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Und während man hier wahrscheinlich der Meinung ivär, Latz ich mich i» Berlin königlich! crmüsierte, habe ich vont frühen Morgen bis in die sinkende Nacht in Bibliotheken und Archive» oder am Schreibtisch gesessen Etwas ganz Großes '«ind Bedeutendes sollte es werden, und ich freute mich wie ein Kind auf den Dag, an dem es vollendet sein würde. Und jetzt? Ein Haufe» Makulatur — weiter nichts. Ich glaube, nicht um de» Preis meines Lebens könnte ich mich noch einmal darüber hermachen. —i Nein, mit dem Rezept ist es nichts, liebste Jadwiga! Und ich habe ja auch zum Glück Dringenderes zu tun, als nach literarischen Lorbeeren zu streben. Du weißt, daß ich die Bewirtschaftung von Klein-. Ellbach ganz in die Hände meiner Frau gelegt hatte, denn schließlich war sie ja doch die eigentliche Besitzerin. Und habe immer uneingeschränkte Hochachtung gehabt vor der Energie, mit der sie ihre schwierige Aufgabe gelöst hat. Mer schließlich war es doch nur die Energie einer Frau, die alles von ihrem Boudoir aus regieren und leiten mußte, und es steht um das Gut wohl nicht allerorten so, wie es stehen sollte. Da Hand anzulegen und ein paar Monate oder Jahre lang zu schaffen lote einer, der um sein tägliches Brot arbeiten muß, das ist vorläufig alles, was ich an Zukunsts- pläuen hege. Darauf, daß der Himmel uns schon in nächster Zeit einen frischen, fröhlichen Krieg bescheren könnte oder sonst eine Möglichkeit, sich auf anständige und nicht ganz unnütze Weise aus diesem irdischen Jammertal zu verabschieden —i darauf wage ich bei meinem unentrinnbaren Pech leider nicht zu hoffen."
„Wie magst hu nur so sprechen — du, der Vater eines unerwachsenen Kindes!"
„J>a — dies Kind! Du kennst cs ja von deinen früheren Besuchen her, .unb 1 du hast dich während der beiden letzten Page mit ihm beschäftigt. Sage mir ganz aufrichtig, Jadwiga, wie hu von meinem! Kinde denkst,"
„Ich denke, daß man fiir Dietlindes Entwicklung das »leiste allerdings noch von der Zukunft erhoffen muß. Mer unter einer zärtlichen und liebevollen Pflege — '"
Cr machte eine hoffnungslos abwchrende Handbewegung.
g ®» ungefähr sprach auch die neue Erzieherin, die meinst >u noch furz vor ihrem Dbde engagiert hat, und so wer- vermutlich schon alle früheren Gouvernanten gesprochen e». Nach Verlaus von einigen Wochen oder Monaten waren sie es regelmäßig überdrüssig geworden, Zärtlichkeit und Liebe nutzlos zu verschwenden. Ich habe das Kind lieb !— i Gott weiß es, daß ich es lieb habe — aber was soll ich mit dieser Liebe anfangen einem Wesen gegenüber, das bei meinem Anblick in Dränen ausbricht und keinen anderen Plunsch hat als den, von meiner schrecklichen Gegenwart befreit zu werden? Mit welchen Hoffnungen soll ich einer Zukunft entgegensehen, die sich durch! die Zeichen an- nlndiat?"
„Ich kann dir darauf nicht antworten, Harro, ohne die Pflichten der Pietät gegen eine Heimgegangene zu verletzen. Mer ich meine, du siehst zu schwarz. Ob freilich eine bezahlte Erzieherin imstande sein wird, die große Umwand^ kung herveizuführen, die hier vollbracht iverden muß — !'
„Auch die jetzige Gouvernante hältst du für nicht geeignet? Ich glaube ja nicht an offenbare Wunder, aber ich war doch der Meinung, daß man von diesem Fräulein Oth- mar alles erhoffen dürfe, was sich bei Dietlinde überhaupt noch erhoffen laßt."
Er schien mit einer gewissen Spannung ihrer Antwort 411 harren. Jadwiga aber zögerte, und ihr schönes Gesicht hatte nicht mehr den bisherigen ibeichen Ausdruck, als sie endlich sagte: „Die flüchtigen Berührungen während dieser beide» aufregenden Tage erlauben mir nicht, ein Urteil über das junge Mädchen abzugeben. Daß ich im allgemeinen gegen so hübsche Gouvernanten immer ein wenig mißtrauisch bin, kann ich allerdings nicht verhehlen, und ich würde es jedenfalls für recht gewagt halten, ihr Dietlinde ohne jede Aufsicht und Kontrolle ganz und gär zu überlassen."
Pardelebe» lehnte sich mit einem schweren Atemzuge in seinen Stuhl zurück. „Und woher sollte ich diese Aufsicht nehme»? Daß ich sie nicht selbst üben bau», brauche ich dir wohl nicht erst zu sagen."
Diesinal wartete er vergebens auf eine Antwort seiner Base. Sie hatte den Kopf gesenkt, und die Spitzen ihrer schlanken, weißen Finger strichen wie in nervöser Verlegenheit über die Falten des schwärzen Kleides.
Da, wie unter dem Zwange einer plötzlichen Eingebung, stand Barbeleben auf und trat an ihre Seite. „Es wird dir
vielleicht wie eine verrückte Zumutung vorlomnien, Jadwiga', und du wirst möglicherweise bedauern, durch deine warme Teilnahme eine so unsinnige Hoffnung in mir geweckt zu haben, aber schließlich kannst du ja auch unbedenklich neist sagen. Ich gebe dir mein Worb, daß ich dir's nickch eine Sekunde lang verübeln würde.
„Und wozu sollte ich ja oder nein sagen, Harro?" sragte sie leise.
„Ich habe kaum den Mut, es auszusprecheu. Du, die verwöhnte und umschwarmte Dame der großen Welt — du, die schönheitsfreudige Lebenskünstlerin — du hier in diesem Klein-EUbach, das in den nächsten Mbnaten und Jahren wahrscheinlich nicht viel besser sein wird gls ein Kirchhof! Ach, es ist ja heller Wahnwitz! Laß uns nicht erst weiter davon reden!"
„Oh, wenn es nur das wäre! Du hast, wie es schein^ doch wohl eine etwas geringere Meinung von mir, als ich sie verdiene. Mer — "
„Wenn es nicht die Ungeheuerlichkeit des Opfers ist, die dich schreckt, was könnte dich sonst abhaltcn, mir oder vielmehr meinem Kinde diesen Liebesdienst zu erweisen?"
„Was würde die Familie dazu sagen, Harro? Nicht die nnserige, nach der wir wohl beide nichts fragen, aber die deiner Frau. Vor allem Herbert Rasmussen, der mich durch sein Benehmen schon heute deutlich genug hat fühlen lassen, wie unpassend ihm meine Anwesenheit erschien."
In Bardelebens Augen blitzte es auf. „Ter? Hältst du mich für den Mann, der sich durch Rücksichten auf den Herrn Oberleutnant Rasmussen bestimmen lassen könnte? Seine Billigung oder Mißbilligung — was kümmert sie mich und was kümmert sie dich? Der Hinimel weiß, was diesen Menschen bewogen hat, mich zu hassen; aber ich habe mir darüber bis heute so wenig den Kopf zerbrochen, als ich es künftig tun werde. Nichts aus der Welt ist mir so gleichgültig wie sein Haß. Und um seinetwillen würdest du nein sagen um seinetwillen, Jadwiga?"
Sie schien zu bedauern, ihn durch ihre Worte in solchx Erregung versetzt zu haben, denn sie stand nun ebenfalls auf und legte begütigend die Hand auf seinen Arm. „Dp niußt doch verstehen, Harro, daß ein derartiger Entschluß nicht ohne reifliche Uebcrlegung gefaßt werden darf Er braucht doch! auch! nicht schon heute gefaßt zu werden. Bis zu Dietlindes Genesung bleibe ich jedenfalls auf Klein-Gllbach, und bis dahin werde ich mich das Fräulein Othmar hin-
wissen, ob mein weitL« e notwendig oder zwei«
länglich kennen gelernt Haben, um.zu
res Verweilen in Dietlindes Interest ___________„ „„„„
mäßig sein würde. Daß es fiir mich kein Opfer bedeute^ versichere ich schon heute."
Da klopfte der Diener, um zu melden: „Herr Oberleutnant Rasmussen fragt, ob der Herr Baron für ihn zu sprechen sei.",
(Fortsetzung lolgt-js
Die beiden Schneider.
Von A n a t o l e France.
Die Schuluniform scheint mir für Gymnasiasten nicht recht geeignet, denn sie ist eine Art offizieller Kleidung, und durch deck Zwang sie zn tragen, wird die Unabhängigkeit der Gymnasiasten beeinträchtigt. Ich habe sie getragen und bewahre ihr ein« schlecht» Erinnerung.
Ich nnll erzählen, daß es zur Zeit, als ich das Gymnasium besuchte, in dem ich nur sehr wenig gelernt habe, einen geschickten Schneider namens Grdaoire gab. Grdgoire hatte nicht seines Gleichen, wenn es sich darum handelte, einer Schuluniform dazu geben, was sie haben mußte: Schultern, Brust und Hüstelt, Mit einer eigenartigen Schönheit umgab Gregoire die Rockschöhs. Er schnitt entsprechende Beinkleider dazu: in der Hüfte waren sie bauschig und sielen fast wie Gamaschen über die Stiefel. Wa- man von Grdgoirc angezogen und wußte nian das Käppi nur! einigermaßen zu tragen, indem man den Mützenschirm, wie die Mode es damals ivollte, hochschob, so sah man recht hübsch aus.
Grdgoire war ein Künstler. Erschien er während der Mittag-« pause in seinem gninen Anzug im Hose und trug, unter dem Arm zwei oder drei Meisterwerke von Schüleranzügen, so verließen hie Schüler, für welche diese herrlichen Schöpfungen bestimmt waren, ihre Spiele und gingen mit Grdgoire in eine» der Säle de- Erdgeschosses, um die neue Uniform amuprobieren. Aufmerksam und nachdenklich machte Herr Grsgoire alle möglichen kleinenKreldb- striche aus das Tuch- Und acht Tage später brachte er in derselbm grüijen Toilette ein einwandfreies Kostüm.
Leider ließ sich Ärsgoire seine Anzüge sehr hoch bezahlen. Er hatte das Recht dazu; er hatte keinen Rivalen. Luxus ist immer kostspteltg; Grögoire war «tn Lurnsfchncider. Ich sehe ihn noch:


