Ausgabe 
25.7.1914
 
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Kinderseele.

Roman tarn Reinhold Drtmamt (Nachdruck verboten )

(Fortsetzung.)

^ ' Reibnitz hatte ivieder feine unstete Wanderung durch bas Zimmer begonnen. Rmr blieb er plötzlich dicht vor ihr stehen.Das sind Redensarten, Regine! Wahrscheinlich hast vu eininal irgendwo so was Aehnliches gelesen, Aber damit du selber einsiehst, daß alles bloß leeres Geschwätz ist, will sch dir etwaö sagen Darauf, ob ich dich lieb genug habe zum Heiraten, ob ich überhaupt jemals wieder ein Weib lieben kann. darauf kommt es augenblicklich gar nicht an. Die Hauptsache ist, daß ich ein verlorener Mensch bin, und das) mein Leben unheilbar verpfuscht ist. Ich habe kein Geld, keine Familie und keine Freunde. Ich könnte dir so wenig etwas zu essen schaffen, als ich dafür sorgen könnte, daß du ern Dach über oem Kopf und ein Kleid auf dem Leibe hast. Und so wie es heute ist, würde eS immer bleiben. Denn ich tauge nicht zum Arbeiter. Das da unten in Klein-Ellbach war mein letzter Versuch. Gott weiß, daß ich es nicht acht Vage ansgehalten hätte,< Wenn nicht na, das ist ja vor­bei Da siehst dn mich, wie ich wirklich bin. Haft du immer noch Lust, dein Schicksal mit nreinem zu verbindend'

Ja, Botho. Denn das alleS ist doch nur ein vorüber­gehender Zustand. AuS jedem Wort, das du sagst, höre ich doch nur das eine, daß du einen Menschen niemals so nötig gehabt hast wie eben jetzt."

Als hätte ihre sanfte Beharrlichkeit ihn völlig zu Boden geschlagen, ließ er sich ans einen Stuhl fallen.

Starr vor sich Hinblickend, sprach er nach einer kleinen Weile mit leiser Stinnne loeiter:Aber ich will keinen Men­schen haben hörst du, Mädchen: ich will nicht. Ich kann reinen mehr brauchen. Was ich dir von mir gesagt habe, ist ja noch lange nicht alles. Da ist noch etwas anderes, etwas hundertmal Schlimmeres, ivas ich dir nicht sagen kgnn Wenn du das wüßtest aber es ist ja Unsinn, daran zu rühren. Du fyörft doch, baß ich nicht will."

Er hatte beide Ellbogen auf die Tischkante gestemmt und dos zuckende Gesicht in den Händen verborgen.

Waging Regine aufden Fußspitze,, zu ihm hiu und legt« ihren Arm um feinen Nacken.Ich bitte dich, Botho, höre mich geduldig an. Ich glaube, du hast mich noch gar nicht

a iig verstanden. Daß dir arm bist habe ich ja gewußt, nicht einen Augenblick habe ich daran gedacht, dir zur ! zu fallen. Ich werde mir hier eine Stellung suchen, und ich bin gewiß, daß ich eine finden werde. Ich habe mancherlei gelernt und fürchte mich vor keiner Arbeit. Es ist ja genug, wenn wir uns me unv da einmal sehen rönnen. Und auch für dich wird sich etwas finden, daS deinem Namen und betnen; Stande angemessen ist. Ich ii ich bin ja nicht mit leeren Händen zu dir gekommen, Botho.

Bei den letzten Worten erst hatte ihre bisherige Sicher­heit sie ein wenig im Stich gelassen, und eine h«ße BiuV- welle war über ihr Gesicht gegangen.

Reibnitz aber, der ihre zärtliche Berührung anscheinend nur widerwillig geduldet hatte, erhob plötzlich den Kops. Nicht mit leeren Händen? WaS soll das heißen, Regtne?"

Ich habe schon vor zwei Jahren von einer Dante fünf­tausend Mark geerbt, die damals auf ein Sparkassenbuch für mich eingezahlt wurden. Das Buch habe ich mitgebracht, und wenn du mir die große Freude machen willst, es von mir anzunehmen

Ach, Unsinn!" siel er ein, aber es hatte doch einen an­deren Klang als seine früheren Zurückweisungen.Damit könnte ich leicht in des Teufels Küche kommen. Du stehst ja noch unter väterlicher Gewalt."

Dtein Vater weiß, daß ich daS Buch mitgenomiiien habe, und er hat keinen Einspruch dagegen erhoben. Ich svlle tun und lassen, was mir gefiele, sagte er. Er will eben ini Zukunft nichts mehr mit mir zu schaffen haben."

Ja aber ich kann das Geld doch nicht so ohne weite­res nehmen. Eines Tages wirst du anderen Annes werden und wirst, es zurückverlangen. Das geht immer so. Und wenn ich es dann zufällig nicht habe

Nie niemals werde ich einen Pfennig zurück- verlangen, Botho! Ich lväre ja so glücklich, wenn du es als ein Geschenk ansehen wolltest, als einen gaw geringe» Be­weis meiner Liebe. Wie gerne würde ich tausendmal mehr für dich tun!"

Die Rührung, die ihn jetzt veranlaßte, seinen Arm um sie zu legen und sie an sich zu ziehen, niochte nicht ganz und gar erheuchelt sein. Vielleicht erinnerte er sich eben jetzt daran, daß sie um seinetwillen ihr junges Leven hatte fort­werfen wollen, und daß sie trotz seines offenen Verrats noch immer gläubig alle ihre Hoffnungen auf ihn gesetzt hatte. Und aus dem düsteren Chaos, als das ihm noch vor wenigen Minuten seine Zukunft erschienen war, hob sich vielleicht auch für jhn in diesem Augenblick etwas wie ein fernes, hoffnungsvoll leuchtendes Ziel.

Dir bist ein guteS Mädchen, Regine ein besseres jedenfalls, alS ich's verdiene. Aber du darfst nicht verlangen daß ich dir heute große Versvrechunaen mache, und du wirst wahrscheinlich noch viel Geduld haben müffen, bis ich so geworden bin, wie dus dir wünschest, Einen Versuch dazu will ich jn Gottes Namen machen."

Wie ein Schimmer des Glückes hatte es sich über ihr junges Gesicht gebreitet, und in scheuer Liebkosung berührten ihre Lippen seine Wange.Mehr habe ich mrr für den An­fang ja auch gar nicht erhofft, Botho!" flüsterte ste.Und nun will ich wieder gehen."

Er wollte sie noch halten, aber sie widerstand mit freund­licher Entschiedenheit seinem Drängen.

Nein, nejn! Es gibt ja auch so viel für mich zu tun. Ich werde mich nicht eher beruhigt fühlen, als bis es mir gelungen ist, eine Stellung zu finden. Und nach einer Woh-