte. „DaS könnte stimmen. Aber ivas soll es beweisen?"
„Es soll beweisen, daß du sehr triftige Gründe hattest, dem Fräulein,Rasmussen vor irgend einem anderen hübschen und Augen Mädchen den Vorzug zu geben. Es soll beweisen, daß die Heirat von deiner Seite oder von seiten deines Vaters nichts weiter war als eine gewöhnliche Spekulation." „Von seiten meines Vaters — vielleicht. Aber ich sehe
keinen Anlaß, ihn oder mich noch weiter vor dir zu recht- fertigen. Wir sind es doch jedenfalls nicht gewesen, die einen Zwang auf die Tochter des Herrn Kommerzienrats geübt haben."
„Nein. Und es war wohl auch kein Zwang im brutalen Sinne des Wortes. Meine Dante war eine so kluge Fr<lu, daß sie um die geeigneten Mittel, ein unersahrenes Mädchen willfährig zu machen, kaum i n Verlegenheit sein konnte. Meines sonst so vortrefflichen Vaters Schwäche aber war seine Eitelkeit. .Er hatte sichs in den Kopf gesetzt, seiner Tochter einen Gatten aus dein alten Adel zu geben, wie er aus mir durchaus einen Offizier machen tmißte. Hier waren die Grenzen seiner väterlichen Liebe. Und darin, daß er schon damals schwer herzleidend war, daß jede Erregung ängstlich von ihm ferngehalten werden mußte, besaß er ein furchtbares Zwangsmittel, sowohl gegen Irina wie gegen mich."
„Von solchen Vorgänge» hinter den Kulissen habe ich nichts geahnt. Du wirst mir vielleicht glauben, daß ich sonst doch noch Stolz genug gehabt hätte, auf die vorteilhafte Partie zu verzichten. Aber mit all dem Gerede gehen Ivir um die Hauptsache herum. Die Hauptsache ist, daß Irma einen anderen geliebt haben soll. Wen?"
„Meinen Freund Ewald Heßmer."
„Heßmer? Ich erinnere mich dunkel an eine» Violinspieler diefes Namens. Wer der kann dock» unmöglich —"
„Ja — der! Nur ein Violinspieler, wie du ihn nennst, aber der edelste, bedeutendste Mansch, den ich je gesehen —< ein Mann, wertvoll genug, um Hunderte aufzuwiegen wie dich und mich."
„Da ich meines Wissens dem Herrn nur ein einziges, Mal in meinem Leben begegnet bin, kann ich nicht widerspreche». Aber du nennst ihn deinen Fremch, und du warst doch zur Zeit meiner Heirat noch ein unreifes Bürschchest von neunzehn oder zwanzig Jahren!"
„Was mich an Ewald Heßmer fesselte, ivar mehr als eine Freundschaft im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Als ich ihn in Berlin kennen lernte, litt ich unsäglich unter dem Joch eines mir in tiefster Seele verhaßten Berufs. Ich hatte seit den Tagen meiner Kindheit davon geträumt, ein Künst- ler zu werden. Und ich flüchtete zu meiner Kunst in reder Stunde, die ich dem Dienst abstehlen konnte. Da wurde Ewald Heßmer mein Lehrer ttnd mein Führer. Was ich ihm verdankte, ivar tausendmal mehr, als ich jemals vorher oder nachher einem Menschen schuldig geworden bin. Einzig von meinem damaligen Einblick in die Seele dieses Großen nähre ich noch heute meinen Glauben an die Menschen. Als Irina nach Berlin kam, um oort eine Gesellschaftssaison zu verbringen, beeilte ich mich natürlich, sie mit Heßmer bekannt zu machen. Und da geschah, >v«s ich mit der ganzen In- brtlnst meiner Seele ersehnt hatte. ihre Herzen flogen sich wie zwei Feuerbrände entgegen."
„Sehr schön! Und warum habe» sie sich nicht geheiratet?"


