Kinderseele.
Roman von Reinhold Ortmantt.
(Nachdruck verbalen.)
(Fortsetzung.)
Bardeleben ivaudte sich jetzt an den Sekretär. „Für Sie, Herr Tißmar, habe ich eine ganze Menge schwieriger Aufträge. Zunächst die Versendung der Todesanzeigen die noch heute abend aus der Waldeuburger Druckerei abge- liesert werde». Benützen Sie dazu die für die Neujahrs- gratutationen ausgestellte Liste, die Sie doch toohl drüben in der Kanzlei haben. litach den einlaufendeu Kondolenzbriefen, die ich nicht zu sehen wünsch«, können Sie dann später auch die Danksagungen verschicken Ich ivill mit diesem Formenkram in keiner Weise persönlich behelligt toerden." >
„Wie Herr Baron befehlen. Ich werde mich bemühen, mit grösster Gewissenhaftigkeit —"
„Na ja! lind dann weiter! Die Handwerker aus Waldenburg, die den großen Salon für die Aufbahrung Herrichten sollen, werden noch heute abend mit allem dazu Nötigen eintresfen. Es soll, wenn es not tut, die ganze 4tacht gearbeitet toerden, und tvenn ich auch nicht bezweifle, das; die Leute ihre Sache verstehen, so wird es doch zweckmäßig sein, sie zu beaufsichtigen und hie und da ein bißchen anzutreiben. Wollen Sie das übernehmen?"
„Mit dem größten Bergnü— Pardon! init der größten Dienstwilligkeit, Herr Baron!"
„An Blattpflanze» und Blumen darf selbstverständlich nicht gespart werden. Meinettvegen ncag das ganze Ge- tmichshans dabei geplündert toerden. Und was etwa morgen noch an besonderen Ausgaben für diesen Ztvcck nötig tvird — Sie können es in jeden, erforderlichen Betrage aus der Gutskasse entnehnleii. Nur komnien Sie mir, bitte, nicht mit Fragen! Wie Sie es machen, tvird es schon gut sein. Und tveun Sie über irgend etwas im ungetoissen sind, so bc- fpreckien Sie sich lieber mit Rudlosf als mit inir."
„«Nanz tvie der Herr Baron es wünschen. Es soll mein eifrigste-? Bestreben sein —"
„Schön, meine Herren! - Ich danke Ihnen."
Sobald sich die beiden mit stummen Verbeugungen hin- ausgeschoben hatten, erschien der Diener wieder in der Tür.
„Herr v. Reibnitz bittet um die Ehre einer kurzen llnter- redung mit dein Herrn Baron."
„Wer?" fuhr Bardeleben aus. und sein gerötetes Gesicht färbte sich noch höher. Aber er faßte sich rasch und gab durch eine Handbeivegung kund, daß er bereit sei, den Volontär zic empfangen.
Im fckpvarzen Gesellschaftsauzuge, den Hut in der Hand, trat Reibnitz ein. Wenn seine Seele voll Haß oder voll Furcht >var, so batte der ehemalige Leutnant doch noch» Herrschaft tzenng Über sich, es zu verbergen. In ehrerbietiger.
aber aufrichtiger Haltung durchschritt er die Länge des Gemaches, um dicht vor den, Schreibtisch stehen zu bleiben.
„Ich möchte Sie um die Erlaubnis bitten, Herr Baron, Kleiii-iEllbach noch heute zu verlassen."
„Dazu hätten Sie »ieine Erlaubnis nicht nötig gehabt. Sie können gehen, tvaun es Ihnen beliebt."
„In der Voraussicht Ihrer Einwilligung habe ich mir denn auch bereits erlaubt, einen Wagen aus Reinswaldau zil bestellen. Haben der 6m Baron noch Befehle für mich?"
Er sprach zu ihm wie zu seiuetn militärischen Vor-, gesetzten, mit geschlossenen Fersen und in dienstlicher Haltung.
Bavdeleben, der ihm bis dahiti kauin einen Blick ge-, gönnt hatte, musterte ihn nach seinen letzten Worten vom Kopf bis zu den Füßen. „Befehle? — Nein. — Höchstens eine Frage. — Was wird aus Rcgine Kreidel?"
„Ich weiß nicht, Herr Baron, ivas ich für das Mädchen tun soll. Geldmittel besitze ich nicht, llnd wenn ich sie aufbrächte, tvürde ihr von ihrem Vater wahrscheinlich ver- boten werden, es anzuuehnien. Wenigstens hat mir der Werkmeister etwas Derartiges gesagt, als er —“
„Als er in seinem Kummer vergebens an Ihr Ehr-, gefühl appelliert hatte," brach Bardeleben los. „Sprechen Sie es nur aus. Vor mir, der ich die ganze erbärmliche Geschichte kenne, brauchen Sie sich nicht lzu genieren."
Reibnitz bewahrte seine Haltung. Nur sein spitzer, flachs-, blonder Kops hob sich um ein geringes. „Sie »vollen sich gütigst erinnern, Herr Baron, daß ich in keinem Dienst- oder Abhäugigkeitsverhaltuis nuchr zu Ihnen stehe."
Bardcleben sprang tauf. Er überragte den langen jungen Menschen noch um ein gutes Stück. „Wollen Sie niir nicht vielleicht gar Ihre Zeugen schicke»? Wahrhaftig, sic steht Ihnen gut, diese Kavatiergriinasse. Nur daß Sie sich sür die Komödie ein anderes Publikum suchen müssen als mich. Also »veil Sie kein Geld haben, oder weil man Ihnen gesagt hat, daß mit Geld da nichts gntzumachen ist, daran, toisseu Sie nicht, was Sie für das Mädchen tun sollen?"
„In der Tat — nein, Herr Baron!"
Bardeleben verschränkte die Arme über der Brust, und indem er seine blitzenden Augen in das magere, von unwillkürlichem Nerveuzückeu entstellte Gesicht des anderen bohrte, sagte er: „Wenn ich Ihnen bei Ihren! Abschied ein Zeugnis auszustellen hätte, wissen Sie, was ich hineinschrciben nrittbe, Herr v. Reibnitz? Ich würde schreiben: Dieser Mensch, der der sich als untoürdig erwiesen hatte, seines Kaisers Rock und seines ehrenwerten Vaters Degen zu tragen, ist Mo ein feiger Dieb in den Frieden einer glücklichen Familick eingebrochen. Er hat Leid und Kummer ans das graue Haupt eines wackeren Mannes gebracht, er hat ein Wv- ersahrenes junges Geschöps, das mit Wort und Ring an einen hundertmal Bessere» gefesselt war, nichtswürdia um sein Lebensglück bestohlen. Dieser Mensch, der zur Schande seiner Familie den Namen Botho v. Reibnitz führt, ist vom Wirbel bis zur Sohle ein Ehrloser und ein Schuft."


