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den Durchblick in ein ziveites Gemach, das seiner Ausstattung nach wähl zum Rauch- und Drin Zimmer bestimmt war. —
Man wartete noch auf den Hausherrn, als Margarete 'eintrat. Bevor er erschien, bewirkte die Baronin in der lässigen Art, die allen ihren Handlungen eigentümlich schien, die Vorstellung der neuen Haustzenossin und der beiden außer ihr anwesenden Herren.
„Herr v. Reibnitz, Volontär auf Klein-Ellbach — Fräulein Othmar, Dietlindes Gouvernante — Herr Sanitätsrat Dr. Mittmann."
Der zuerst Genannte wollte Margarete nicht wie ein
E remder Vorkommen, hem sie zum ersten Male in ihrem eben begegnete. Irgendwo meinte sie diese lange, überschlank« Gestalt, dieses scharfgeschnittene, bartlose, nervöse Gesicht mit den unruhig umhersahrenden hellblauen Angen bereits gesehen zu haben; aber sie erinnerte sich nicht, wo eS geschehen sein mochte, und sie war nicht gestimmt, sich lange den Kopf darüber zu zerbrechen. Jedenfalls war ihr dieser schon recht verlebt anssehende junge Mann viel weniger smnpathisch als der Sanitätsrat, ein Keiner, beweglicher, weißhaariger Mann, der wohl die Siebzig bereits überschritten hatte und sie aus gutmütig zwinkernden Aeug- lein mit ganz unverhohlener Neugier betrachtete.
„Othmar sagte die Gnädigste, wenn ich recht verstanden habe." redete er sie ungeniert an. „Vielleicht eine Verwandte des bekannten Philosophen gleichen Namens?" „Mein Vater, Herr Sanitätsrat."
„Und ein sehr liebenswürdiger Herr, wie ich aus eigener Erfahrung bezeugen kann," misckte sich Herr v. Reibnitz im richtigen Leutnantston ein. „Gnädiges Fräulein werden sich vermutlich kaum noch erinnern; aber ich hatte vor zwei Jahren oder so herum die Ehre, Ihrem Herrn Vater vorgestellt zu werden und in einer Franoaise als Ihr Visavis zu tanzen. Es war bei irgend einem Berliner Konsul oder dergleichen. Hätte mir damals freilich nicht träumen lassen. Ihnen hier auf Klein-Ellbach wieder zu begegnen. — Ah, der Herr Baron !"
Bardelebens Reckengestalt war in die offene Tür getreten, und wie er erhobenen Hauptes dastand, ernster, als
H n bisher gesehen, mit raschem, scharfem Blick die kleine der Anwesenden überfliegend, erschien er ihr als die ar vollkommenste Verkörperung männlicher Kraft und ritterlicher Vornehmheit. Zugleich aber bemächtigte sich ihrer von neuem jene Bangigkeit, die sie vorhin während der gemeinsamen Wagenfahrt vergebens zu meistern gesucht hatte.
K fte seine Slugen auf sich ruhen fühlte, mutzte sie den 's zur Seite wenden, um ihre Verwirrung zu verbergen. „Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich; habe warten lassen," sagte er, „aber es gab drüben in Reinswaldau für Mich zu tun. — Guten Mend, verehrter Herr Sanitätsbat! Wir haben uns ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ich hoffe, Sie haben inzwischen den Gottesäcker fleißig bestellt. Es krchbelt ja noch immer viel zu viel Geschmeiß auf dieser schönen Erde herum. — Nun, Fräulein Othmar, haben Sie sich schon ei» wenig vvn den Schrecknissen Ihrer ersten Eindrücke auf Klein-Ellbach erholt?"
Noch bevor er den alten Arzt mit kräftigem Händeschütteln begrüßt, hatte er die kleine, schmale Rechte der Baronin in rascher, flüchtiger Bewegung bis in die Nähe seiner Lippen geführt, und nun nickte er Margarete lächelnd Mt. lieber die zu tiefer Verbeugung gebogene Gestalt und die grußbereite Hand des Herrn v. Reibnitz aber waren seine glänzenden Augen hinweggeglitten, wie wenn da, wo der Volontär stand, nichts als leere Luft gewesen wäre.
Dem Beispiel der Hausfrau folgend, ließ man sich an dem reich und geschmacüioll gedeckten runden Tische nieder, und sogleich wurde mit deni von Fanni und einem Diener besorgten Servieren der Speisen begonnen.
Margarete hatte ihren Platz zwischen dem Baron und Herrn v. Reibnitz erhalten; aber keiner ihrer böiden Tischnachbarn schien in der Laune, sich mit ihr zu beschäftigen. Bardeleben hatte ein lebhaftes Gespräch mit dem Sanitats!- rat angeknüpft, und Reibnitz saß während der ersten Minuten in tiefem Schweigen da:
Seltsamer und bedrückender freilich als dies Verstum- >n des vorhin so redefertigen jungen Mannes wirkte auf rrggrete der Anblick der schönen Frau, die mit der Starreit einer wächsernen Statue zwischen dem alten Arzt und vrem Gatten saß, Wenn sie auch von jedem Gang etwas " ihren Teller nahm, so rührte sie doch keine der Speisen
an, und die vollkommenste Teilnahnilosigkeit für alles, waÄ um sie her geschah, drückte sich in ihrer Haltung wie in> ihren unhewealichen Zügen aus.
„Wie steht's übrigens mit Dietlindes Gesundheit?" fragte Bardeleben, als er das erste Gesprächsthema erschöpft hatte. „Ich habe sie zwar vorhin nur slüchiia gesehen, aber sie kam nur beinahe noch spitzer vor als sonst.
„Sie brauchen sich ihretwegen vorderhand keine Sorge zu machen," beruhigte der Sanitätsrat. „Ein bißchen nervös und blutarni ist sic ja leider von Haus aus. Aber wenn sie geistig nicht so sehr angestrengt wird, mach! sie sich schon mit der Zeit heraus." j ,
„Da hören Sie's, Fräulein Othniar," wandte sich der Baron an Margarete. „Machen Sie's also gnädig mit der Dressur." ,
„Das Fräulein ist durch mich bereits hinlänglich über die Natur ihrer Pflichte» unterrichtet," erllang jetzt zum ersten Male die weiche Stimme der Baronin. „Wenn du cs aber statt meiner übernehmen willst, Harro, Dietlindes Erziehung zu leiten unsd zu überwachen, so —"
„Vor solchen cbelüsten bewahre mich der Himmel. Ich weiß mit kleinen Madeln nichts janzu fangen, noch dazu, wenn sie Io zerbrechlich sind wie das meine. Darauf, daß ihrer Zerbrechlichkeit auch von anderer Seite gebührend Rechnung getragen werbe, kann ich mich ja wohl verlassen."
Die Baronin antwortete nicht, und es trat eine etwas peinliche Stille ei», bis der Baron Vvn neuem das Wort nahm, „Fast hätte ich vergessen, Irma, dir einen Gruß «us- zurichten, der mir ftir dich vusgetragen worden ist. Du wirst schwerlich erraten, von wem."
Der Blick der jungen Frau war starr ins Leere gerichtet, und sie hätte es auch bei der Anrede ihres Gallen nicht für der Mühe ivert gehalten, ihm eine andere Richtung zu geben. In, Tone frostigster Interesselosigkeit antwortete sie: „Nein, in der Dal —"
„Von meiner .Base Jadwiap. Ich traf sie zu meiner Ueberraschung aus dem Bahnhof in Kohlsurt, wo sich unsere Rcisewege kreuzten. Sie wollte nach Berlin, um einige Vorlesungen zu hören, und vermutlich auch, um ein wenig von dem Becher der Lust zu naschen, der dort allwinterltch so freigebig kredenzt wird. Sie hat sich sehr teilnehmend lincft dir erkundigt, und sie trägt dir's augenscheinlich nicht »ach^ daß du ihr noch immer eine erneute Einladung »ach Klein- Ellbach schuldig bist,"
„Irl) komite ja nicht annehme», daß Fräulein von Ostrowski eine derartige Einladung erwartet. Denn ich bin leider nicht in der Lage, meinen Gästen hier den Becher der Lust zu kredenzen."
Da war schon wieder die drohende Falte zwischen den Brauen des Riesen. Und wieder grollte seine tiefe Stimme über den Tisch hinweg. „Nein, der Himmel weiß es, daßj dergleichen hier noch nie versucht ivorden ist, wenigstens nicht mehr in de» letzten acht Jahren. Die Becher, aus denen hier getrunken wird,haben mehr Geruch nach Wermut oher Er unterbrach sich, denn er war zufällig den Äiigeit der Gouvernante begegnet, und; was er in ihnen gelesen) war jedenfalls ausreichend, ihn daran zu erinnern, daß er eben im Begriff gewesen war, sich gegen die Gebote gesellschaftlicher Sitte zu versündigen. Ohne den begonnene» Satz zu vollenden, erhob er sein Glas .gegen Margarete.
„Aus gute Hausgenossenschaft, Fräulein Othmar! Und darauf, daß Ihr Wirken unter diesem Dache ein gesegnetes sei!"
Sic neigte dankend den Kops und nippte an ihrem Glas«, (Fortsetzung folgt.)
Zur Geschichte der vurg und Stadt Staufenberg an der Lahn.'»
Bon vr. H. B e r g s r-Gießen.
I. Die Burg Staufenberg.
Dic älteste Geschichte der Burg Staufenberg ist wie die Enh> stehung ihres Naincns in Dunkel gehüllt. Man will den Name» „Stousinberg, Stoyphenberg" von einer germanischen Kultstättt
*) Benutzt: 1. Archivalien: a) Zahlreiche Urkunden des Stadtarchivs zu Staufenberg, b) Urkunden des Haus- und Staatsarchivs zu Dakmstabl. 2. G e dr uck te Qu e > l e n; Günther; Bilder aus der Hess. Borzeit. 18öS, von Ri tgen, Geschickt« der Stadt Staufenberg und ihrer beiden Burgen. (UntbersitW» sestschsist 1863,)


