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0T«§, Melancholisch, mit seinen schönen weißen Haaren und seinen müde» blauen Augen hinter den goldenen Brillengläsern; er war vv» vollendeter Vornehmheit, und wäre sein grüner Anzug nicht gewesen, hätte man ihn für einen Beamten halten können. Grägoire mußte viel Kredit geben, denn seine Kundschaft be-

! tand ans reiche» Leuten, das heißt aus Leuten, bei denen es ehr lange dauerte, bis sie ihre Rechnung bezahlten. So etwas wird nur von armen Leuten gleich erledigt. Nicht aus Ansland tun sie es, sondern weil man ihnen keinen Kredit gibt Gregoire wußte, daß man von ihm nichts geringes oder mittelmäßiges erwartete und daß er es sich und seinen Kunden schuldig ivar, hohe Rechnungen spät zu senden.

Gregoire hatte nach der Qualität seiner Zutaten einen zwei­fachen Tarif. Aber auch der kleine Tarif war schon kostspielig. Die vvti Gregoire angezogenen Schüler bildeten eine Aristokratie, eine Art High-life in .zwei Graden; meiner Eltern Stand er­laubte mir niemals z» hosscn, der Kundschaft von Grägoirc an- gchören zu dürfen.

Meine Mutier war sparsam; sie war auch sehr wohltätig. Ihre Wohltätigkeit veranlaßte sie, in einer Weise zir handeln, welche die ganze Güte ihrer Seele zeigte niemals gab es etwas Schöneres aut der Welt, die mir aber ziemlich lebhafte Unannehmlichkeiten verursachte. Irgendwie hatte sic er­fahren, daß cs einem Schneider und Portier aus der Rue de Ca- nettes, namens Rabiou er war ein kleiner, rothaariger,

krummbeiniger Mann, mit einem Avostelkopf aut einem Zwergen- körper sehr schlecht ging und daß er ein besseres Schicksal ver­dient«; sogleich dachte sie daran, ihm zu helfen. Sie ließ ihm

zuerst einige. Gaben zukommen. Mer Rabiou hatte eine große Familie, war zudem sehr stolz, und ich sagte ja schon, daß

nieine Mutter nicht reich war. Das Wenige, das sic ihm geben konnte, nützte ihm nichts. Sie zerbrach sich den Kopf, wie sie ihm Arbeit verschaffen könnte, und begann damit, für meinen Vater soviel Beinkleider, Westen, Gehröcke und Ueberzieher machen zu lassen, wie sie vernünstigerweise für ihn bestellen konnte.

Meinem Vater brachten diese Bestellungen keinen Vorteil. Tie von dem als Schneider tätigen Portier gelieferten Anzüge saßen schlecht. Aber da er von bewundernswerter Einfachheit war, bemerkte er cs nicht einmal.

Meine Mutier bemerkte es für ihn. aber sie sagte mit Recht, daß mein Pater ein sehr schöner Mann war, der seine Kleider schmückte, wenn seine Kleider ihn nicht schmückten, und daß man nie schlecht gekleidet ist, wenn man einen hübsch warnten Anzug trägt, der ordentlich genäht ist und noch dazu von einem braven Mann, der Gott fürchtet und Vater von zwölf Kindern ist.

Zum Unglück aber befand sich Rabiou, nachdem er meinem Vater mehr Anzüge als nötig geliefert hatte, in ebenso schlechten Vermögensverhälknisscn wie vorher. Seine Frau war schwind­süchtig und seine zwöls Kinder waren bleichsüchtig. Eine Portier­loge ist nicht der geeignete Ort, um Kindern ein so frisches Aus/- sehen zu veleihcn, wie es junge, an Sport im Frqien gewöhnte Engländer haben. Ta der kleine Schneider und Portier Nicht Geld genug hatte, um Medizin zu kaufen, kam meine Mutter aus den Gedanken, eine Schuluniform für mich zu bestellen. Am liebsten hätte sie, ivenn es gegangen wäre, dort auch ein Kleid für sich machen lassen.

Bei dem Gedanken an eine Schulunisorm zögerte Rabiou. Seine Avostclstirn war mit Angstschweiß bedeckt. Mer er war mutig und fromm vertrauend. So machte er sich ans Werk. MI betete, gab sich unendliche Mühe und konnte ob dieser Arbeit nicht schlafen. Er war bewegt, ernst, nachdenklich. Denkt doch! eine Schülerunisorm, ein Kleidungsstück von Bedeutung. Dazu stelle man sich vor, daß ich lang, mager, ohne Figur war und daß man schlecht sür mich arbeiten konnte. Schließlich gelang es dem armen Mann, meine Schuluniform fertig zu stellen, aber was sür eine Schulunisorm! Keine Schultern ; die Hohe Brust reichte mir schlot­ternd bis um den Bauch herum. Nun mit der Form hätte ich mich noch abgefundc». Doch die Farbe, ein klares, hartes Blau, war peinlich anzusehcn, und aus dem Kragen war nicht das ge­wöhnliche Mzeichen, Palmen, sondern aus jeder Seite eine Lyra. Rabiou sah nicht voraus, daß ich ein sehr berühmter Dichter wer­den würde. Er wußte nicht, daß ich in der Tiefe meines Pultes «in Gedichtbuch mit dem TitelErste Blumen" versteckt hatte. Dielen Titel hatte ich selbst gesunden und war höchst befriedigt von dieser Leistung. Mein Schneider-Portier wußte nichts davon; aber aus Inspiration halte er mir aus jeder Seite meiner Uniform eine Lyra ausgcnäht. Das schlimmste an dem Anzug »vor, daß der Kragen wert davon entfernt tvar, sich an meinen Hals anzu- schmiegen, vielmehr beträchtlich von ihm abstanb und sürcksterlich Falten schlug.

Ich hatte einen Hals, so lang wie ein Storch, und häßlich und kläglich blickte ich aus diesem Kraam heraus. Bei der Anprobe hatte ich schon Argwohn und sprach diesen dem Schneider und Por­tier gegenüber aus. Aber der vortresslrche Mann, der durch seiner Hände Arbeit mit des Himmels Hilfe eine Schulunisorm ver­fertigt und doch gar nicht gehasst hatte, sic so gut zu voll­enden, wollte nicht wehr daran rührm, aus Furcht, sie »och Mehr zu verderbm.

Eigentlich chatte er Reckst BJoIl Unruhe fragte ich meine Mutter,

wie sic mich fände. Ich sagte Euch schon, daß sie eine fromme Frau war. Sie antwottete mir:

Ein Kind ist schön genug, lvcmi es gut ist."

Und sie riet mir, meine Schuluniform ohne Hossart und mit Demut zu tragen.

Ich zog sie zum ersten Male eines Soimtags an, >vre es sich gehört, da es ein neues Kleidungsstück war. Oh! als ich an jenem Tage während der Pause im Schulhof erschien, welch ein Empfang!

Zuckerhut! Zuckerhut!" riefen alle meine Kaineraden auf einmal.

Es war ein peinlicher Augenblick. Mit einem Blick hallen sie alle die fürchterliche Form, das zu helle Blau, die Lyren, dest tm Rücken abstehenden Kragen gesehen. Durch die verhängnisvolle Oessnung am Kragen meines Rockes begannen sie mir Kieselsteine in den Rücken zu stopfen. Eine Handvoll nach der andern schütteten sie hinein, ohne den Mgrund füllen zu können.

Wirklich, der kleine Schneider-Portier der Rue de Canettcs hatte nicht überlegt, was für eine Menge Kieselsteine in bieffe Rückentasche hineingingen, die er da mir gemacht hatte.

Als ich genug Kieselsteine darin hatte, teilte ich Faustschläge aus; man gab sie mir wieder, ich schlug um mich, und schließlich ließ man mich in Frieden. Aber am Sonntag daraus begann die Schlacht von neuem. Sobald ich den unheilvollen Anzug trug, wurde ich aus alle niöglichc Weise gequält; beständig wurde mir Sand in den Hals geschüttet.

Es war abscheulich. Das schlimmste aber war, daß mich unser Aufseher, der junge Abb6 Simler, verließ und gar nicht darast dachte, mir während dieses Sturmes beizustehen. Bis dahin war ich von ihm wegen der Sanftmut nceines Charakters und des frühreifen Ernstes meiner Gedanken ausgezeichnet worden; ich wurde mit einigen anderen guten Schülern zu Unterhaltungen herangezogen, deren Reiz ich auskostete und deren Werl ich fühlte. Ich gehörte zu denjenigen, vor denen Abbä Simler während der längeren Sonntagspausen die Erhabenheit des Pricstergmtes rühmt« und von schwierigen Fällen bei der Ausübung des heiligen Berufes sprach.

Abbe Simler behandelte diese Gegenstände mit einem Ernst, der mich mit Freude erfüllte. Eines Sonntags, als er langsam ini Hoi spazieren ging, begann er die Geschichte eines Priesters zu erzählen, der nach der Weihung der Hostie eine Spinne in dem Abendmahlkclch fand.

Wie groß auch sein Schmerz uird seine Verwirrung waren," sagte Abbe Simler,er tat sofort das Richtige. Vorsichtig nahm er das Tier zwischen zwei Finger und . . ."

Bei diesem Wort läutete die Glocke zum Mittagsgottesdicnst. Abbd Simler, der die Anordnungen des Reglements streng inne hielt, schwieg sofort und ließ die Knaben sich in Reih und Glied auf­stellen. Ich ivar sehr neugierig >zu wissen, was der Priester mit der Spinne gemacht hatte. Aber meine Uniform war schuld daran, daß ich es niemals crsahrcn habe.

Als mich Abbe Simler am nächsten Sonntag in meinem ko­mischen Anzug sah, lächelte er heimlich und hielt sich in ange­messener Entfernung. Er war ein ausgezeichneter Mensch; er wollte nichts von jenem Lächerlichen, das ich an mir hatte, auf sich nehmen und wollte seine Sutane nicht durch meine Schulunisorm kom­promittieren. Er hielt mich nicht mehr sür würdig, in seiner Ge­sellschaft zu weilen, solange man mir Kieselsteine in den Hais steckte, denn, wie ich schon sagte, beschäftigten sich meine Kaineraden fort­während damit. Gewiß hatte er damit nicht unrecht. Dann fürchtet» er meine Nachbarschaft noch wegen der Kugeln, die man von allen Seiten nach mir warf. Auch dieses war verständlich. Zuletzt aber empörte sich sein Schönheitsgcsühl überhaupt gegen meinen Anzug, Soviel ist sicher, daß er mich von nun an von den Unterhaltungen, die mir wertvoll waren, ausschloß.

Er tat es auf geschickte Weise, ohne ein unhöfliches Wort, deßn er war ein sehr zartfühlender Mann. Er verstand es, wenn ich wisch ihm näherte, sich nach der anderen Seite zu wenden und so leise zu sprechen, daß ich nicht verstehew konnte, was er sagte. Bat ich schüchtern um einige Erklärungen, so tat er so, als ob er cs nicht hörte, und vielleicht hörte er auch wirklich nicht. Ich brauchte nicht viel Zeit, um zu verstehen, daß ich überflüssig war, und ich mischte mich nicht mehr unter die Vertrauten des Äbbß Simler.

Diese Ungnade verursachte mir manchen Kummer. Schließlich begannen mich auch die Scherze meiner Kameraden wütend zu machen. Ich lernte die Schläge, die ich empfing, wiedcrgeben. Es war eine nutzbringende Kunst. Zu meiner Schande muß ich ge­stehen, daß ich sie in meinem späteren Leben nicht mehr ausgcübt Hahc. Doch einige Kameraden, die ich ordentlich verprügelt hatte, bezeugten mir lebhafte Sympathie.

So mußte ich durch die Schuld des ungeschickten Schneiders daraus verzichten, die Geschichte des Priesters und der Spinne kennen zu lernen. Jedoch war ich zahllosen Schikanen ausgesetzt, und dadurch gewann ich Freunde, denn in den menschlichen Dingest ist das Gute immer mit dem Schlimwen vermischt. Wer in diesem Falle überwog das Böse. Dieser Anzug war unverwüstlich. Ver­gebens versuchte Ich ihn zu zerreißen. Meine Mutter hatte Recht: Rabiou war ein anständiger Mensch, der Gott fürchtete und gute- Tuch lieferte.