Ausgabe 
16.7.1914
 
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Kinderseele.

Roman Uon Reinhold D r t nt a n tt.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

ES war an dem Abend, wo Hermann Knbalke und ich tags darauf Hochzeit machen wollten. Elf Jahre toaren tvir miteinander gegangen, und immer lwtte cs nicht gereicht für daS Hänschen und das bißchen Hausrat, tvaS man drxh zum Heiraten braucht. Nu» aber hatten wir's tbeifaniinen. Und wir waren sehr froh darüber. Nicht vorher und nicht nachher in meinem Leben bin ich jemals wieder so froh getvesen tute in der Zeit. Und weil wir noch mancher­lei zu bereden hatten, toaren wir zur Achlummerzeit mit- saniincn durchs Dorf gegangen und noch ein Stück darüber hinaus, bis wir mit einem Male au den See gekommen toaren wir wußten selber nicht ivie. Da sah ich tvas Klei­nes, Dunkles, das sich weit draußen auf dem Eis bewegte, tiird da schrie ich auch schon los!Herr im Himmel, der junge Herr Baron! Alle guten Geister sollen ihn beschützen!" Mein Bräutigam aber sagte:Es muß ein Wunder ge­schehen, wenn er lteil zurückkommt. In der Mitte trägt's ihn nimmermehr." Und wie er das noch nicht ausgesprochen hatte, da sahen >vir auch schon, tvie der kleine Harro die Brrmchen in die Höhe warf. Und dann war er verschwunden. Wie verdonnert standen wir da. Aber nicht lange, denn mein Bräutigam war kein Mann, für den es ein langes Besin­nen gab, wo'S Zugreifen not lat. Er tvußte wohl, daß nicht mehr Zeit ivar, ins Torf zurückzulaufen und Leitern oder Stangen zu holen. Darum lief er das steile Ufer hinunter, legte sich platt aufs Eis und schob sich mit Händen und Füßen vorwärts, immer näher nach dem schwarzen Loch hin, das ihm den Weg zeigte. Wo der Knbalke bleibt, dacht' ich, da bleib' ich auck> Und tat's ihm nach. Und gut war's, daß ich auf den (bedanken gekommen war lyenigstens für den kleinen Herrn Baron. Denn meinem Bräutigam hat's nichts nützen können, dem war's nun mal bestimmt, daß er seinen Hochzeitstag nicht erleben sollte. Das Eis trug ihn, bis er ganz nahe an das Loch herangekommen ivar: dann brach's auch unter ihm, und nie Hab' ich begreifen können, daß es mich auSgchaltcn hat, obwohl ich damals freilich nur ein leichtes Ding war und dünn ivie ein Zaun- stecken. Bis hart an den Rand der Bruchstelle ivar irl, ge­krochen, und weil ich die gräßliche Stille nicht aushalten konnte, die um mich herum war, schrie ich einmal übers andere:Knbalke, >vo bist du?" MS wenn er mir hätte Antwort geben können aus dem tiefen, kalten See heraus! Da sing das schwarze Wasser vor mir mit einem Male an, sich zu beivegen, und es kam was zum Borschein ein kleiner blonder Kinderkopf. Da muß ich denn wohl gleich zugepackt und ihn zu mir heraufgezogen haben aufs" Eis, während ich mich zugleich mit den Knien rückwärts schob, von dem gräßlichen Loch weg. Genau kann ich dir das

nicht erzählen, Herzenskindchen, denn ich Hab' keine rechte Erinnerung belwlten an das, tvas ich damals tat Nur das eine werd' ich nicht vergessen bis an mein Ende das eine, daß eine Hand und ein halber Arm heraustauchten aus dem Wasser, und daß die Finger von der Hand in der Lust her- umgriffen, als ob sie nach etwas suchten, woran sie sich sesthalten könnten. Aber es war nichts da lind ich konnte nicht hin bis zu ihm, denn dazwischen war alles EiS ge­brockten, nnd ich bog so schon mit der Brust halb im Wasser Da sanken der Arm und die Hand wieder in den See zu­rück Und das war das letzte gewesen, waS ich von dem lebendigen Hermann Knbalke gesel>en babe."

Margarete hatte sich längst aufgerichtet, nnd mit ver­haltenem Atem hatte sie gehorcht, uni kein Wort von der Erzählung der Alten zu verlieren. Nun wartete sie gespannt aus das, was Dietlinde sagen würde. Aber die Kleine hatte die Geschichte von Hermann Kubaltes Heldentod >oohl sck>vn zu oft gehört, als daß der Eindruck sie Hoch hätte über­wältigen können.

Weißt du, igosepha," klang es seltsam nachdenklich durch die Stille,iveißt du, was die Mama getan hätte, ioenn sie da mit dem kleinen Harro ans dem Eis gelegen hätte, als die Hand wieder tut L>ee verschwand?"

Nein, Schätzchen, wie soll ich das tvissen?"

Ich weiß es. Sie würde den kleinen Harro wieder hin- eingelvorfen Iwben in das Loch. Und dann hätte sie gesagt, er wäre mit Hermann Knbalke ertrunken."

Bewahre dich der Himmel vor sündigen Gedanken, Kind! Soll ich dir jetzt auch noch das Ende von der Ge­schichte erzählen?"

Ach, das kenn' ich schon. Du bist mit meinem Papa über das Eis zurückgekrvchen, und sie haben ihn hier im Schloß wieder zunt Leben gebracht. Und dann hat der Papa von meinem Papa gesagt, du solltest bis an dein Lebens- etide zu seinem Hause gehören und darum hat dich die Mama inck» iortschicken dürfen tvie alle die anderen, die noch von früher her hier waren nnd der Papa hat ge­sagt, wenn du fort solltest, dann ginge er auch fori und mich würde er mitnehmen. Und ich bete so oft, daß er es doch tun möchte. Aber er tut es nicht. Jetzt weiß ich ganz geiviß. daß er es nie niemals tun wiro."

In der Sckirift steht, daß Mann und Weib zufammen- gehören. Davon verstehst du aber noch nichts, Dita Und nun wollen wir beten."

Margarete trat ans die Schwelle der Berbindnngstür. Gttte Nacht, Iosepha!" wandte sie sich an die Alte, die eben im Begriff war, das Zimmer zu verlassen.Wollen wir einander nicht die Hand geben, da ivir doch fortan einö sein wollen in unserer Liebe zu Dita?"

Die Alte, die bei der unerwarteteil Anrede ihre sinsterste Miene aufgesetzt hatte, kam zügeritd und mit sichtlichent in- bereit Widerstreben der Aufforderung nach. Schlafs und ohne Druck lag ihre harte, runzelige Hand in den Händen per Erzieherin.Ich bin nur eine uttwisseitde Magd, und Sie