Ausgabe 
25.7.1914
 
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nüchternen Tagesereignisse eines ganzen Lebens nicht »lehr ab- »»schwächen vermögen.

Es trieb mich damals nach Rußland, in die Krim, weiß Gott, welch ein Zufall mir die Anregung dazu gab, aber ich besaird mich in jenem in gleichem Maße glücklichen tvie unglücklichen Zustand meiner Entwicklung, in welchem das Bedürfnis nach Erlebnissen eine oft so gcsahrvolle Gleichgültigkeit gegen jedes äußere Ergehen mit sich bringen kann. Mit unbestimmtem Glauben an ein sicheres Glück und mit beschränkten Mitteln ausgestattet, erschienen mir die Güter der Welt immer nur dort erreichbar, wo ich mich eben nicht befand.

Es war Hochsommer und sehr heiß, als ich am Meer anlangte, in einem kleinen Ort, der wahrscheinlich nur in dieser Jahreszeit das wechselvolle Bild bot, das mich anlockte und zum Verweilen einlud. Der Sommer und das Meer hatten eine bunte Fülle von Menschen aller Stände und Interessengebiete hier vereint, Kleinrussen, Kaukasier, Türken und städtcmüdc Vertreter der Mos­kauer Gesellschaft mischten sich unter Barfüßler und behäbige Kaus- leute und Bauern aus der Provinz, die ihre Standesehre schwer­fällig behaupteten und jeden Umgang mit dem heimatlosen Gesindel mieden, das den Strand und die Weinberge belebte. Da es dem rus­sischen Charakter fernliegt, seine Angewohnheiten und Lebens- gebräuchc nach den zufälligen Nachbarn oder nach den Fremden zu richten, so bot sich jeder Stand in seiner charakteristischen Le­bensform da und es entstand ein mannigsalttges Bild.

Ich mietete einen Schlafraum in einem modernen Hotel, das nur für die Dauer der Saison ausgeschlagen worden war und einer jener Tribünen glich, die auf Rennplätzen oder Jahrmärkten aus­geschlagen werden. Unten befanden sich ein Tanzsaal, ein kleines Cass, und eine Stallung mit Wagcnremise, drei Räumlichkeiten, die je nach dem Zuspruch auf Kosten der andern vergrößert werden konnten. Ms ich mir dort am Abend Wein bringen ließ, fand ich die Gesellschaft Gleichgesinnter, nach der ich Verlangen trug. Ich war lange über den Stand und die Lebensintcressen der Tisch­runde, die ich vor mir hatte, in Zweifel, ich hörte deutsche Worte, russische, auch wurde französisch gesprochen, eine Guitarre ging von Hand zu Hand, vom Tee über Kvrnschnaps bis zu französi­schem Schaumwein wurde allen Getränken zugesprochen, die das Haus zu bieten hatte, und wer aus der Kleidung der Versammelten auf ihren Stand oder Beruf zu schließen versucht hätte, wäre am wenigsten zu einem sicheren Resultat gekommen.

Soviel lieb sich bald erkennen, daß ein Mädchen, das am Ende des Tisches saß, tief in die Bank zurückgelehnt und in ern Tuch gehüllt, das auch ihr Haar fast ganz verbarg, der Mittelpunkt dieses lockeren Kreises war. Wäre sie es nicht gewesen, so hätte jeder Beschauer von aufmerksamem Anspruch sie dazu gemacht. Ihre Gesichtsfarbe war von völlig gleichmäßigem Hellbraun, der große Mund beinahe farblos, als siele ein matter, rötlicher Schein auf einen Grund von Elfenbein. Ihre Augen loareu von so ttesem Schwär», so glänzend in ihrer nächtigen Allmacht und von so sttahlcnder Lebensfülle des Blicks, daß sic die Sinne des Beschau­enden wie in einen mpstischen Bann von Andacht sprachen. Die Brauen liefen unter der Sttrn so gleichmäßig und breit dahin, als ob sie mit weicher Kohle gezeichnet worden wären, und als seien sie nie berührt, von keiner Glut und keinem Sturm. Ich starrte hinüber und trank.

Nach einer Wei^e flogen ein paar leise Worte in Frage und Antwort um den Tisch, die meiner Person zu gelten schienen, ich fürchtete, als Zuschauer lästig geworden zu sein, aber da sah ich, daß das Mädchen aus die Frage eines jungen Mannes hin nickte. Und er erhob sich stnd trat auf mich zu.

Die roten Hände im Gürtel seines Kittels, nickte er zwei, dreimal, ebenso derb wie gutmütig, und wies dann hinter sich an den Tisch seiner Gefährten:

Sie sind angckommen, sind allein. . . also, was hindert Sie, wem. Sie wollen, bei uns am Tisch zu sitzen? Wir trinken, singen . . . nun?"

Ich stand auf und gab ihm die Hand.Ein Deutscher ist bs," sagte er, als wir vor den Anderen standen. Und er stellte mir seine Freunde vor, einen nach dem Niederen. Ich hörte Namen, die ich vergaß, der eine hob sein Glas, der Andere die Hand.Und dies ist Teja," hörte ich, und mein Nachbar wies auf das Mädchen, das mich mit einem Blick und einem Lächeln einlud zu bleiben. Und nach diesem Gruß war mir, als wäre ich unter diesen heimatlosen Gesellen längst schon zu Hause.

Ter Tisch leette sich gegen Mitternacht langsam, als eine der Letzten ging in Begleitung von zwei jungen Männern auch Teja, Und das Lokal schien nrir nun leer und verödet. Bon ihren Be­gleitern fiel ein rauher Geselle mir erneut auf, als er sich scheu und fast tölpelhaft um das junge Mädck,cn bemühte, und fast wun­derte ich mich, daß sie sich in solcher Gesellschaft in die Nacht hin­auswagte. Ein verwilderter Bart bedeckte sein rauhes slavisches Gesicht, und er ging fast in Lumpen. Mir waü, als sei er nur aus Mitleid am Tisch geduldet.

Mein Nachbar, der mit mir zurückgeblieben war, beobachtete mich und sah mich nun lächelnd an, während er in gebrochenem Deutsch sagte:

Nicht wahr. Sie wundern sich? Der Tisch ist nun leer, aber tS hat nicht einer daran gesessen, der nicht in Teja verliebt ist, Lnd die scheinbare Harmonie in dieser Runde ist gefährlich. Mor­

gen gehören Sie übrigens auch zu diesen Freiern, wenn Sie eS nicht schon heute tun."

Wer ist jener verkommene Mensch, der das Mädchen begleitet hat?" fragte ich.

Verkommen? Sie sind noch jung . . schließen nach der Klei­dung ; das Erste ist Teja auch, aber das Zweite tut sie nicht. Ach, Sie haben eine Ahnung, glaieben, das Leben sei, wie es aus­sieht . . ." Nun, so sagte er Mir denn, wie das Leben sei, Und ich lauschte ihm bis gegen Morgen, nicht um seinetwillen, sondern weil ich durch ihn von Teja und ihren Freiern hörte.

Die seltsamen Geschichten und Schicksale, die ich hörte, gingen mir noch lange Zeit durch den Kopf, und ohne daß ich eA recht gewahr geworden war, hatte ich das Interessengebiet dieses merk­würdigen Kreises zu meinem gemacht. Ich lernte sie nacheinander fast alle näher kennen, den reichen baltischen Gutsbesitzcrssohn, der in sinnlosem Unverstand seiner Enttäuschung sein Vermögen vergeudete, den jungen Petersburger Dichter, der in seiner Heimat berühmt war und sich hier damit begnügte, Abend für Abend kaum beachtet an Tejas Tisch zu sitzen. Ein junger Ofsizier, der inr Kau­kasus diente und hier seinen Urlaub verbrachte, siel mir durch seine beinahe klassische Schönheit auf; ich Mußte oft dies kühle- klare Gesicht anstarren, und über denr Ebenmaß seiner Form vev» gaß ich die Leerheit seines wohlbestellten Blicks. Es schien mir Un­vermeidlich, daß das Mädchen ihm den Vorzug geben mußte, aber sie behandelte alle mit gleichmäßiger Freundlichkeit. Am meiste» aber fesselte mich jener zerlumpte Geselle mit dem wilden, un­schönen Kops, der nie sprach, und dem bei aller Grobheit des Gebarens eine eigen schwermütige Welt aus den blauen Auge» sprach. Er hieß Paule.

Der Sommer verging. Teja lebte sttll unter diesen Unge­stümen und Melancholischen dahin, wie in eine Hoffnung versunken, deren Erfüllung in unerreickbaren Fernen harrte, und sie trug ihren Anspruch, wie das Pfand ihres Wertes, in liebevollem Schwei­gen; es war mir oft, als sei sie aller Schwester, und sie wurde auch die meine. 1

Und dann geschah jenes unfaßbare Etwas, das wie ein greller Blitz in die Schwüle der Erwartungen brach, von welcher nur Teja nicht berührt zu sein schien. Ich weäde diese Stunde nis- mals vergessen. Paule war nicht anwesend. Am Tisch erzählte jemand, es war jener junge Offizier und um ihn her wurde- lacht.Und dann kniete er davor. . ." verstand ich. Da fragt« Teia, wovon die Rede sei. Anfangs zögerte man, aber dann wurde jene Geschichte zum Besten gegeben, es handelte sich um Paule. In einer einsamen Grotte am Meer hatten Badende ihn beobachtet, wie er an einer selten betretenen Stelle zwischen den Felsen einen Stein fortwälzte und eine Stelle im Sand betrachtete. Später forschten sie nach und fanden dort den mit großer Sorgfalt ge­hüteten Abdruck eines kleinen Frauenfußes . . .

Wenn ich doch Tejas Gesicht schildern könnte. Sie erhob sich ein wenig, beugte sich vor, und es schien, als lauschte sie aus eine Verkündigung von menschlicher Liebeskrast und vom Lech der Hofs« nung, wie sie es nie geglaubt hatte. Das Lachen am Tisch vev- stammte, als sie aufstano, mit einer unvergeßlichen Gebärde der Entschlossenheit das Tuch um die Haare warf und hinausging. Wir Lachenden haben sie niemals mehr in unserer Mitte gesehen. Sie ist Paules Frau geworden.

vadehistörchen aus alter Zeit.

Ins Bad so lautete zu Beginn der heißesten Zeit des JahreÄ die Losung Unserer Altvordern vor drei- oder gar fünfhundert Jahren, ganz wie heute. .Freilich, die See oder das vochgebirg.«

K te euan damals nicht auf, sondern man machte seineBaden- t" in ein binncnländisches, nicht hochgelegenes Modebad, sei es, um sich durch Vergnügungen zu zerstreuen, sei es, um Heil urig von irgend einer Krankheit zu suchen. I \

Seltsam, ganz seltsam muten uns moderne Menschen die zeit­genössischen Berichte über das Badeleben von anno dazumal an. In Waden sim Aargau), einem der ältesten Modebäder überhaupt, gab es beispielsweise das sogenannteSchlemmerbad"! Nach de» Sitte jener Zeit bildeten sich geschlossene Gesellschaften für ein­zelne Bäder, und über das Herrenbad im Staadhose, in dem zwanzig Geistliche und Weltliche, übrigens Katholische und Refor­mierte gemeinsam, badeten, erzählt Gustav Peher nach alten Quellen:Wer sich anfnehmen lassen wollte, konnte sich mit ein bis zwei Fuder Wein einkaufen, oder er zahlte zwee Doppelvierer". Morgens 6 Uhr wurde gemeinsam im Bade die Suppe genossen, wobei vor und nach dem Essen gebetet ward. Dann folgte ein ftirzweiliges Lied auf dasjenige Gesellschastsmstglied, welches tags zuvor denWirt" gemacht hatte, und die Wahl des neuenWirts", der mit einem Kranze geschmückt wurde. An Sonn- und Feier­tagen wurden die Morgensuppe und der Gesang ausgesetzt. Um stets in heiterer Stimmung zu sein, sprach man dem Weine wacker zu, weshalb nun das Herrenbad nicht im Rufe absonder­licher Solidität stand, sonderte gemeinhin das Schlemmerbad ge­nannt wurde, in dem man dievolle Mette" singe. Die Bade- geseUen hielten unter sich einen studentisch strengen Eomment, wählten einen Schultheißen, Statthalter, Säckelmeister, Kaplan- Schreiber, Großloeibel, Kalthans, Schergen und Nachrichter, deren iedeni ein bestiminler Pflichtcnkreis zugcteilt war. Sie aste must»