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sind ein Fräukcin, ba§ nuf Schulen studiert T)<t±. Ich meine, es will sich Ivenig schicken, dost Sic so zu mir reden."
„Lossen Sic die Schicklichkeitssragc getrost meine Sorge sein, Josepha! Jcdcnsalls ist es an diesem erste» Abend mein innigster Wunsch, daß ich dein Kinde nach und nach werden könnte, was Sie ihm gewesen sind — und was^ Sie ihm bleiben sollen, solange ich unter dem Dach dieses Hauses lebe."
Die scharscn graue» Augen der Alten ruhten ein paar Sekunden lang auf ihrem Gesicht. Dann war es Margarete, als ob sie einen leisen Druck der schwieligen Fingest verspürt hätte, ehe sie sich aus den ihrigen zogen. „Gute Nacht, Fräulein! Ich bin eine alte Person. Nehmen Sie's nicht für ungut, wenn ich die Menschen erst näher kennen muß, bevor ich alles glaube, was sic sagen."
Undeutlich und halb schon im Entschlummern hatte Dietlinde das „Gute Nacht!" der Gouvernante erwidert. Nun ging Margarete in ihr Zimmer zurück, um sich rasch zu entkleiden und ins Bett zu schlüpfen. Für die Dauer einiger Minuten noch beschäftigte die Erinnerung an die Erlebnisse des heutigen Tages ihren Geist; dann begann die Müdigkeit ihre Gedanken zu verwirren, und wie unter dem sanften Druck einer weichen Hand schlossen sich ihre Lider.
Aber es war kein fester Und erquickender Schlummer, der sie in eine friedvolle Welt glücklichen Bergessens entführte. Wirre, schreckhafte Träume beängstigten ihre Seele und sagten sic durch eine unendliche Reihe peinlicher Geschehnisse.
Plötzlich — sie ahnte nicht, ob seit ihrem Entschlummern Minuten oder Stunden verflossen sein mochten — fuhr sie in jähem Entsetzen empor. Sie glaubte die dröhnende Stimme des Barons gehört zu haben und daun einen schrillen Aufschrei aus weiblicher Kehle, einen Schrei der Leidenschaft oder der Todesangst — säst unmittelbar gefolgt von oem dumpfen Aufschläge» eines schwer niederstürzenden oder zu Boden geworfenen Körpers.
Mit stockendein Herzschlag lauschte sie in die Dunkelheit hinaus, in der ihre Augen erst nach und nach das schwach erhellte Viereck der offenen Verbindungstür zu Dietlindes Zimmer unterschieden. Sie hörte nichts mehr; aber es war ihr, als hätte sic ctivas Bewegliches schattenhaft durch dieses Viereck dahinl,»scheu sehen.
„Dietlinde?" fragte sie halblaut. „Bist du wach?"
Mer sie erhielt keine Antwort, auch nicht, als sie noch einmal de» Namen des Rindes rjcf. Und es >var ein so tiefes Schweigen um sie her. daß sie deutlich das leise Kiiar- ren und Aechzen der entlaubte» Beste vernahm, die sich draußen unter ihrem Fenster im Nachtwinde gegeneinander rieben.
Da kam sie zu der Ueberzeugung, daß alles »ur Traum und Sinnestäuschung gewesen sei. und mit einem schmerzlichen Ausseufzen ließ sie sich in die Kissen zurücksinken.
6. Kapitel.
Hell fiel das Tageslicht durch das leichte Geivebe der Tüllgardiuen vor ihrem Fenster, als Margarete die Augen aufschlug. 'Sie war nicht von selbst erwacht,' sonder» der Druck von etwas Schwereui und Hartem auf ihre Schulter hatte sie geiveckt.
Sie brauchte eine kleine Weile, um sich in dieser fremden Umgebung zurechtzusinden und sich zu erinnern, wem das faltige, verwitterte Francngesicht gehörte, das sie da über sich geneigt sah.
„Stehen Sie auf, Fräulein! Der Baron wünscht, daß Sic mitkommen, wenn Dietlinde zu ihrer Mutter geführt Urirfe."
Margarete richtete sich auf. „Jawohl! — Gewiß! — Wie ist es nur möglich, Josepha, daß ich so lange geschlafen habe?!—Die Baronin wird sicherlich ungehalten sein, wenn sie genötigt ist, auf mich zu warten."
Ohne daß ein Zug in ihren, harten Gesicht sich verändert hätte, schüttelte die Alte den Kopf. „Nein, Fräulein, davor brauchen Sie sich nicht mehr zu ängstigen. Der Frau Baronin ist jetzt alles gleich. Die ist in einer besseren Welk."
Mit beiden Händen umkrampfte Margarete den Arm der Dienerin. „Josepha!" stöhnte sie. „Was ist das? Was haben Sie gesagt? Tic Baronin ist — "
„Sill! Tita schläft noch, lind die muß es ivohl aus andere Art erfahren."
„Barmherziger Gott! Es soll also Wahrheit sein? Frau v. Bardeleben ist tot?"
„Ja. Gegen zloei Uhr morgens ist sie sanft entschlafen. Friede sei mit ihrer grinen Seele."
Das also loar^dic Erklärung für den entsetzlichen Schrei, der sie aus dem Schlafe aufgeschreckt hatte. Aber sagte nicht Josepha, die Baronin sei sanft entschlafen?
„Ehe Sie Dietlinde ivecken, erzähle» Sie mir Näheres. Mein Gott, es ist wirklich nicht Neugier, daß ich danach frage."
„Warum sollten Sie's auch nicht wissen? Um ein Uhr kam der Baron au meine Zimmertür, weil die Baronin plötzlich erkrankt wäre. Er war ganz verstört und ist selber nach Reinsivaldau geritten, um den Sanitätsrat zu holen Aber als der ankam, war schon alles vorbei. Sic lag wie im Schlaf die ganze Zeit, während Fan», und ich an ihrem Bette saßen. Und 'im Schlaf ist sie auch hinübergegange». Kaum, daß man's gemerkt hat, als sie starb."
Noch immer hatte Margarete nicht die Krast gesunden, sich von ihrem Lager zu erheben. In ihrem Kopfe wirbelte es, und ihr Herz klopfte so stürmisch, daß sie seine Schläge hörte wie das Ticken einer Uhr.
„Und woran —" -
„Sie war schon lange herzleidend. Der Sanitätsrat sagt, er habe immer gefürchtet, daß es einmal ganz plötzlich mit ihr zu Ende gehen würde. Sic hat einen schöne» Tod gehabt, Fräulein! Und uns kommt es nicht zu, ein lautes Gcjainmer darüber zu erheben. Wie der Herr Baron es nimmt, ist seine Sache. Daß es ihn so fi,rchtbar packen könnte, hätt' ich freilich nimmermehr geglaubt."
„Und Dietlinde? Das arme, unglückliche Kind! Wie soll man es ihr nur sagen?"
Mer sie wurde des weiteren Nachdenkens über diese schmerzliche Frage überhoben, denn plötzlich stand die Kleine in ihrem laugen weißen Nachthemd, bleich und großäugig wie ein Wesen aus einer anderen Welt, aus der Schwelle der Vcrbindungstür und sagte! „Ich will aber nicht hinübcr- gehen, Josepha! Wenn die Mama gestorben ist, will ich sie nicht mehr sehen."
Margarete erschauerte wie unter einem Strom jählings über sie ausgegossenen kalten Wassers. Hatte dies frühreife Kind von der Furchtbarkeit des Todes wirklich noch eine so unzulängliche Vorstellung, daß die unverinutete Schrcckenskunde in seiner Seele keine andere Empfindung auszulösen vermochte als die dcsZÄranciis vor dem Anblick einer Leiche?
Sie sprang aus dem Bett und umschlang die Kleine, um sie aus ihr Küie zu ziehen. „Dita! Liebe, geliebte Dita! Denkst du denu nicht daran, daß die Mama getzt vielleicht von da droben aus dich herabschaut, und daß sie sehr traurig sein würde, wenn 'du ihre irdische Hülle nicht »och einmal küsse» wolltest?"
Dietlinde schwieg. Der gespannte Ansdruck ihres wächsernen Gesichtchens ließ erkennen, daß irgend etwas ihre Gedanken sehr angelegentlich beschäftigte. Tan» fragte sie: „Ist Papa auch bei der Mama, Josepha?"
„Nein, Liebling. Er ist eben nach Waldenburg gesahren und kann wohl kaum vor Nachmittag zurück sein."
„Dann will ich hinübcrgehcn."
Sie sagte cs kurz und bestimmt. Aber noch immer lvar etlvas so seltsam Fremdes, lluirdisches in ihrem Gesicht, daß cs auch der alte» Josepha. nicht entgehen konnte.
„Bist du so sehr erschrocken, Herzchen?" fragte sie das Kind, das von Margaretes Schoß herabglitt, um sich an- klcidcn zu lassen. „Ja, wie könnt' es den» auch anders sein! Aber jetzt mußt du zeigen, daß du meine mutige kleine Dita bist, lind den Papa niußt du jetzt »och mehr lieb haben als zuvor. Nun hat er auf der Welt ja bloß dich."
(Fortsetzung lolgt)
Sur Geschichte der vurg und Stadt Staufenberg an der Lahn.
Von Dr. H. Vergor- Gießen.
(Fortsetzung.)
II. S I a d t S t a u f c n b e r g. *
Die Burg Stausensberg blieb nicht lauge »ach ihrer Erbauung allein. Es entstand bei ihr uni die Mille des l 2. Jahrliuu- derts unten im Tal ein Burg fl ecken durch die Ansiedelung von Hörigen, die für die Ausübung ihres Handmrrks Brschäs- ligun^ und Verdienst bei dem Burgherrn fanden und sich unter dem Schgtz einer neu erbauten Burg sicher fühlte». Auch Frei« traten in den Dienst des Burgherr», wurde» seine Burgiiiaime», erhielic» von ihm Burglehen, Haus unv Hof. Ihre Niederlassung unteu int Tale mag de» Besitzer der Burg, den Grasen von Ziegen-


