Ausgabe 
25.7.1914
 
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imng habe ich mich auch noch nicht umgesehen, in der Angst, daß ich dich dann vielleicht nicht mehr finden könnte."

Da erbat er sich wenigstens die Erlaubnis, sie ans ihren ersten Wegen in dem fremden, großen Berlin zu begleiten, und es erfüllte sie sichtlich mit Stolz, daß er nicht ver­schmähte, sich vor allen Leuten auf der Straße mit ihr zu zeigen. _ -

10. Kapitel.

Der Tag, dessen dunstig Verschleierte Mittagsonne über matten Strahlen über das pomphafte Leichenbegängnis der Baronin Irma p. Bardeleben ausaestreut, neigte sich seinem Ende zu. Es war ein herber, rauher Dag gewesen, und der Wind war schneidend scharf über !die kahlen Felder von Klein- Ellbach gestrichen. Ans dem alten Friedhof von Reinswaldau aber war ein MenschengeiviiUM'l gewesen, noch gedrängter und vielköpfiger als vor sieben Jahren bei der Beisetzung des alten Barons. Die Bardeleben besaßen kein Mausoleum auf eigenem Grund und Boden, oder es war doch wenig­stens heute nicht mehr Bardelebenscher Boden, auf dem sich der kapellenartige Bau ihres Erbbegräbnisses erhob. Vor Zeiten freilich hatte ihnen auch Reinswald au gehört, damals eine unscheinbare Siedlung mit wenig mehr als zwanzig armseligen Kätncrhäusern.

Wer es lebte keine Erinnerung mehr an diese längst dabingegangeneu Tage feudalen Glanzes. .Jetzt gehörte Reinswaldau mit seiner einzigen, aber schier ins Unend­liche gereckten Dorfstraße vom ersten bis zum letzten Hause oer Industrie. Die riesigen Webereien der Aktiengesellschaft, vormals Rasmussen u. Söhne, beherrschten alles, und als Hauptaktionär des von seinen Vorfahren begründeten Unter­nehmens durfte sich der Oberleutnant Herbert Rasmussen noch heute als den eigentlichen Herrn von Reinswaldau be­trachten. Die schmucklose Billa unweit der großen Fabrik­gebäude, in der bis vor sechs Jahren sein Vater, der Kom- hrerzienrat Rasmussen, gewohnt hatte, stand noch immer jiu seiner Aufnahme bereit; aber zum ersten Mckle in diesen sechs Fahren war er vor zwei Dagen hier abgestiegen. Much vie von seinem Regiment zur Teilnahme an der Beerdi­gungsfeier entsandten Ossiziere hatten für eine Nacht in per Villa Rasmussen Wohnung genommen, während die ehe­maligen Regimentskameraden des Herrn v. Bardeleben sich im Klein-EMacher Herrenhause einquartiert hatten.

Es waren auch sonst noch etliche Logiergäste aus der Verwandtschaft aus dem Schlosse eingetrosfen, aber die Meisten waren doch erst am Morgen des Beisetzungstages gekommen, und der Harmsdorfer Bahnhof hatte seit langem Nicht mehr einen so lebhaften Verkehr gesehen als gn diesem Tage. Der große Saal im unteren Stockwerk des Schlosses hatte bei der Trauerfeier nur einen kleinen Teil der von allen Seiten zusammengeströmten Leidtragenden aufzu­nehmen vermocht, und der Lcicheuzug vom Herrenhause bis um Friedhof war der längste gewesen, dessen sich die ältesten tente aus Reinswaldau erinnern konnten, und sie erinner­ten sich auch an keine schönere, erhebendere Beisetzung, als es die heutige gewesen war. Eine ganze Regimentskapelle hatte die Trauermärsche und Choräle gespielt; die Schul­kinder von Reinswaldau und der Wawenburger Kirchen­chor hatten abwechselnd gesungen, der Geistliche hatte nach dem einstimmigen Urteil der Hörer die rührendste Rede seines ganzen Lebens gehalten, und der Kränze waren so viele gewesen, daß man sie auf zwei Wagen dem unter der Blumenfülle völlig verschwundenen Sarge hatte nachsahren müssen.

Auch der Tränen waren sehr viele vergossen worden bei der Trauerfeier im Schlosse wie an der offenen Gruft. Wie ein einziges lautes Schluchzen war es durch die hundert­köpfige Menge gegangen, als der Geistliche in ergreifenden Worten das Bild der Entschlafenen ausgemalt, die ein nn- erforschlichcr Ratschluß der Vorsehung in ihres Lebens Maienblüte dahingenommen habe, hinweg aus dem Schoße des Familienlebens, von der Seite des Gatten nnd des ein­zigen Kindes.

Aufrecht und straff, aber mit der Straffheit eines Stein­bildes, hatte der Baron Harro v. Bardeleben dagestandeu, als man unter dem Dache seines Hauses den letzten Segen sprach über die irdische Hülle seiner Frau und als man später u nter dem Gesqnae heller Kinderstinnnen ihren blumenüberladenen Sarg langsam hinabgleiten ließ in die Gruft. Nicht ein Muskel in seinem schönen, stolzen Gesicht hatte sich bewegt, und was die Zunächststehenden in seinen

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Zügen lasen, dünkte sic viel eher finsterer, verbissener In­grimm als verzweifelter Schmerz.

Zum ersten Male in seinem Leben war es Bardeleben heute widerfahren, daß die Leute von Reinswaldan hart und unfreundlich über ihn urteilten. Und da, wo die Zu­schauer weit genug von dem eigentlichen Trauergefolge ent­fernt standen, um sich ohne sonderliche Rücksichtnahme unter­halten zu können, waren zum ersten Male Worte herben Tadels für den Gatten laut geworden, der die Lebende schmählich vernachlässigt habe und nun nicht einmal den kümmerlichen Liebestribut einer Träne für die Tote auf­bringen könne. Die gerührte Stimmung des Augenblicks be­reitete den Boden für die gefährliche Saat dar üblen Nach­rede. Wie giftzüngige Schlangen krochen die Verdächtigung und Verleumdung durch die Menge. Von sträflicher Untreue wisperten die einen, von brutaler und herrischer Behand­lung die anderen, und che noch über der Gruft das letzt» Amen gesprochen worden war, hatte sich von Mund zu Mund ein böses Wort fortgepflanzt, ein Wort, vielleicht sinn- und gedankenlos hingcworfen von dem, der es zuerst gesprochen, aber mit bedeutsam tückischem Inhalt erfüllt von denen, die es weitergegeben:Wer weiß, was da drüben geschehen ist in der Nacht ihres Todes! So jung stirbt man nicht am Schlagfluß. Und sie war doch immer ganz gesund! Aber bei den vornehmen Leuten kann natürlich alles pertuscht werden!"

So schlich es durch die Reihen, Und cS war, als sei durch den rätselhaft schnellen Tod der schönen, jungen Frau alles Gedenken ausgelöscht an den Groll und die Abneigung, die man uni ihres hochmütigen Stolzes willen einst gegen die Lebende gehegt.

Im Klein-Ellbacher Herrenhause war es> nach der Bei­setzung hcrgegangen, wie es in ländlichen Trauerhäusern bei solchem Anlaß immer herzugehen pflegt. Im großen Speisesaal war eine lange Tafel gedeckt gewesen für die von auslvärts gekommenen Leidtragenden, aber sowohl der Gatt« wie der Bruder der Verstorbenen hatten sich entschuldigen lassen, nnd das stille Mähl war schon nach Verlauf einer halben Stunde vorüber gewesen. In der Bibliothek hatte Vardelcben die Besucher zur Verabschiedung erwartet, nnd er hatte sich bei dieser Gelegenheit ebenso rnhig und gefaßt gezeigt wie im ganzen Verlauf des Tages. Ein Händedruck, ein kurzes, trockenes Dankcswvrt, das war alles, >r»as er als Antwort auf die erneuten Beileidsversicherimgen der Ver­wandten und freunde hatte.

Als die Dämmerung hercinbrach, rollte auch der letzte Wagen durch die Auffahrts-Allee davon, und tiefe Stille lag wieder über dem alten Herrenhause, das heute zum ersten Male seit einer Reihe von Jahren der Schauplatz regen, bewegten Lebens gewesen war.

Bardeleben saß vor dem großen Schreibtisch in der Bibliothek, die er seit jener Fahrt nach Waldenburg nur selten verlassen hatte. Sogar die Nächte vc«.brachte er hier unten, nachdem ein anstoßendes Kabinett auf seinen Befehl zum Schlafzimmer hergerichtet worden war. Es war, als habe er ein Granen davor, seinen Fuß in die Räume des oberen Stockwerks zu setzen, und als wolle er auch keinem anderen mehr gestatten, die bisher von ihm und von seiner Frau benützten Gemächer zu betreten. Unmittelbar nachdem man die Tote zur Aufbahrung in den großen Saal hinab- aetragen hatte, waren sie auf sein Geheiß verschlossen wor­den, und die Schlüssel ruhten, für niemand erreichbar, in einen: Geheimfach seines Schreibtisches.

Er hatte eine Anzahl von Papieren vor sich liegen, die ihm der Gntssekretär Tißmar schon gestern unter allerlei verlegenen Entschuldigungen überbracht batte, weil es nach « seiner Versicherung unerläßlich war, daß oer Herr Baron sie selber unterzeichne. Ein paarmal hatte er auch schon den ! Versuch geniacht, sie durchzusehen; aber er war niemals über das erste Blatt hinausgekommen. Und das hielt er jetzt wieder seit beinahe zehn Minuten in der Hand, ohne daß ihm von seinem Inhalt mehr als der Sinn der Anfangszeilen; zum Bewußtsein gekommen wäre.

(Fortsetzung wlgt-sl

Tejas Wahl.

Von WaldcmarBonsels.

Tejas kurze Geschichte ist eines jener entscheidenden Erlebnisse der Jugend, die unsere Betrachtung und Wertung menschlicher Angelegenheiten auf einen Anspruch erheben können, welchen jätJ