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„Herr v. Bordeleben — ivenn ich nicht davon dächte, daß hier über meinem Haupte ein von mir innig verehrtes, unglückliches Wesen —"
Er sprang zurück, ohne den begonnene» Satz zu voll- enden, denn mit einem unartikulierte» Laut, der eher aus der Brust eines wilden Tieres als aus der eines Menschen zu konimen schien, hatte der Baron die Lehne des schweren, geschnitzte» Schreibsessels ergriffen, vor dem er gestanden, und hatte das wuchtige Möbelstück emporgerissen, wie wenn er sich seiner als Waffe zu einem vernichtenden Schlage bedienen wollte.
„Halunke!" keuchte er. „Du wagst es — "
Reibnitz war schon in Sicherheit neben der Tür.
,Mir werden bei anderer Gelegenheit weiter miteinander rede», Herr v. Bardeleben! — Adieu!"
Mit einem dröhnenden Krachen hatte der Baron den Sessel auf den Boden zurückgestoßen. „Gewürm!" stieß ev ztmschen den Zähnen hervor. „Daß inan's nicht zerstampfeitz und zertreten kann! Daß man — ach!"
Seine Arme fielen gewichtig auf die Platte des Schreibtisches, und er verbarg sein Gesicht in ihnen, während seine muskulösen Schultern wie in einem verhaltenen Schluchzen erzitterten. Davon, daß zweimal an die Tür geklopft wurde, hörte er nickts, und langsam nur richtete er sich auf, als er eine leichte Berührung verspürte.
„Ah, Sie sind's, Doktor!" sagte er, sich das wirre Haar aus der Stirn streichend. „Meinten Sie denn, daß es auf Klein-Ellbach schon wieder für Sie zu tun gäbe?"
Der Santfätsrat hotte sich einen Stuhl dicht neben den Sessel Bardelebdns gerückt, und nun legte er ihm in freundschaftlicher .Vertraulichkeit die Hand auf das Knie. „Was sind das für Sachen, mein liebster Baron! Ein Manu von Eisen wie Sie! Mt dieser wilde» Trauer wüten Sie ja gegen sich selbst!"
Sarkastisch verzog der andere die Lippen. „Meinen Sje, Doktorr Sie haben's nicht für möglich gehalten, daß ich meine Frau so betrauern könnte — nicht wahr?"
„Davon, daß Sie sie nicht betrauern sollen, ist keine Rede. Aber schauen Sie doch nur in den Spiegel! Muß Ihre kleine krause Dietlinde nicht zum Tode erschrecken, wenn Sie mit einem solchen Gesicht an ihr Bett treten?"
„Was sagen Sie? — Krank? — Dietlinde ist krank? — Und keiner von den bezahlten Schurken hier im Hanse sagt Mir davon auch nur ein einziges Wort?"
Er war wieder aufgesprungen und schien willens, zur Tür zu eilen.
Beschwichtigend hielt ihn der Sanitätsrat zurück. „Nehmen Sie's nicht zu tragisch, lieber Freund! Es wäre vielleicht besser gewesen, das Kind nicht an das Bett ihrer Mutter zu führen. Sie erlitt da einen von den Ohnmachtsanfäl- lsu, die m letzter Zeit glücklicherweise immer seltener gek worden waren. Als man mich holte, mußte ich auch etwas
? lieber feststellen. Es kann ja sein, daß irgend eine Kinderrankheit im Anzuge ist. Aber an eine Gefahr, an eine wirkliche, unmittelbare Gefahr brauchen wir einstweilen noch nicht zu denken."
Bardeleben hatte den bedächtig Sprechenden angesehen, als ob er ihm jedes Wort von den Lippen reißen wollte. Nun legte er ihm beide Hände aus die Schultern, daß dev kleine Mann beinahe zusammenknickte unter dem Druck. „Doktor — wenn mit dem Kinde etwas passiert, wenn Sie mir das Kind nicht erhalten können, wenn ich auch, diesen Halt noch verlieren soll, diesen letzten Halt —"
Die übermächtige Bewegung ließ ihn verstummen. Daß er diesen Mann jemals in solcher Verfassung vor sich sehen könnte, lvärc gewiß das allerletzte gewesen, was Doktor Mittmanns Phantasie sich ansznmalen vermocht hätte. Aus einem Gefühl der Beängstigung heraus fing er an, von Dietlindens Zustand viel zuversichtlicher zu sprechen, als sein ärztliches Gewissen e§ ihm eigentlich hätte gestatten dürfen.
„Wie kann man nur von solchen Möglichkeiten reden? Das ist natürlich ganz ausgeschlossen, selbst wenn sie im allerschliinmstc» Fall die Windpocken oder die Masern erwischt haben sollte. Ich habe ihr ein ganz harmloses Mittelchen verschrieben, und am Abend soll sie zur Beruhigung ihrer anscheinend etwas alterierten Nerven ein Schlafpül- perchen nehmen. Ich möchte wetten, daß sie in zwei oder drei Tagen wieder ganz mobil ist. An der richtigen Pflege fehlt ihr's jg nicht. Sie hat sogar, wie mir's scheinen will, die allerbeste, die Sie sich nur für sie wünschen könnten." „Josepha —i melneu Sie?'"
„Au die Alte Hab' ich eigentlich nicht gedacht, obwohl ich nicht zweifle, daß sie sich für ihr .Herzenskleinod ohne Besinnen in Stücke zerschneide» ließe. Mer mit der Opferwilligkeit allein ist's bei der Krankenpflege nicht getan. Um eine rechte Samariteriu zu sein, muß mau auch eilte so liebe Stimme und so sanfte, weiche Hände haben wie Ihre neue Gouvernante. Mit der haben Sie das große Los gezogen, Baron! Oder ich müßte in meinen dreiundficbzig Lebensjahren noch nicht gelernt haben, einen Menschen zu beurteilen." ,
„Haben Tie wirklich eine so hohe Meinung von diesem Fräulein Othmar? Weil sie ein hübsches und liebenswür- diges Gesicht hat — nicht wahr? Aber auch die hühsä-eslen und sanftesten Gesichter können lüge», Doktor!"
Der Sanitätsrat wußte, an welches, nun für immer starr und unbeweglich gewordene Menschenantlitz er dabei dachte. „Wenn uns eines gelogen hat, Herr Baron," sagte er, „soNcn wir darum doch noch nicht den Glauben a» alle anderen verliere». I» die Herzen zu schauen, ist uns freilich nicht vergönnt; aber so alte Augen, wie die meinigcn sehen doch mitunter etwas tiefer, schon Nwil sie sich bei den äußeren Vorzügen nicht so lange aufhalten wie junge."
„Nun, wenn Sie recht behalten — um so besser für Dietlinde. Vorausgesetzt, daß die junge Dame überhaupt Lust hat, in einem sranenlosen Hanse zu bleiben. — Sie sind schon seit dem Vormittag hier im Schlosse, Doktor?"
„Nein. Ich habe nur eben im Vorübersahre» »och einmal Vorgesprächen, denn ich bin ans dem Wege »ach Tiliers- dors, wo sie wahrscheinlich demnächst meinen lieben alten Freund, den Kantor, begraben werden. Das ist nun so ziemlich der letzte von denen, die ich vor vierzig Jahren hier vor- gefnnden habe. Und wenn die Dinge ihren ordentlichen Lauf nehmen, wäre die Reihe jetzt an mir."
„Sie lassen sich schon noch etwas Zeit, wie ich hasse. Ich kann mir in ineincm Hanse gar keinen anderen Arzt vorstellen als Sie. Sie haben schon manchem Bardeleben die Augen zugedrückt, Doktor! Es wäre mir lieb, wenn Sie diesen Dienst auch noch mir erweisen könnten."
„Wenn's ein Tag zum Lachen wäre, lieber Baron, ich würde Sie wahrhaftig auslachen. Sie — mit Ihrer Hon» stitutio», die ans ein Leben von neunzig Jahren eingerichtet ist > — und ich — ein Dreiundsiebzigcr mit vorgeschrittener Arterienverkalkung! Nein, Verehrtcstcr, diese .Hosfnnng müssen Sie sich schon vergehen lassen."
„Die Jungen sind vor dem großen Würger nicht sicherer als die Alten. Haben wir nicht in dieser Nacht den Beweis dafür erhalten? Sir sagen zwar, daß Sie ans eine Katastrophe vorbereitet gewesen seien, aber ich glaube, Sie sagen es nur, weil Sie darin eine Art von Trost für mich sehen."
Seine Rede war immer unsicherer und zögernder geworden, und während er den alten Arzt schars ansah, kam ein eigentümlich gespannter Ausdruck in sein Gesicht.
Mittmann schüttelte mit Entschiedenheit den Hopf. „Nein, nicht deshalb, sondern weil es meine ehrliche Meinung ist. Das Herz Ihrer Frau Geinahlin war viel schwächer, als sie es selber ahnte, lind ihre Anfälle, die einen ausgesprochen epileptischen Eharaktcr hatten, bedeuteten unter solchen Umständen eine immer drohende, schwere Gefahr. Daß sic einmal ans solche,» Anfall nicht wieder erwachen würde, wie es nun in dieser Nacht geschehe» ist, hatte ich längst gefürchtet."
„Und was haben Sie demnach als Ursache ihres Ablebens auf dem Totenschein angegeben?"
„Das einzige, was ich angeben konnte: Herzlähmnng insolge hochgradiger Herzschwäche. Man könnte das ja eigentlich auf jeden Totenschein schreiben."
Er war aufgestanden und reichte Bardelcbcn die Hand.
„Nun aber: Kopf hoch, mein lieber Baron! Denken Sie jetzt weniger an die Entschlafene als an Ihre Kleine, die den Vater »och sehr nötig hat."
„Ich will's versuchen, Doktor. Kann ich zn ihr hinauf«
gehen?"
„Warten Sie noch ein Weilchen. Die schien im Einschlafen, als ich sie verließ. — Ans der Rückfahrt von Dittersdorf lasse ich noch einmal in Klein-Elkbach halten."__
Der Baron geleitete ihn bis zur Tür, dann kehrte er an seinen Schreibtisch zurück. Der Sanitätsrat aber sah sich draußen in der Halle von Josepha anfgehalten, die eben von oben herabgekomme» war. iFortsttzung solgt.j


