Kinderseele.
Roman von Reinhold Ditmantt.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ein leises «klopfen machte ihn auMicken, und er ließ gleichgültigen Tones die Aufforderung zum Eintritt ergehe». Eine große, schlanke, ganz in tiefste Trauer gekleidete Frauengestalt trat mit leisem Rascheln des nachschleppendcn Gewandes auf ihn zu.
„Store ich dich, Harro? Sage mir's qanz offen, wenn ich dir lästig falle."
Er hatte sich bei ihrem Anblick erhoben und ihr seine Hand entgegengestreckt. „Welche Berinutung, Jadwiga! Worin solltest du mich denn stören? Ich bi» dir im Gegenteil von Herzen dankbar, daß du niich nickst schon heute ivieder Verlassen hast. Das Opfer, das du damit bringst, ist sicherlich nicht gering."
Er hatte einen der breiten Sessel für sie zurech tgerückt, und ihr von dem Schein der elektrischen Arbeitslmnpe matt beleuchtetes Gesicht hob sich wie das Antlitz einer herrlichen Statue von dem dunklen Hintergründe ab
„Von einem Opfer ist keine Rede. Aber ich hätte wohl freilich nicht bleibe» dürfen, wenn nicht Dietlindes Krankheit den Aufschub meiner Abreise gerechtfertigt hätte."
„Und warum hättest du nicht gedurft, Jadwiga? Biel- lleichl weil ein paar Klatschbasen sich möglicherweise darüber «mfgehalten tstitten? Es war dock, sonst nicht gerade deine Art, dich um dergleichen viel za kümmern."
„Und ivenn ich mich jetzt daruin kümmerte, geschähe es gewiß nicht meinetwegen, .^arro Ich bin allerdings nicht gewöhnt, mich bei w.' nern Dun und Lassen nach de» Meinungen anderer zu richten."
„Dasselbe darfst du getrost auch ber mir »oraussetzen. »über ich meine, wir beide sollten uns hinlänglich kennen, um «Mer derartigen Bersichernngen überboben zu sein. Du wirst eben bleiben, solange dir es in dieser Einöde aiishalteu kannst, und jeder Tag, den dn meinem armen Kinde schenkst, wird mein Schuldkontv mit einem weiteren Posten belasten. — Du bist wohl eben bei der Kleinen gewesen?"
„Ich komme von rhr, um dir Bericht zu erstatten. Es geht chr ganz gut Das Fieber t»oi sich auch am Rachm,ttag nicht eingestellt, und ich gbaube nicht, daß sie mehr als einige Tage brauchen wird, um »weder ganz gesund zu sein."
„Ganz gesund?" Bardeleben schüttelte mit finsterer Miene den Kopf „Ick, fürchte, liebe Jadwiga, das wird sie wie An ihrem Blute oder in ihren Nerven muß etwas stecken, gegen das alle ärztliche Kunst „«achtlos ist. Es sck^int eben, dach mir wo« allen sogenannten irdischen Freuden nicht eine einzige vergönnt sein soll Na, vielleicht habe »ch's nicht besser verdient."
„Daß du lstute so denkst und sprichst, ist wohl natürlich. Aber es tut mir darum nicht weniger weh, .Harro. Und ich hoff«, daß du stark genug sein wirst, es bald zu überwinden."
,/Was zu verwinden? Den Verlust meiner Frau — meinst du?"
„Ja. Oder doch wenigstens diesen wilden Schmerz, der dich so traurig verioandelt hat. Die anderen mögen das nicht so sehen und sich durch deine scheinbare Fassung tauschen lassen. Ich aber, die ich dich besser kenne, ich bin voll schwerer Sorge um dich, Harro. In deiner Art ist etwa Unnatürliches) etwas, das ich mit ineiner Borsteklung von deinem Wesen und deinem Temperament nicht vereinigen kann. Ich würde dich tausendmal lieber weinen oder gegen Gott und die Welt wüten sehetl als so."
Wie ein mühsam niodcrgekämpstes Schluchzen war es bei den letzten Worten in ihrer Stimnie getoesen.
Bardeleben neigte sich vor und legte seine Hand auf die ihre. „Du bist gut und warmherzig wie immer, Jadwiga! — Manchmal, wenn ich dich reden höre, klingt es in meiner Seele an wie eine liebe Erinnerung aus den Tagen meiner Kindheit. Ich kann mir die Stimme meiner Mutter nicht mehr oorstelten; aber ich meine, sie »ruß geioesen sein wir deine. Und darum empfinde ich jedes liebe Wort, das du für mich hast, doppelt als eine Wohltat. Aber du sollst dich meinetwegen nicht beunruhigen. Es hätte wohl keinen Zioech wen» ich dir auseinanderzusetzen versuchte, daß du meinen Gemütszustand nicht ganz richtig beurteilst, den» das sipd Dinge, für die sich nur schwer der rechte Ausdruck findM läßt. Aber wie er auch sein mag, ich gebe dir die Versicherung, daß ich entschlossen bin, nicht daran zugrunde zu gehen."
Wie innige Dankbarkeit »oar es in dem Aufschlag der schönen Augen, die sich zu seinem Gesicht erhoben.
„Und du wirst mir erlauben, dich an diese Versicherung! zu erinnern, so oft id)’s für nötig halte? Wie gerne »nÄchte ich dir ein wenig helfen, dich wieder zurechtzufinden! Mer ein Mädchen vermag so ivenig Wir armen Dinger sehen uns ja bei jedem zweiten Schritt an den Grenzen unseres Könnens."
„Wenn mir überhaupt Hilfe von eurem anderen kommen könnte, wer weiß, ob du nicht inehr vermöchtest als foulst einer. Aber wie die Sackwn stehen, muß ich schon versuchen, inich selber heoanszureißen. Auf irgendeine Weise muß es doch schließlich gehen."
„Hast du nicht die Absicht, jetzt vor allen» dein kriegs- geschichtlichcs Werk zu vollenden? Vor »oenig Monaten erst sagtest du mir in Berlin, welckw Befriedigung dir die Beschäftigung darnit gewährte. Für einen Männ gibt es ja keine bessere Trösterin als die Arbeit."
Bardeleben »oandte sich nach dem Schreibtisch um und stieß mit der Hand gegen einen Haufen durcheinander geworfener Manuskriptbläiter. „Da ist es—- mein großes Werk!" sagte er in bitterer Selbstverspottnng „Mehr als zwei Fahre lang lw.be ich alle ineine Kräfte daran gesetzt.


