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dkm? Mllst du nicht Platz nehmen?" fragte der Baron."Denn du bist doch wähl nicht bloß Dietlindes wegen von Reinswaldau herubdrgekommen?"

ES war seit langer Zeit das erste Mal, daß sie ein­ander allein gegenüberstanden. MS Rasmussen unmittelbar nach seinem Eintreffen an de» von hundert Kerzen um­leuchteten offenen Sarg getreten war, in dem seine schöne, bleiche Schwester im Schmuck ihres weißen Hochzeitskleides ruhte, hatte der Oberleutnant kein Wort an den neben ihm stehenden Gatten der Toten gerichtet. Minutenlang hatte er starr in das Antlitz der Entschlafenen geblickt; dann war er auffchluchzend in die Knie gesunken, und in diesem Augen­blick hatte sich Bardeleben stumm zurückgezogen. In der Folge aber waren sie einander nur im Beisein vieler be­gegnet, und nichts als kurze, gewissermaßen unpersönliche Bemerkungen waren zwischen ihnen getauscht worden. Ras­mussen hatte den Schwager so wenig nach der Krankheit seiner Schwester gefragt als nach den näheren Umständen ihres Todes. Mer er war noch am Abend seiner Ankunft langer als eine Stunde bei dem Sanitätsrat Mittmann in ReinSwaldau gewesen, und einmal hatte Bardeleben ihn auch in angelegentlichem Gespräch mit der alten J'osepha gesehen. Cr hatte also keine Veranlassung gehabt, ihm aus freien Stücken Auskünfte zu erteilen, die nicht verlangt wuriden, und er war ersichtlich auch jetzt entschlossen, die Fragen des anderen abzuwarten.

Der Oberleutnant hatte sich trotz der Aufforderung nicht wieder gesetzt. Auf seinen Stock gestützt, blickte er dem Schwa­ger fest und ruhig ins Gesicht.Ich hatte allerdings den; Wünsch, einiges mit dir zu besprechen."

Dringendes vermutlich, da du schon den Abend des Beisetzungstages dazu wählen mußtest."

Dringend? l)ch ,weiß nicht, ob es dir so erscheinen wird. Jedenfalls laßt es sich hinausschieben, wenn du jetzt nicht in der Stimmung bist, mich anzuhören."

Stimmung?! Mein werter Herr Schwager, wenn es auf meine Stimmung an ko mimt fttr das, was du mir »ü sagen gedenkst, so nimm getrost an, daß ich in der Stim­mung bin, die ganze Welt hier zwischen meinen Fäusten zu zermalmen." '

Er hatte seine herkulischen Arme ausgestreckt und die geballten Hände geschüttelt.

Herbert Rasmussen stand unbeweglich. Seine Lippen hatten sich noch fester zusammengeschlossen, und feige Stirn war durchfurcht. Dann fragte er halblaut:Geht es dir in Wahrheit so nahe? Hast hast du wirklich so tief und so wahr aeliebt?"

Bardeleben sch ihn an mit einem Blick, in dem es lvie von Flammen schwer verhaltenen Zornes loderte.Was gibt dir «in Recht, mch das zu fragen?"

Ich habe auf der Welt nichts geliebt als meins Schwester, und ich war bis heute der Meinung, daß sie nicht glücklich gewesen ist."

Durch meine Schuld nickst wahr?"

Zum Teil vielleicht auch durch die Schuld anderer. Mer deine Ausgabe wäre es gewesen, zu sühnen und gut­zumachen, waS andere an ihr gesündigt haben."

Das ist ja ein ganz neuer Vorwurf, und ich bin wohl

S H einfältig, ihn zu verstehen. Wer sind denn diese anderen >«w«scn?"

Die, von denen sie gezwungen oder überredet wurde, deine Frau zu werden."

Mar es so gemeint? Da möchte ich allerdings um etwas mehr Deutlichkeit gebeten haben. Wer hat sie dazu gezwungen oder Überredet?"

Mein Vater und seine Schwester, die damals einen verhängnisvollen Einfluß in unserem Hause ausübte."

Mit verschränkten Armen lehnte Bardeleben am Schreib­tisch. Sein Gesicht war hoch gerötet, aber er sprach mit er- zwungener Ruhe:Diese Offenherzigkeiten sind für mich natürlich sehr wertvoll. Aber bei meiner Kenntnis von Irmas Charakter mußt du schon euffchuldigen, wenn ich ihnen vorläufig noch einigen Zweifel entgegensetze. Ich hatte Vielleicht nicht immer Veranlassung, in eitel Bewunderung zu ihr auszublicken, aber ich habe sie bis heute für eine wahrhaftige Natur gehalten. Du bist meines Wissens der erste, der sie einer schmählichen Lüge beschuldigt."

So hat sie dich ihrer Liebe versichert? So hat sie ge­schworen, nie einen anderen heißer und inniger geliebt zu haben als dich?"

Einen anderen? Ehe sie sich mir verlobte?"

Ja. Danials und später. Rach meiner ileberzeugung bis zu ihrem letzten Atemzuge."

Bardeleben ließ die Aruie sinken. Mit vorgcneigtem Kopse stand er da und starrte den Sprechenden au, als ob e« ihm die Worte von de» Lippen reißen ivollte.Das verrätst du niir? Du ihr Bruder? Und an ihrem offenen Grabe? Bist du ein Schurke oder ein diarr?"

Es ist mir gleichgültig, als was ich dir erscheine. Ich stehe hier in Erfüllung einer Gewissenspflicht. Du sollst wis­sen, Ivos diese Frau um dich und durch dich gelitten l>at. Und du sollst nicht vor der Welt herumgehen als der untröst­liche Gatte, der sich in Trauer um ein verlorenes Glück ver­zehrt. Ich will es nichti ich Na»n es einfach nicht ertragen."

Die fromme Absicht nimmt mich nicht wunder. Ich kenne die Wärme deiner Gefühle für mich ja zur Genüge, Aber du hast dich von falschen Voraussetzungen leiten lassen, mein Herr Schwager! Ich denke nicht daran, den untröstj- lichen Gatten zu spielen um ein verlorenes Glück zu jam­mern, denn ich bin in diesen acht Jahren eine der elendesten Kreaturen unter der Sonne gewesen. Und ich habe die Frau, die wir heute begruben, so wenig mehr aeliebt, als ich dich liebe. Ich hoffe, du wirst mir's aus mein Wort hin glauben."

Ich habe nie etwas anderes vermutet, und eben des­halb ist meine Seele voll der grimmigsten Empörung gegen diese schmachvolle Komödie."

Nehmen Sie sich in acht, Herr Oberleutnant Ras­mussen ! Gegen welche Komödie."

Gegen diese erheuck-elte Verstörtheit, gegen diesen An­schein einer verbissenen Verzweiflung, die doch nur Lüge ist, nichts als Lüge. Ich wiU nicht, daß das Andenken der iroten durch ein Gaukelspiel entweiht werde. Ich will Wahrheit. Und darum bin ich noch au diesem Abend hergekommen, um' dir zuzurufen: Herunter mit der Maske! Mag jeder uch nicine Schivester trauern, nur nickst der, der sie gemordet I"

Er hatte seine Stimme nur ivenig erhoben, aber die Worte waren trotzdem wie Schwerthiebe gefallen, und eine eherne Unerbittlichkeit war in dem farblos gewordenen Ant­litz des Sprechenden.

Nun lag Stille über den beiden Männern schwer, unheimlich lastend, sekundenlang.

Harro von Bardeleben stand regungslos, stumm, mit leerem, glasigem Blick. Endlich hob es wie ein röchelndes Atmen seine Brust. Seine Hand tastete nach der Lehne des Schrcibscssels, und als er sie ersaßt hatte, ließ er sich sckgver in das Polster faUen.

Wenn ich sie gemordet habe gut, nehmen wir an, ich hätte sie gemordet tvarum bist du daun nicht zu« Polizei gegangen und zum Staatsanwalt? Oder warum schreist du es nicht wenigstens in all« Welt hinaus, wie eil doch deine Pflicht und Schuldigkeit wäre?"

Weil Verbrechen, wie man sie an meiner Schwester verübt hat, nicht vor das Forum irdischer Richter gehören, und weil dies eine Angelegenheit ist, die nicht die ganz« Welt an geht, sondern nur dich und mich."

So sprich wenigstens deutlich. Auf welche Art habe ich sie deiner Meinung nach gemordet?" ,

Damit, daß jbu sie zum Weibe nahmst, ohne von ihr geliebt zu tverde» und ohne sic zu lieben damit, daß du blind oder teilnahmslos warst für die Qualen, die in der Knechtschaft dieser Ehe ihre Seele zerrissen und stückweise Hinsterben ließeni damit, daß ein anderer in den Tod gehen muhte, weil das Wappen der Bardeleben neuer Ver­goldung bedurfte." > <

Von all diesen unsinnigen Vorwürfen trifft mich nicht einer."

Sv entkräfte sie doch, wenn Ehre und Gewissen es dir erlauben."

(Fortsetzung lolgt)

Freie und unfreie Ninderaussätze.

Einen hochiittcressaiUen Einblick in die Wir kl ick) keck unsere- Heringen Schulbetriebes gewährt ein großangelegler pädagogischer Versuch, dessen Ergebnisse in dem eben erschienenen BucheiSchmre- dcr, Der Schulaustatz iVerlag B G. Teubner, Leipzig u. Berlins vorgelegt werden. Der Verfasser ließ an ein und demselben Tag« in allen Gattungen der Leipziger Schulen einen Austab itoer das ThemaErlebtes vom 18. Oktober" schreiben. Ans den mehr al- 5000 Aufsätzen steht er wichtige Schlüsse sowohl fttr di« BeurtetlimL der heutigen Unterrichtsmethodik wie für die Psychologie des Kindes und die Ausgestaltung t>«S AustatzrmterrichtS hn Etniul einer Förderung des persönlichen imd des Kulturleben-.