Kinderseele.
Roman von Reinhold OrtmanN.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
11. Kapitel.
Förmlich wie die Art seiner Anmeldung waren auch Haltung und Miene des ]ür Bardeleben offenbar völlig unerwartet gekommenen Besuches. Leicht auf seinen Spazierstock gestützt, und das sichtlich schtvachere rechte Bein ein wenig nachziehend, hatte Herbert Rasmussen die Bibliothek betreten. Er trug nicht mehr, loie bei den Bestattungsfeierlichkeiten, die Kavallerieuniform, sondern eine» schwarzen Zivilanzug, und in seiner äusseren Erscheinung war kann, noch irgend etivas, das den Offizier verraten hätte. Leine mittel- tzroße Gestalt nahm sich klein und schmächtig aus neben dem Riesenwuchs feines Schwagers und der schlanken Höhe Jadtoigas
Das Gesicht des etwa Ilchtundziranzigjährigen aber hatte vollends nicht einen einzigen soldatischen Zug. Mit seiner hohen, schmalen Stirn, feinem in den Winkeln leicht nach ablvärts gezogenen, auf herbe Verschlossenheit deutenden Munde würde man es viel eher für das Gesicht eines Geschäftsmannes gehalten haben oder, wenn man zufällig einem vollen Blick der großen, braunen Augen begegnete, vielleicht auch für das eines Künstlers. Es uxir manches darin, das an seine schöne Schivester erinnerte
Wenn es ihn überrascht hatte, die junge Danie hier zn Anden, so verriet sich davon doch nichts in der abgemessenen Korrektheit seines Benehmens. Er entsclpUdigte sein spätes Erscheinen mit den« Wuiisck-e, sich über Dietlindes Befinden zu unterrichten, und Jadiviga gab ihm init liebensivürdiger Bereitwilligkeit ihre hoffnungsvoll klingende Auskunft
„llebrigens hat die Kleine schon wiederholt „ach Ihnen aesvagt, Herr Rasmussen," fügte sie hinzu. „Wahrscheinlich hat sie von ihrer alten Joseph« gehört, daß Sie hier seien, und sie l>at offenbar das Verlangen, Sie zu sehen."
„Wirklich? Es ist mir eine große Freude, das zu hören, sie würde sich meiner kann, noch erinnern, denn es sind ja schon säst anderthalb Jahre, das; ich sie zum letzten Male gesehen."
„Darf ich fragen, >vo das geschehen ist?" mischte sich Bardeleben ein. „Aus Nlein-Ellbach bist du doch, so viel ich iveist seit meiner Hochzeit nicht mehr geivesen "
„Rein. Aber ich traf in Schlangenbad mit meiner Skipoester zusammen und verbrachte vierzehn Tage in ihrer Gesellsckfast."
„Davon höre ich heute das erste Wort. Es ist merkwürdig, daß inan selbst so unverfängliche Dinge vor mir mit den, Schleier des Geheimnisses zu umhüllen liebte."
„Wenn Irma dir nichts davon gesagt hat, tvird sie ver- mutlich angenommen haben, daß es für dich ohne Interesse sei. — Ist es mir gestattet, Dietlinde morgen zu sehen?"
I Die Frage war wieder an Jadwiga gerichtet, nachdem er die Bemerkung Bardelebens sehr obenhin abgefertigt hatte.
Ihre Erwiderung kam etivas zaudernd. „Der Arztsprach beute den Wunsch aus, daß noch für einige Tlage alle Besuche von dem leicht erregbaren Kinde ferngehalten > verden möchte» Aber da die Meine so lebhaft nach Ihnen verlangt, und da Sie vielleicht schon bald wieder abreisen wollen — " „Pavdon, gnädiges Fräulein, diese Absicht habe ich nicht. Ich werde tvahrscheinlich de» ganzen Winter in Reinswaldau verbringe»."
Mit einer Gebärde des Erstaunens hob Bardeleben dxn Kopf. „Was? Den ganzen Winter? In diesem gottverlassenen Nest?"
„Es ist meine Heimat, mit der ich durch tausend liebe Erinnerungen verknüpft bin. Außerdem brauche ich Einsamkeit und Ruhe."
„Und der Dienst? Hast du denn auf so lange hinaus Urlaub?"
„Ich tverde schwerlich ,nieder Dienst tun können." „Auch deinen Sturz habe ich rein zufällig aus den Zeitungen erfahren, da Irina nicht für nötig gehalten hat, mir darüber zu schreiben. Du warst, lvie ich fas, schon wieder» außer Gefahr, und du lprst mir's darum hoffentlich nicht übelgenommen, daß ich mich nicht mit Kundgebungen meiner Teilnahme aufdrängte."
„Gewiß nicht. Die Sache war ja auch ohne alle Bedeutung." l ,
„Obne alle Bedeutung?" fiel Jatnv-iga ein. „Obwohl Sie noch jetzt ai; den Folgen zu leiden haben?"
„So kann nran es wohl kaum nennen, gnädiges Fräulein. Die Schwäche in der rechten Hüfte belästigt müh sehr wenig. Auch am Stock kommt man immer noch schnell geüug durch das Leben."
„Aber Ihre militärische Laufbahn? Sie künntz» sich wirklich so leicht mit dem Gedanken abftnden, ihr zu entsagen?"
„Irl, würde mich wohl damit absinden müsse», auch wenn es mir schwer fiele. Aber es fällt mir nicht schwer. Rur die Rücksicht auf die Wünsche meines verewigten Vaters hat mich bis jetzt in diesen, Beruf gehalten."
Er antwortete höflich, aber immer mit denisclben unbeweglichen Gesicht und in einem To», der deutlich genug erkennen ließ, daß er das Thema nicht fortzuspiniien wünschte. Auch auf seine 'Absicht, Dietlinde zu sehen, schien er nicht zurückkommen zu ivotlen.
Jetzt wandte sich Jadwiga au Bardeleben ^ ,',Ich will doch noch einmal »ach dem Kinde sehen, Harro. Du entschuldigst mich wohl für den Rest des Abends."
Lie reichte ihm die Hand, und er geleitete sie zur Tür. nachdem zwischen Herbert Rasmussen und ihr dieselbe förmliche Verbeugung ansgetauscht worden ,var Ivie bei seinem Eintritt.
ÄlS Bardeleben zurückkehrte, stand der Oberleutnant noch immer neben seinem Sessel.


